WERBUNG

Reiserücktritts-Versicherung: Bis wann storniert werden muss

18.2.2021 – Eine Reise muss nicht bereits bei den ersten Anzeichen einer möglichen Verhinderung storniert werden, um einen Anspruch auf eine vollständige Erstattung der Stornokosten durch einen Reiserücktrittskosten-Versicherer zu haben. Das hat das Amtsgericht Bergisch-Gladbach mit Urteil vom 5. Oktober 2020 entschieden (66 C 95/20).

Der Kläger hatte für sich und seine Ehefrau eine Flusskreuzfahrt gebucht. Die Reise sollte am 15. September 2018 beginnen. Am Tag der Buchung schloss er eine Reiserücktrittskosten-Versicherung ab. Deren Bedingungen sahen vor, dass eine Fahrt bei einem versicherten Ereignis unverzüglich zu stornieren sei, um einen Anspruch auf Leistungen zu haben.

Fahrradunfall vor der Flusskreuzfahrt

Ende Juli 2018 erlitt die Ehefrau einen Fahrradunfall. Bei einem Sturz prallte sie mit ihrem durch einen Helm geschützten Kopf leicht gegen eine Betonwand. Weil sie zunächst keine Beschwerden hatte, verzichtete sie darauf, sich ärztlich untersuchen zu lassen.

Als sie zu einem späteren Zeitpunkt unter Schwindel litt, begab sie sich am 15. August 2018 in eine Klinik. Dort wurde festgestellt, dass sie bei dem Anprall mit ihrem Kopf trotz des Fahrradhelms ein chronisches subdurales Hämatom erlitten hatte. Für diese Verletzung ist typisch, dass sie sich nicht unmittelbar nach einem Trauma äußert, sondern gegebenenfalls erst mehrere Wochen später.

Drei Tage nach der Behandlung wurde die Verletzte aus dem Krankenhaus entlassen. Dabei wurde ihr versichert, dass sie die geplante Flusskreuzfahrt werde antreten können.

WERBUNG

Verspätete Stornierung?

Bei einer knapp einen Monat später durchgeführten Kontrolluntersuchung stellte sich jedoch heraus, dass sich das Hämatom wider Erwarten vergrößert hatte und Anteile frischen Bluts zu erkennen waren.

Die Gestürzte musste sich daher einer Operation unterziehen. Das nahm ihr Mann zum Anlass, die Reise unverzüglich zu stornieren und unter Vorlage einer ärztlichen Bescheinigung seinen Reiserücktrittskosten-Versicherer zu informieren.

An den Stornokosten in Höhe von knapp 3.600 Euro wollte der sich jedoch nur mit einem Betrag von 840 Euro beteiligen. Das begründete er damit, dass die Stornierung zu spät erfolgt sei. Der Reiserücktritt hätte schon am Tag des Unfalls, spätestens jedoch anlässlich des ersten Klinikaufenthalts erfolgen müssen. Denn dann wären die Stornokosten deutlich geringer ausgefallen.

Der Fall landete schließlich vor Gericht. Dort erlitt der Versicherer eine Niederlage.

Erheblicher Ermessensspielraum

Nach Ansicht der Richter hatte der Urlauber die Reise unverzüglich im Sinne der Versicherungs-Bedingungen storniert. Denn das Prognoserisiko sei Teil des abgesicherten Schadensszenarios einer Reiserücktrittskosten-Versicherung.

Oftmals könnten nämlich der Heilungsverlauf und die Heilungsgeschwindigkeit nur mit gewissen Wahrscheinlichkeiten für die Zukunft prognostiziert und nicht abschließend sicher festgestellt werden.

Einem Versicherten stehe in so einer Situation daher ein erheblicher Ermessensspielraum zu. Ihm könne folglich keine Verletzung seiner vertraglichen Obliegenheiten vorgeworfen werden, wenn er nicht bereits bei den ersten Anzeichen der Möglichkeit eines Versicherungsfalls eine Reise storniere.

Versicherer ist zur Leistung verpflichtet

Denn hätte der Kläger in dem entschiedenen Fall entsprechend gehandelt, ohne dass sich das Erkrankungsrisiko realisiert hätte, hätte ihm sein Versicherer berechtigter Weise die Leistung unter Hinweis auf den fehlenden Schadensfall verweigern können.

Der Mann habe die Fahrt daher erst dann stornieren müssen, als mit hinreichender Wahrscheinlichkeit feststand, dass sie nicht angetreten werden konnte. Das habe er jedoch in dem Augenblick getan, als sich gut sechs Wochen nach dem Unglück überraschend die Notwendigkeit einer Operation herausstellte. Der Versicherer sei daher in vollem Umfang zur Leistung verpflichtet.

