Der Regulierungsmotor läuft und läuft

26.4.2018 – Die Änderungen durch Gesetze und Verordnungen sind für die Lebensversicherer aktuell so zahlreich, dass selbst einem Aufsichts-Urgestein wie Kai-Uwe Schaumlöffel in der Übersicht das ein oder andere durchrutscht. Auf einer MCC-Fachkonferenz ging es in weiten Teilen um das Thema Regulierung und das Betriebsrenten-Stärkungsgesetz.

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„Der Regulierungsmotor läuft und wird auch noch weiterlaufen“, sagte Dr. Kai-Uwe Schaumlöffel, Abteilungsleiter VA 2 der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungs-Aufsicht (Bafin), am Mittwoch auf der Fachtagung „Lebensversicherung aktuell“ der Management Centers of Competence (MCC). Bei keinem der treibenden Trends wie Digitalisierung, Internationalisierung, Verbraucherschutz und Finanzstabilität sei auf absehbare Zeit mit einer Abschwächung zu rechnen.

Kai-Uwe Schaumlöffel (Bild: Lier)
Kai-Uwe Schaumlöffel (Bild: Lier)

Nicht absehbar

Die seit Langem geforderte Neukalibrierung der Zinszusatzreserve (ZZR) wird nach den Ausführungen von Schaumlöffel nun zu einem Bestandteil der Novellierung des LVRG. Das Parlament werde dies aber nicht vor Mitte/Ende Mai diskutieren.

Damit die Kapitalanlage nicht ein weiteres Jahr unter der ZZR-bedingten Auflösung stiller Reserven leidet, rät er: „Wenn man das Gefühl hat, dass sich alle einig sind, reicht eine frühzeitige Information aus, um keine stille Reserven zu heben. Aber man muss zumindest die erste Runde der Diskussion abwarten.“

Die Branche sollte zudem mit der „Generationen-Gerechtigkeit“ argumentierten. Schließlich bedeute die ZZR eine Umverlagerung von Mitteln eines Kollektives auf der Zeitschiene. Sprich: Zurzeit werden Bewertungsreserven aufgelöst und damit Reserven gebildet für alte, höher verzinste Verträge, was zulasten von jüngeren Beständen geht. In der Öffentlichkeit werde eine Änderung oft noch als „Wohltat“ für die Lebensversicherer verstanden – das sei aber „nicht richtig“.

Provisionsdeckel

Beim LVRG wird es zudem um den Provisionsdeckel gehen. Dr. Frank Grund, oberster Versicherungsaufseher, hatte hier zuletzt einen Satz von 2,5 Prozent in die Diskussion eingebracht. Zudem sollen weitere 1,5 Prozent Abschlussprovision bei qualitativ gutem Geschäft möglich sein (VersicherungsJournal 13.4.2018; Medienspiegel 10.4.2018).

Schaumlöffel sagte hierzu: „Die Vertriebskosten sind global nur homöopathisch gesunken, aber es hat eine Verlagerung zu den laufenden Provisionen gegeben; dies ist zumindest eine qualitative Verbesserung.“

Er geht davon aus, dass die Aufsicht Prinzipien für den qualitativen Satz vorgeben werde, welche die Unternehmen dann ausformulieren müssten. Dabei müsse es nicht nur um die Höhe des Stornos gehen, sondern es könnten auch weitere Kriterien für Qualität genannt werden.

Drohende Kontrollen der IT

Unter vielem anderen berichtete Schaumlöffel von einer Abfrage der IT-Sicherheit bei den Unternehmen. Diese sei „ernüchternd“ gewesen. „Die Unternehmen haben erschreckende Dinge und mit einer gewissen Blauäugigkeit berichtet“, so Schaumlöffel.

Die Aufsicht habe nur eine zentrale Gruppe aufgesetzt, die sich mit Mindestanforderungen beschäftige und schwerpunktmäßig im zweiten Halbjahr sowie 2019 bei den Unternehmen vor Ort prüfen werde.

Sorgen hinsichtlich Solvency II

„Tiefste Sorgen“ äußerte Dr. Guido Baader, Vorstand der Stuttgarter Versicherungen, über die diskutierten Änderungen bei Solvency ll. Konkret bezieht er sich dabei auf die von der EU-Kommission vorgeschlagene Verschärfung des Zinsänderungsrisikos und die Änderungen bei den Maßnahmen für die langfristigen Garantien (LTG, Long-term guarantees).

Guido Baader (Bild: Lier)
Guido Baader (Bild: Lier)

„Das Schrauben an den Modellen hat mit der Risikosituation und dem Bedienen-können von Garantien nichts zu tun. Der Zins steigt gerade leicht. Das bringt ein bisschen mehr Luft, aber trotz dieser Entspannung werden die Modelle weiter geändert. Wir werden da eine kommunikative Großaufgabe zu bewältigen haben, denn der Verbraucher bleibt durch die Änderungen ratlos zurück“, so Baader.

Die Stuttgarter biete ein bestimmtes Lebensversicherungs-Produkt in unterschiedlichen Altersvorsorgeschichten und müsse für dieses nun drei verschiedene Produktinformations-Blätter erstellen. Aufgrund der unterschiedlichen Vorgaben für diese Informationsblätter sei es nicht ersichtlich, dass es sich dabei um ein und dasselbe Produkt handele.

