Reparatur der Lebensversicherung wird mühsam

22.5.2019 – Um Solvency ll, negative Presse, Provisionsdeckel und Digitalisierung ging es bei den Vorträgen und zwei Podiumsdiskussionen einer Veranstaltung der Süddeutschen Zeitung. Branchenvertreter gaben sich im Wesentlichen optimistisch für die Zukunft des Geschäftsmodells Leben.

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Nach Einschätzung von Dr. Björn Medeke, Geschäftsführer der Beratungsfirma Milliman GmbH, dürften „große Bereiche der deutschen Lebensversicherer nochmals unter Druck geraten“, wenn das Solvency-ll-System 2020 erneut überarbeitet wird.

Beim Review könnten unter anderem der Wegfall der 16-jährigen Übergangsfrist, die Ultimate Forward Rate (UFR) oder auch der Berechnungsansatz negativer Zinsen drohen, meinte er am Montag auf einer Fachveranstaltung der Süddeutschen Zeitung in Köln.

Bis Ende Juni 2020 ist die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungs-Aufsicht (Bafin) zusammen mit der Europäischen Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung (Eiopa) aufgefordert, ihre Vorstellungen für den Solvency-II-Review vorzulegen.

Schwierig zu diskutieren

Medeke erklärte, die Solvency-ll-Quoten der Lebensversicherer seien 2018 zwar besser ausgefallen, doch beruhe diese Verbesserung im Wesentlichen auf der Änderung der Berechnungsmethode der Zinszusatzreserve (VersicherungsJournal 3.4.2019, 25.4.2019).

Dass die deutschen Lebensversicherer im europaweiten Vergleich relativ gut dastehen, könnte ihnen beim Review zum Nachteil gereichen. „Diese Diskussion ist schwer zu führen“, sagte Medeke. Möglich, dass gerade die für deutsche Lebensversicherer mit ihren langen Garantien gemachten Erleichterungen gekippt werden.

Der Berater kritisierte die Branche unter anderem, weil sie zu lange auf das alte Geschäftsmodell gesetzt und nicht radikal umgesteuert habe. „Und dann kamen noch ein paar handwerkliche Fehler hinzu“, so Medeke. „Das Reparieren wird nun ein mühsamer Prozess – er fängt beim Vertrieb an bis hin zu Attraktivität der Produkte und Prozesse. Das sind viele Baustellen, aber es sollte gelingen.“

Komplexität erhöht

Guido Bader (Bild: Lier)
Guido Bader (Bild: Lier)

Der für die Lebensversicherung geplante Provisionsdeckel war Gegenstand einer Podiumsdiskussion, auf der in weiten Teilen bekannte Argumente ausgetauscht wurden. Dr. Guido Bader, Vorstand der Stuttgarter Lebensversicherung a.G., sprach sich gegen die Deckelung unter anderem damit aus: „Die IDD gibt der Aufsicht genug Handlungsspielraum.“

Er fürchtet, dass der vorgelegte Gesetzentwurf die Komplexität in der Lebensversicherung weiter erhöht und zudem laufende Vergütungen benachteiligt würden.

Für Axel Kleinlein, den Sprecher des Vorstands des Bundes der Versicherten e.V. (BdV), ist der „Provisionsdeckel in der Höhe jenseits von Gut und Böse“. Bekanntlich fordert der BdV, den Provisionsdeckel nicht bei 2,5 Prozent der Beitragssumme anzusetzen, sondern bei 1,5 Prozent. Auf die beabsichtigte Möglichkeit, die Vergütung bis zu vier Prozent für qualitativ gutes Geschäft zu erhöhen, solle verzichten werden (VersicherungsJournal 14.5.2019).

BdV: Aktuare in der Pflicht

Die Aktuare sieht Kleinlein in der Pflicht. „Ein Aktuar muss bei besonders hohen Provisionen auch sagen, da fühle ich mich unwohl.“ Eine Spitze, die Bader, der unlängst zum Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Aktuarvereinigung e.V. gewählt worden ist (VersicherungsJournal 26.4.2019), nicht aufgriff.

Kleinlein sagte, dass die Kreativität der Aktuare sehr groß wäre, Transparenz-Anforderungen zu umschiffen und Kosten so zu gestalten, dass man sie „nicht so gut sehen kann“. Bader gab zu, dass es Produkte im Markt gebe, die er „spontan nicht kaufen wolle“, und dass viele Möglichkeiten genutzt würden. Die Wahrheit liege aber in der Mitte.

Teilnehmer der Podiumsdiskussionen waren u.A. (v.li.) Axel Kleinlein, Jawed Barna und Uli Rothaufe (Bild: Lier)

Viele sind agil genug

Nach Einschätzung von Jawed Barna, Vorstand der Zurich Gruppe Deutschland, hat sich die Branche auf die Niedrigzinsphase eingestellt: „Viele von uns sind finanzstark und agil genug, um neue Produkte auf den Markt zu bringen. Auch wenn wir nicht die Schnellsten sind, so sind wir doch beweglich, um die Altersvorsorge auf Provisionsbasis flächendeckend zu verbreiten.“

Barna sprach sich gegen neue Modelle wie die Deutschlandrente (VersicherungsJournal 30.4.2018) aus. „Wir neigen dazu, das System der Altersvorsorge immer weiter zu komplizieren. Das Drei-Säulen-Modell ist schon da und viele Arbeitgeber sind heute schon überfordert damit“, sagte er. „Wir dürfen aber auch nicht alles zerreden. Dann entsteht nur Verunsicherung und keiner wird sich mehr mit der Vorsorge auseinandersetzen.“

Das durch die Digitalisierung der Gesellschaft veränderte Kundenverhalten und die Regulatorik sorgten dafür, dass sich die Branche nun „ein Stück weit neu erfinden muss“. Als Fehler der Branche bezeichnete er, dass man die Optimierung der IT zu spät angegangen wäre. „Das ändern wir jetzt.“

Transparenz auch für Vermittler wichtig

Sowohl beim Provisionsdeckel als auch hinsichtlich des Geschäftsmodells mahnten die Teilnehmer wieder einmal mehr Transparenz an. Uli Rothaufe, CIO der Generali Deutschland AG, sagte, dass man Transparenz „leben muss“. Dies sei insbesondere bei der Wertentwicklung und deren Darstellung wichtig.

„Weil die Kunden ihrem Berater blind vertrauen, muss die Wertmitteilung transparent sein. Wenn sie es nicht ist, geht das Vertrauen verloren“. Er räumte ein, dass die Generali, aber auch die Branche in der Vergangenheit nicht immer gut kommuniziert hätten.

„Aber wir haben auch viel Gutes gemacht. Die Kapitalrenditen für die Kunden sind sehr gut.“ In diesem Sinne sei auch der Run-off des Lebensversicherungs-Geschäftes zu sehen, der „für alle Stakeholder gute Ergebnisse“ bringe (VersicherungsJournal 10.4.2019).

 
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