Wie sich Corona auf den Arbeitsmarkt auswirkt

24.3.2020 – Der Beschäftigungsabbau bei den Finanz- und Versicherungs-Dienstleistern wird sich auf niedrigem Niveau fortsetzen. Dies ist ein Ergebnis der aktuellen IAB-Prognose. Die Corona-Pandemie hat demnach auf die einzelnen Wirtschaftszweige höchst unterschiedliche Effekte. Einen Rückgang wird es demnach vor allem im produzierenden Gewerbe geben. Der größte Zuwachs wird im Sektor „Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit“ erwartet. Unter bestimmten Modellannahmen bleibe der Arbeitsmarkt aber robust. Das Ifo-Institut rechnet im schlimmsten Fall mit bis 1,8 Millionen weniger sozialversicherungs-pflichtiger Arbeitsplätzen.

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Die Covid-19-Pandemie wird zu einer Rezession führen. Dies ist die einhellige Meinung von Politik und Wirtschaftsexperten. Nach der Konjunkturprognose Frühjahr des Ifo Instituts – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e.V. könnte die deutsche Wirtschaft 2020 um 1,5 Prozent schrumpfen (Stand: 19. März 2020).

Im schlimmsten Fall könnten laut Ifo bis zu 1,8 Millionen sozialversicherungs-pflichtige Arbeitsplätze (oder 1,4 Millionen Vollzeitjobs) wegfallen. Darüber hinaus könnten mehr als sechs Millionen Arbeitnehmer von Kurzarbeit betroffen sein.

IAB-Prognose

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) erwartet einen Rückgang des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von zwei Prozent. „Dies erfolgt unter der Annahme, dass ein Teil der Wirtschaftstätigkeit für sechs Wochen ausfällt und dann über einen ebenso langen Zeitraum zur Normalität zurückkehrt.

Unterstellt wird dabei eine weltweite Rezession, die nicht zu einer systemischen Krise anwächst“, erläutert das Institut. Sollte es zu gravierenderen zweieinhalbmonatigen Ausfällen kommen, die sich erst bis zum Jahresende wieder normalisieren, würde sich für das laufende Jahr 2020 rechnerisch sogar eine BIP-Schrumpfung um 4,7 Prozent ergeben. Eine systemische Weltwirtschaftskrise oder langanhaltende flächendeckende Arbeitsausfälle werden nicht unterstellt.

Arbeitsmarkt unter Druck

In der Folge gerate auch der Arbeitsmarkt „massiv unter Druck“. Enzo Weber, Leiter des IAB-Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“, rechnet damit, „dass der Arbeitsmarkt, gemessen an den gravierenden Einschränkungen, insgesamt noch relativ robust bleiben kann, wenn die Corona-Ausbreitung einen vorübergehenden Effekt in der Wirtschaftstätigkeit zur Folge hat.“

Im Jahresdurchschnitt dürfte die Zahl der Erwerbstätigen bei 45,25 Millionen stagnieren, so das IAB in seinem Kurzbericht 7/2020. Temporär rechnen die Forscher allerdings mit einem Rückgang um 300.000 Personen.

Unterschiede je nach Erwerbsform

Die Zahl der sozialversicherungs-pflichtig Beschäftigten dürfte – wenn auch langsamer als zuletzt – weiter steigen. Das IAB geht unter den oben genannten Annahmen von einer Zunahme um 260.000 auf 33,78 Millionen aus. Diese Erwerbsform macht etwa drei Viertel aller Erwerbstätigen aus.

Bei den marginal Beschäftigten (geringfügig entlohnt beziehungsweise ausschließlich kurzfristig Beschäftigte sowie Personen in Arbeitsgelegenheiten (Ein-Euro-Jobs)), rechnet das Institut mit einem kräftigen Minus. Die Zahl dieser Erwerbstätigen, die etwa ein Neuntel des Gesamtmarktes repräsentieren, dürfte um 160.00 auf nur noch minimal über fünf Millionen zurückgehen.

