Bafin kritisiert die Vertriebspraxis bei Restschuld-Policen

2.9.2020 – Einiges hat sich – nicht zuletzt aufgrund veränderter gesetzlicher Rahmenbedingungen – durchaus positiv verändert am Markt für Restschuld-Versicherungen, seit sich die Bafin im Jahr 2017 dieser Thematik erstmals in einer Studie annahm. Es gibt aber trotzdem noch manches zu tun. Das geht aus einer Folge-Untersuchung der Bafin hervor, die mit einer zeitgleich online durchgeführten Verbrauchererhebung zur Restschuldversicherung jetzt vorgestellt wurde.

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Ein Fünftel aller Verbraucher finanziert Anschaffungen von Konsumgütern auf Kredit. Das hat das Marktforschungsinstitut Omniquest Gesellschaft für Befragungsprojekte mbH in einer Online-Befragung von 4.969 repräsentativ ausgewählten volljährigen Verbrauchern festgestellt, die im Auftrag der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungs-Aufsicht (Bafin) durchgeführt wurde.

Die Ergebnisse wurden jetzt vorgestellt. 35 Prozent der Befragten verschuldeten sich innerhalb der rund 30-monatigen Beobachtungszeit der Umfrage sogar zwei- oder mehrfach. Hauptsächlich wurden mit 58 Prozent der Verbraucherkredite die Anschaffung von Möbeln oder Unterhaltungselektronik sowie Reisen finanziert, gefolgt von Autos mit 26 Prozent.

Die Banken sind der wichtigste Vertriebsweg für Restschuld-Versicherungen

Eine Restschuldversicherung haben im Zusammenhang mit der Kreditaufnahme nach eigenen Angaben 29 Prozent der Befragten abgeschlossen. 41 Prozent von ihnen taten dies bei Banken, dem mit Abstand wichtigsten Vertriebsweg für diese Policen.

Als Grund für den Abschluss dieser Versicherung nannten 82 Prozent, dass sie für sich selbst und ihre Familien das Risiko absichern wollten, den Kredit wegen einer Krankheit oder eines Unfalls, wegen Arbeitslosigkeit oder im Todesfall nicht mehr bedienen zu können. Fast ein gleich hoher Prozentsatz von 81 Prozent gab an, dass ihnen dies bei Abschluss des Ratenkreditvertrages empfohlen wurde.

Viel Unsicherheit bei der Frage der tatsächlich versicherten Risiken

So wirklich weiß laut der Umfrage ein Großteil der Befragten aber nicht, gegen welche Risiken er sich mit dieser Police abgesichert hat. Dagegen ist 79 Prozent aufgrund eines entsprechenden Hinweises des Anbieters bekannt, dass der Abschluss bei Darlehensaufnahme nicht verpflichtend ist, und 78 Prozent fühlen sich über die Kosten der Restschuldversicherung informiert.

Die „Verbrauchererhebung zur Restschuldversicherung im Jahr 2019“ ergänzt eine ebenfalls jetzt veröffentlichte Nachfolge-Marktuntersuchung der Bafin zu Restschuld-Versicherungen, bei der 30 Versicherer und 31 Kreditinstitute zu dieser Thematik befragt wurden. Erstmals hatte sich das Amt im Jahr 2017 mit diesem Marktsegment auseinandergesetzt (Versicherungsjournal 23.6.2017).

„Das ‚doppelte Preisschild? scheint sich durchzusetzen“

Seither hat es einige Veränderungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen – beispielsweise durch die IDD- Umsetzung in deutsches Recht oder durch neue Informationspflichten im VVG– gegeben. Die blieben nicht ohne Wirkung, wird in der Bafin-Studie festgestellt.

Eine Entwicklung, die aus Verbrauchersicht positiv zu bewerten sei, ist laut Bafin beispielsweise die zunehmende Verbreitung des „doppelten Preisschildes“. Dabei geht es um die transparente Ausweisung der Kosten eines Verbraucherkredites mit und ohne Restschuldversicherung.

Banken erhalten immer noch sehr hohe Provisionen

Festzustellen sei außerdem, dass die 2017 noch vorherrschende Dominanz der echten Gruppenversicherung zugunsten individueller Verträge abgenommen habe. Unverändert sei aber, dass Restschuld-Versicherungen vor allem über Kreditinstitute vertrieben werden, wobei die jedoch – ebenfalls unverändert – Verbraucherdarlehen mehrheitlich ohne Restschuld-Versicherungen vergeben.

Tendenziell scheine der Vertrieb von Restschuld-Versicherungen über sie sogar rückläufig zu sein, wird festgestellt, obgleich nach wie vor von den Versicherern „teilweise außerordentlich hohe“ Provisionen an die Kreditinstitute geleistet würden. Hier hätten die kritische Diskussion um die Provisionshöhe und der Gesetzentwurf zu deren Deckelung bisher offensichtlich noch keine Wirkung gezeigt.

Informations- und Beratungspflichten bleiben ein Problemfeld

Eher skeptisch zeigt sich die Versicherungsaufsicht in der Studie auch mit Blick auf die gesetzeskonforme Umsetzung der Informations- und Beratungspflichten. Dies insbesondere dann, wenn weitere Vertriebspartner wie der Autohandel, Möbelhäuser, Multimedia-Ketten, Elektronikmärkte oder Baumärkte eingeschaltet sind.

Sehr kritisch sieht die Bafin in ihrer Studie schließlich die sogenannten „Welcome-Letter“. Die kommen zum Einsatz, wenn Versicherer oder Banken den Verbrauchern eine Woche nach dem Vertragsabschluss für eine Restschuldversicherung die gesetzlich inzwischen vorgeschriebene zweite Widerrufsbelehrung sowie das Produktinformations-Blatt übermitteln müssen.

In vielen dieser Schreiben, so wird moniert, fänden sich „gerade zu Beginn längere Passagen mit werblichen Aussagen und/oder nebensächlichen Informationen“. Der eigentliche Anlass, nämlich die Erfüllung einer gesetzlichen Aufklärungspflicht, werde erst am Ende des Schreibens thematisiert und drohe so unterzugehen.

Eine gesetzlich vorgeschriebene Information kommt faktisch oft nicht an

Tatsächlich kommt laut der „Verbrauchererhebung“ der Informationsgehalt dieser Schreiben zum Versicherungsprodukt und den Widerrufsmöglichkeiten bei 34 Prozent der Befragten faktisch gar nicht an, obwohl sie vom Versicherer oder dem Kreditinstitut ordnungsgemäß an sie versandt wurden. Bei jenen Verbrauchern, die ihn wahrnehmen, zeigt dies jedoch durchaus Wirkung.

52 Prozent von ihnen haben eigenen Angaben zufolge aufgrund der erneuten Information nämlich noch einmal darüber nachgedacht, ob der Abschluss der Restschuldversicherung für sie überhaupt sinnvoll war. Und von dieser Gruppe machten wiederum 40 Prozent danach tatsächlich von ihrem Widerrufsrecht Gebrauch.

Die aktualisierte Bafin-Marktstudie zu Restschuld-Versicherungen kann unter diesem Link heruntergeladen werden, die „Verbrauchererhebung“ hier.

Leserbriefe zum Artikel:

+Peter Schramm - Provisionen für den Vertrieb noch nicht einmal kostendeckend . mehr ...

Nils Fischer - Es gibt Banken, die fette Provisionen einstreichen. mehr ...

Peter Schramm - Kosten scheinen gar nicht überzogen. mehr ...

 
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