Schlagwörter zu diesem Artikel
AVB · Beschwerde · Reiseversicherung · Storno
 
WERBUNG
Wie gehen Sie mit dem zunehmenden Effizienzdruck um?

Die neue BVK-Studie deckt die Erfolgsfaktoren des Versicherungsvertriebs auf und zeigt Ihnen, wie auch Sie Ihren Betrieb effizienter gestalten und sich für die Zukunft wappnen können.

Mehr Informationen erhalten Sie unter diesem Link...

Kurzumfrage – Ihre Meinung ist gefragt!

WERBUNG
Inserieren im Anzeigenmarkt

Das VersicherungsJournal ist eines der meistgelesenen Medien in der Branche, siehe Mediadaten.

So finden Sie zielsicher Ihre neuen Mitarbeiter, Arbeitgeber oder Geschäftspartner. Nutzen Sie die schnelle und direkte Zielgruppenansprache zu günstigen Konditionen. Gesuche werden kostenlos veröffentlicht.

Erteilen Sie hier Ihren Anzeigenauftrag für Angebote und Verschiedenes oder Gesuche, oder lassen sich persönlich beraten!

Beachten Sie auch die Seite Aktuelles für Stellenanbieter.

Ihr Wissen und Ihre Meinung sind gefragt

Ihre Leserbriefe können für andere Leser eine wesentliche Ergänzung zu unserer Berichterstattung sein. Bitte schreiben Sie Ihre Kommentare unter den Artikel in das dafür vorgesehene Eingabefeld.

Die Redaktion freut sich auch über Hintergrund- und Insiderinformationen, wenn sie nicht zur Veröffentlichung unter dem Namen des Informanten bestimmt ist. Wir sichern unseren Lesern absolute Vertraulichkeit zu. Schreiben Sie bitte an redaktion@versicherungsjournal.de.

Allgemeine Pressemitteilungen erbitten wir an meldungen@versicherungsjournal.de.

WERBUNG
Erfolgreich Kundengespräche führen

Geraten Sie in Verkaufssituationen immer wieder an Grenzen?
Wie Sie unterschiedliche Persönlichkeitstypen zielgerichtet ansprechen, erfahren Sie in einem Praktikerhandbuch.

Interessiert? Dann klicken Sie hier!

Diese Artikel könnten Sie noch interessieren
3.4.2017 – Die Bedingungen einer Reiserücktrittskosten-Versicherung auszulegen, fällt nicht immer ganz leicht. Das belegt ein Urteil des Münchener Amtsgerichts. mehr ...
 
22.8.2014 – Übermäßiger Alkoholkonsum kann böse Überraschungen zur Folge haben. So auch in einem Rechtsstreit, in dem es um Leistungen aus einer Reiserücktrittskosten-Versicherung ging. mehr ...
 
29.6.2012 – Immer wieder kommt es zu Streitigkeiten zwischen Versicherten und ihren Reiserücktrittskosten-Versicherern, was unter einer nicht versicherten Vorerkrankung zu verstehen ist. So auch in einem kürzlich entschiedenen Fall. mehr ...
 
20.1.2012 – Eine seit Jahren an Rheuma erkrankte Frau konnte eine gebuchte Reise wegen eines akuten Krankheitsschubes nicht antreten. Als ihr Reiserücktritts-Versicherer die Leistungsübernahme verweigerte, landete der Fall vor Gericht. mehr ...
 
15.3.2010 – Immer wieder gibt es Streit in der Reiserücktrittskosten-Versicherung, ob ein Rücktritt auf eine unerwartete, schwere Erkrankung zurückzuführen ist. So auch in einem aktuellen Fall eines zunächst nicht erkannten Bandscheibenvorfalls. mehr ...
 
1.2.2021 – Die europäische Versicherungsaufsicht Eiopa zieht in einem Bericht eine erste Bilanz über die Auswirkungen der Pandemie. Neben Risiken im Bereich der fondsgebundenen Versicherung ortet sie eine Reihe von weiteren Knackpunkten. (Bild: Pixabay CC0) mehr ...
 
8.9.2020 – Die Hauptreisezeit ist zwar vorerst vorbei. Dennoch haben die Versicherer teils noch im August reagiert und ihre Produkte um spezielle Corona-Maßnahmen erweitert. Große Unterschiede gibt es beim Thema Quarantäne. (Bild: Pixabay CC0) mehr ...
 
27.4.2020 – Die Pandemie wirft immer neue Fragen auf. Doch die Versicherungsbranche weiß sich und ihren Kunden zu helfen, zum Beispiel bei Kranken- und Reiseversicherungen sowie Gewerbepolicen. Auch über ein Ende der verordneten Heimarbeit wird nachgedacht. mehr ...
WERBUNG