Sozialpartnermodell: Aktiv hinter den Kulissen

26.10.2018 – Die neue Welt der betrieblichen Altersvorsorge (bAV) gibt es bisher nur im Verborgenen. Dort soll aber umso intensiver zwischen Produktgebern, Vorsorgelobby, Gewerkschaften und Arbeitgebern diskutiert werden. Das ist das Fazit einer Expertendiskussion. Sie zeigt die Betriebsrente II, wie das Sozialpartnermodell auch genannt wird, als emotionsgeladene Baustelle.

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Alles wäre so schön gewesen. Die Vorstände zweier großer Versicherer freuen sich schon auf den ersten Tarifvertrag, der das neue Sozialpartnermodell endlich in die Öffentlichkeit rückt. Und auch die Lobby der Betriebsrente in Deutschland, die Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung e. V. (Aba), sieht in der neuen Form der betrieblichen Alterssicherung eine „riesige“ Vertriebschance.

Doch aufs Diskussionspodium hatten die Veranstalter der Fachmesse DKM auch einen Versicherungsmakler eingeladen. Und der machte der guten Stimmung erst einmal einen gehörigen Strich durch die Rechnung. „Der Mittelstand wird mit dem Sozialpartnermodell überhaupt nicht erreicht“, glaubt Holger Konermann, Geschäftsführer der Konermann & Partner GmbH.

70 Prozent der Mitarbeiter wollen Garantie

Holger Konermann (Bild: Schmidt-Kasparek)
Holger Konermann (Bild: Schmidt-Kasparek)

Sie werde aller Voraussicht nur von großen Unternehmen angeboten. Zudem wollten die meisten Beschäftigten diese Art der Betriebsrente überhaupt nicht.

„70 Prozent der Mitarbeiter möchten eine Garantie haben“, so der auf betriebliche Altersvorsorge spezialisierte Versicherungsmakler.

„Ich habe mit Personalverantwortlichen, Vorständen und Betriebsräten gesprochen, alle halten die neue Rente für vollkommen undurchsichtig.“

Daher wollten Arbeitgeber auch keinen Zusatz- oder Sicherheitsbeitrag leisten. „Da zahlen sie lieber in der klassischen Betriebsrente einen Zuschuss von 25 oder gar 30 Prozent, als einen unsicheren Beitrag, der irgendwo von irgendjemanden verwaltet wird“, stellte Konermann fest.

Immerhin gab Fabian von Löbbecke, Vorstandsvorsitzender der Talanx Pensionsmanagement AG, dem Makler in gewissen Umfang Recht.

Viele Gesprächspartner sind deutlich stärker an der neuen Betriebsrente interessiert, als sie öffentlich zugeben.

Fabian von Löbbecke, Talanx Pensionsmanagement AG

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bAV II: 30 Prozent mehr Rendite

„Der Webfehler des Betriebsrentenstärkungsgesetzes ist, dass es auf die Tarifhoheit beschränkt wurde.“ Trotzdem schätzt der Manager, dass es genügend Mitarbeiter gibt, die auch die neue Rente favorisieren.

Löbbecke geht von einer Koexistenz der beiden Betriebsrentensysteme aus. Dann könnten Mitarbeiter entscheiden, ob aus ihren 100 Euro garantiert 105 Euro werden sollen oder, ob sie ein Risiko eingehen und vielleicht 130, 150 oder aber nur 90 Euro erhalten.

Durch Kosten- und Solvenzvorteile würde die Rendite beim Sozialpartnermodell um 30 Prozent höher ausfallen, als bei klassischen Garantieangeboten.

„Viele Gesprächspartner sind deutlich stärker an der neuen Betriebsrente interessiert, als sie öffentlich zugeben“, behauptete Löbbecke. Er geht davon aus, dass zuerst ein Großunternehmen mit einem Haustarifvertrag an den Markt geht und erst später Flächentarifvertragsangebote folgen werden. Derzeit würde es jedenfalls hinter den Kulissen viele Aktivitäten geben.

Wir müssen den Sozialpartnern Zeit geben.

Heribert Karch, Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung e.V

Opting-Out kein Selbstläufer

Heribert Karch (Bild: Schmidt-Kasparek)
Heribert Karch (Bild: Schmidt-Kasparek)

Das bestätigte auch Heribert Karch, Vorsitzender des Vorstands der Aba. Grund für die öffentliche Zurückhaltung sei, dass die Sozialpartner extrem stark vom Meinungsbild ihrer Mitglieder abhängig wären.

Krach: „Der schlimmste Unfall ist, dass die Sozialpartner etwas machen, mit denen die Mitglieder unzufrieden sind.“ Daher würden sich die Diskussionen im Hintergrund über Detailfragen noch länger hinziehen. „Wir müssen den Sozialpartnern Zeit geben“, appellierte Krach an die Branche.

Einig waren sich die Vertreter der Versicherer und der Lobby, dass nur ein Opting-Out die unbefriedigenden Durchdringungsquoten in der betrieblichen Altersvorsorge verbessern kann. „Das muss dann beraten werden, denn auch ein Opting-Out ist kein Selbstläufer“, sagte Dr. Henriette Meissner, Generalbevollmächtigte für die bAV bei der Stuttgarter Lebensversicherung a.G.

Es werde auch künftig viel individuelle Beratung notwendig sein. Meissner kann sich aber auch vorstellen, dass ein Teil der Beratung in der betrieblichen Altersvorsorge automatisiert werde. So erwähnte die bAV-Expertin den Amazon-Sprachassistenten Alexa.

Bei Riester gehen die Einschätzungen weit auseinander

Henriette Meissner (Bild: Schmidt-Kasparek)
Henriette Meissner (Bild: Schmidt-Kasparek)

Überwiegend gehen die Experten davon aus, dass ab 2019 nicht nur Neuverträge, sondern auch die bAV-Bestände mit einem 15-prozentigen Zuschlag der Arbeitgeber ausgestattet werden. Die Übergangsfrist werde wohl keine Rolle spielen.

Gestritten wurde um Riester in der bAV. Löbbecke hält das Produkt nach dem Wegfall der Doppelverbeitragung entgegen der Kritik von Verbraucherschützern für sehr sinnvoll für viele Arbeitnehmer.

Dagegen warnte Meissner davor, dass der Arbeitgeber und der Versicherer mit Riester eine lebenslange Beratungspflicht eingehen würden. „In der Erstberatung ist das kein Problem. Doch dann muss ständig geprüft werden, ob eine Umstellung nicht günstiger ist“, so Meissner. Da laufe die Versicherungswirtschaft wieder in die gefährliche Falle, ein Versprechen zu brechen.

Nach Meinung von Karch werden aber künftig IT-Tools für jeden Mitarbeiter einen „Günstiger-Vergleich“ machen. Dadurch werde auch Riester in der bAV wieder mehr Bedeutung erlangen.

 
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