Industrieversicherung verschläft Digitalisierung

26.4.2018 – In der deutschen Industrieversicherung herrschen hinsichtlich der digitalen Kundenkommunikation nach Ansicht des GVNW „katastrophale Zustände“. Trotz Millionen Investitionen der Assekuranzen in ihre IT-Systeme gibt es keinerlei Standards, der Industriekunden eine medienbruchfreie Kommunikation ermöglicht.

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Nach Erkenntnis des Gesamtverbandes der versicherungsnehmenden Wirtschaft e.V. (GVNW) gibt es immer noch für Industriekunden keine einheitlichen digitalen Standards.

Alexander Mahnke (Bild: Schmidt-Kasparek)
Alexander Mahnke (Bild: Schmidt-Kasparek)

„Die Industrieversicherer haben es bisher versäumt, eine für alle Kunden einheitliche Plattform über das Internet anzubieten“, kritisierte Dr. Alexander Mahnke, Vorsitzender des GVNW anlässlich eines Pressegesprächs.

„Verschlafen“ sei noch eine beschönigende Wortwahl für die Probleme bei der digitalen Kommunikation mit den Assekuranzen. Mahnke ist hauptberuflich für das Industrieversicherungs-Geschäft bei der Siemens AG in München zuständig. Der Verband habe die in Deutschland tätigen Versicherer seit Jahren gemahnt.

Doch die Kommunikation auf „Excel-Niveau“ führe zu enormen Reibungsverlusten und hohen Kosten bei der Anbahnung, Verwaltung und Schadenregulierung. „Unsere Kunden müssen in der Regel mit mehreren Versicherern zusammenarbeiten. Dabei ist kein IT-System der Assekuranzen mit dem anderen kompatibel“, so Mahnke.

Eine Plattform für den Datenaustausch

Kritik äußerte der GVNW in diesem Zusammenhang am Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV). Der habe eine einheitliche Lösung mit dem Hinweis auf Kartellrelevanz abgelehnt. Dabei gehe es lediglich darum, eine stabile und langfristig gültige Kommunikationsplattform zur Verfügung zu stellen.

Die Kunden der Versicherer seien längst viel weiter und könnten jederzeit digitale Daten liefern. „Möglich ist, dass die Brancheninitiative Bipro e.V. eine Lösung bietet“, hofft Mahnke. Wenn die Digitalisierung in der Industrieversicherung nicht schnell voranschreite, könnte der Markt nachhaltig beschädigt werden.

Industriekunden könnten sich Alternativen für den Risikotransfer suchen. Bedroht ist der Markt zudem, weil einige Versicherer für einige Branchen die Prämien in der Vergangenheit falsch kalkuliert haben. Scheinbar seien Risiken nicht richtig eingeschätzt worden. Nun fordern die Versicherer teilweise zweistellige Prämienerhöhungen.

Hier sollen ganze Branchen für Fehler der Versicherer und einige Großschäden bluten.

Christian Böhm, GVNW

Weg von reinen Preiserhöhungen

Christian Böhm (Bild: Schmidt-Kasparek)
Christian Böhm (Bild: Schmidt-Kasparek)

„Hier sollen ganze Branchen für Fehler der Versicherer und einige Großschäden bluten“, kritisierte GVNW-Vorstandsbeisitzer Christian Böhm von der Firma Freudenberg & Co. KG.

Der Verband warnt die Assekuranzen vor solchen „simplen“ Preiserhöhungen und fordert zu einem „intelligenten“ Dialog auf.

Besonders betroffen sei die Recycling- und Lebensmittelbranche. Mahnke: „Das kann dazu führen, dass Unternehmen nach Alternativen zum Versicherungsschutz suchen würden.“

So gäbe es mittlerweile genug langfristige Kapitalmodelle, die Sicherheit bieten würden, aber eben keine Versicherungen sein. Damit würde man sich zudem die Versicherungssteuer sparen.

Geschäftschance für Versicherer

Nach Ansicht von GVNW-Vorstand Matthias Beck würden viele Versicherer die Investitionen der Unternehmen in höhere Sicherheit nicht ausreichend honorieren. Dabei sei solches Risiko-Management oft schwierig in den Unternehmen durchzusetzen.

Beck: „Wenn Versicherer das mehr würdigen, verbessert sich auch die Position für weitere Investitionen.“ Versicherer sollten zudem nach Ansicht des GVNW durch Tochterfirmen viel mehr Schadenverhütungs-Leistungen anbieten. „Viele Unternehmen sind bereit, für solche Leistungen zu zahlen“, glaubt GVNW-Chef Mahnke.

Hier liege für die Versicherer eine große Geschäftschance.

Bei deutschen, französischen oder Versicherern aus der Schweiz, kauft man mit der Versicherungsprämie das Recht auf Leistung ein, bei britischen Versicherern oft nur das Recht auf Diskussion.

Dr. Alexander Mahnke, GVNW

Schadenregulierung schwieriger

Einig ist man sich im Verband zudem darüber, dass die Schadenregulierung insgesamt schwieriger geworden ist. Das sei zwar nicht flächendeckend. Doch viele Versicherer würden mehr auf Formalien beharren und bei kleineren Unternehmen, die nach Großschäden dringend auf Versicherungsleistungen angewiesen sind, den Druck in Richtung eines Vergleiches erhöhen.

Nach Einschätzung von Siemens-Mann Mahnke ist aber eine schlechte Schadenregulierung oft auch ein Reflex darauf, dass Unternehmen beim Versicherungsabschluss nur auf den Preis achten würden. So würde die Expertise für die Schadenregulierung bei Versicherern mit eigener Schadenabteilung deutlich höher ausfallen.

„Bei deutschen, französischen oder Versicherern aus der Schweiz, kauft man mit der Versicherungsprämie das Recht auf Leistung ein, bei britischen Versicherern oft nur das Recht auf Diskussion“, sagte Mahnke.

Cyberkapazitäten schon erschöpft

Überrascht ist der Verband zudem darüber, dass die Versicherer nach anfänglicher Euphorie in Sachen Cyberschutz derzeit schon wieder den Kapazitätshahn zudrehen.

Beck: „Nachdem anfänglich Cyberdeckungen bis zu 100 Millionen versprochen wurden, gibt es jetzt einen deutlichen Trend zu geringeren Versicherungssummen.“ Teilweise sei bei 30 Millionen Euro Schluss, weil die Versicherer nun das Kumul-Risiko bei IT-Schäden entdeckt hätten. An der Diskussion, ob Cyber-Schutz eine neue Sparte werde, will sich der GVNW nicht beteiligen.

Hier könne es nur darum gehen, dass die Versicherer Lösungen anbieten. Wo und wie diese angesiedelt werden, sei nicht wichtig.

Mehr Augenmaß von der Bafin gefordert

Einen Appell richtet der Verband der versicherungsnehmenden Wirtschaft auch an die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungs-Aufsicht (Bafin).

Sie sollte firmeneigene Versicherungsunternehmen, sogenannte Captives, nicht aufsichtsrechtlich überfordern. „Wir wünschen uns mehr Augenmaß der deutschen Behörde“, so Böhm.

So werde die Aufsicht von Captives nach Erkenntnissen des GVNW beispielsweise in Ländern wie Malta, Luxemburg oder Irland „anders“ gehandhabt.

 
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