Deutlich vermindern wird sich der IAB-Prognose zufolge auch die Zahl der Selbstständigen (inklusive mithelfender Familienangehöriger), die auf einen Anteil von einem Elftel kommen. Hier dürfte es um etwa 100.000 auf nur noch knapp über vier Millionen abwärts gehen. Dies stelle einen neuen Tiefststand seit 2001 dar. Ein leichter Zuwachs auf über zwei Millionen (Anteil etwa ein Fünfundzwanzigstel) wird bei den Beamten erwartet.

Finanz- und Versicherungs-Dienstleister nur mit leichtem Minus

Die Arbeitsmarktforscher gehen in ihrer Prognose auch auf die sektorale Entwicklung der Arbeitnehmerzahl ein. Anders als in den Vorjahren (VersicherungsJournal 25.3.2019, 26.3.2018), ist der Bereich „Erbringung von Finanz- und Versicherungsleistungen“ nicht mehr der einzige, für den eine negative Entwicklung erwartet wird.

Hier wird es IAB-Berechnungen zufolge auf Jahressicht betrachtet ein Minus von 10.000 Mitarbeitern geben. Dies sei im Kontext der Konsolidierungs-Maßnahmen im Bankensektor sowie der fortschreitenden Digitalisierung zu sehen, heißt es in dem Kurzbericht.

Konkrete Daten speziell für die Versicherungsbranche sind in den Daten nicht enthalten. Mitte März hatte der Arbeitgeberverband der Versicherungs-Unternehmen in Deutschland e.V. (AGV) erstmals seit 2010 wieder ein Beschäftigungsplus verkündet (10.3.2020).

Dass sich der leichte Aufschwung um 100 auf 202.000 Beschäftigte zu einem positiven Trend verdichtet, ist angesichts der kräftigen Auswirkung der Corona-Pandemie auf Vertrieb wie auch Betrieb (20.3.2020, 19.3.2020, 18.3.2020, 18.3.2020) eher nicht zu erwarten.

Produzierendes Gewerbe mit größten Minus

Im produzierenden Gewerbe (ohne Baugewerbe) dürfte es mit 70.000 Beschäftigten das größte Minus geben. Neben dem Coronavirus spielten hier auch der Strukturwandel im Fahrzeugbau und der schwache Export mit hinein. Mit einer – auch Covid-19-bedingeten – Abnahme um 40.000 Personen rechnet das Institut im Sektor der Unternehmens-Dienstleister.

Obwohl das Segment Handel, Verkehr, Gastgewerbe besonders stark von der Ausbreitung des Corona-Virus betroffen sein wird, verorten die Forscher auf Jahressicht hier nur ein Minus von 20.000 Beschäftigten. Unter der Annahme, dass die Eindämmungsmaßnahmen wieder auslaufen – sollte sich nach einem Stellenabbau im zweiten Quartal die Situation ab dem vierten Quartal wieder erholen, schätzt das IAB.

Entwicklung der Arbeitnehmerzahlen (Bild: IAB)
Entwicklung der Arbeitnehmerzahlen in verschiedenen Branchen. Zum Vergrößern Bild klicken (Bild: IAB)

Branchen mit Beschäftigungszuwachs

Den mit Abstand höchsten Beschäftigungsgewinn wird dem Kurzbericht zufolge der Wirtschaftszweig „Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit“ mit plus 190.000 Arbeitskräften erzielen. Hintergrund: Die Ausbreitung des Corona-Virus führe zu einer deutlich steigenden Nachfrage nach Gesundheits-Dienstleistungen und zur Expansion in Senioreneinrichtungen und bei ambulanten Pflegediensten.

Den prozentual größten Stellenanbau erwartet das Institut im Sektor Information und Kommunikation (plus fast vier Prozent). Dies hänge einerseits mit dem Trend zur „Wirtschaft 4.0“ (Digitalisierung und Vernetzung von Produktions- und Dienstleistungs-Prozessen) zusammen. Andererseits könne es zu mehr IT-Investitionen und zu größerer Nutzung digitaler Angebote wie Online-Meetings kommen.

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Coronavirus · Digitalisierung · Gesundheitsreform · Konjunktur · Mitarbeiter · Senioren · Sozialversicherung · Stellenabbau
 
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