„Das setzen wir alles mit irrsinnigem IT-Aufwand um. Auch so etwas kostet Überschussbeteiligung“, so Baader. Er hofft, dass es bei Deregulierungen keine Zwischenlösungen gebe, die erneut Geld kosten würden, und fordert für weitere Regulierungen Feldstudien wie im Vorfeld zu Solvency ll.

Lohnend, aber nicht weniger komplex

Gute Nachrichten für den Vertrieb in der betrieblichen Altersversorgung (bAV) hat Dr. Sebastian Leipert, Bereichsleiter Betrieb Leben – bAV & IT-Services der HDI Lebensversicherung AG. Vor dem BRSG habe sich die bAV in vielen Fällen für viele Arbeitnehmer gelohnt – aber nicht in allen.

Sebastian Leipert (Bild: Lier)
Sebastian Leipert (Bild: Lier)

„Systemische Vorteile gab es für viele, außer für Geringverdiener und Arbeitnehmer mit Lohnsteuerklasse lll, also Allein- oder Hauptverdiener. Mit dem BRSG wird das alles aufgehoben. Betriebliche Altersvorsorge wird sich unisono für alle Einkommens- und Steuerklassen und alle Situationen lohnen“, so Leipert.

Lohnend, aber nicht weniger komplex

Bei dieser Aussage verwies er auf zusammen mit Professor Dr. Thomas Dommermuth erstellte Berechnungen. Der Vertrieb müsse nun nicht mehr von der bAV überzeugen. „Vorher war bAV ein Wagnis, weil speziell beraten werden musste. Jetzt ist es immer gut investierte Zeit, weil es sich für alle Arbeitnehmer lohnt. Das ist gesellschaftlich ein Riesenschritt.“

Ein weiterer Hinderungsgrund für die Verbreitung der bAV, die für die Arbeitgeber komplexe und komplizierte Verwaltung, schaffe das neue Gesetz nicht ab. „In der alten bAV-Welt gab es 550 Varianten. Die neue bAV-Welt erhöht diese Komplexität um weitere 110“, so Leipert. Die Kombinations-Möglichkeiten ergeben sich aus Faktoren wie Durchführungswegen, Finanzierungsformen, Steuerklassen et cetera.

Noch mehr Kooperationsmodelle

Michael Kurtenbach, Vorstand des Gothaer-Konzerns, berichtete über „erste Erfolge“ mit einer höheren Arbeitgeberfinanzierung von 25 oder gar 50 Prozent in der bAV als den gesetzlich vorgeschriebenen 15 Prozent. Bei der Entgeltumwandlung beträgt der Arbeitgeberzuschuss 15 Prozent.

Die höheren, neuen Förderungsmöglichkeiten verlangten den Versicherern aber auch einiges ab. Die Gothaer habe hier den Weg mit einem neuen Tarif „Zuschussrente“ gewählt, der im Hinblick auf die Administration zusätzliche IT-Kapazitäten binde.  Erhöhungsmodule im Tarif hätten weitere Zuführungen zur Zinszusatzreserve nach sich gezogen und bei Zufügung von Vertragsscheiben in alte Tarife wäre der IT-Umsetzungsaufwand noch höher gewesen.

Beim Sozialpartnermodell rechnet Kurtenbach mit weiteren Kooperationsmodellen; die Gothaer arbeitet mit vier weiteren Versicherungsvereinen im Rentenwerk zusammen (VersicherungsJournal 2.6.2017, 20.2.2018). Dort habe man sich auf die Höchstgrenze von fünf Partnern geeinigt. „Sonst wird es zu komplex. Es kann aber sein, dass wir den Kreis nochmals öffnen.“ Der Neue müsste dann zeigen, „was er zur Party mitbringt“.

Lesetipp „Das BRSG − Neue Impulse oder vertane Chance für die bAV?“
Bild: VersicherungsJournal
Bild: VersicherungsJournal

Das Betriebsrenten-Stärkungsgesetz tritt zum 1. Januar 2018 in Kraft. Welche neuen Regelungen das BRSG bringt und deren Auswirkungen auf die betriebliche Altersversorgung, Arbeitgeber und Beratung, beschreibt ein kürzlich erschienenes Dossier.

Untersucht werden unter anderem das neue Modell für Tarifpartner und die Möglichkeiten für nichttarifgebundene Betriebe, das Konzept umzusetzen.

Des Weiteren wird über die zukünftige Handhabung des Arbeitgeberzuschusses beim Sozialpartnermodell wie auch bei Entgeltumwandlung informiert.

Ein weiterer Aspekt, der in dem Dossier tiefer gehend betrachtet wird, ist die Frage der steuerlichen Förderung. Hier werden unter anderem die Situation für Geringverdiener, die Bedingungen für Arbeitgeber sowie die zusätzliche Steuerförderung für versicherungsförmige Wege thematisiert.

Nähere Informationen und Bestellmöglichkeit finden sich unter diesem Link. Die Publikation steht Premium-Abonnenten des VersicherungsJournals zur persönlichen Nutzung kostenlos zur Verfügung. Sie finden einen Download des Dossiers unter diesem Link.

 
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