Was Vermittlern durch eine schwarz-rote Koalition droht

26.2.2025 (€) – Bei der Konferenz „VersicherungsVertrieb der Zukunft“ zeigte sich die Versicherungsbranche hoffnungsvoll, dass das Finanzministerium künftig von einem CDU-Minister geführt wird. Dann würde vor allen das Thema Altersvorsorge politisch in Berlin und Brüssel wohl eher im Sinne der Branche behandelt. Die Lobbyisten wollen zudem dafür werben, dass die Diskussion über Verkaufsprovisionen künftig versachlicht wird.

Die Versicherungsbranche rechnet mit einer Koalition von CDU/CSU und SPD, aber nicht damit, dass wichtige Versicherungsthemen von der neuen Bundesregierung schnell angepackt werden.

So lautete die einhellige Meinung am Dienstag auf der MCC-Konferenz „VersicherungsVertrieb der Zukunft“.

BVK verpflichtet „namhaften“ CDU-Politiker

„Die beiden Parteien stehen unter einem hohen Erfolgsdruck aus der Bevölkerung“, sagte Michael H. Heinz, Präsident des Bundesverbands Deutscher Versicherungskaufleute e.V. (BVK).

Daher würden die Themen der Versicherungsbranche wohl nicht vorrangig behandelt. Das müsse daher permanent eingefordert werden. Dafür hätte der BVK nun einen namhaften CDU-Politiker ab dem 1. April verpflichtet. Einen Namen nannte Heinz aber nicht.

Michael H. Heinz (Screenshot: Schmidt-Kasparek)
Michael H. Heinz (Screenshot: Schmidt-Kasparek)

Zudem gehen die meisten Expertinnen und Experten davon aus, dass die neue Regierung die schon vorhandenen Gesetzesentwürfe der bisherigen Ampelkoalition zur betrieblichen Altersvorsorge (bAV) und geförderten, privaten Altersvorsorge aufgreifen werden.

„Die Regierung wird nicht wieder bei null anfangen“, sagte Norman Wirth, geschäftsführender Vorstand des AfW – Bundesverband Finanzdienstleistung e.V. Er rechnet zudem fest damit, dass im Koalitionsvertrag das Thema Rente deutlich vorhanden sein wird.

Gefährlich für die Branche: CDU/CSU-Frühstarterrente

Große Probleme für die Branche sieht Dr. Helge Lach, Mitglied des Vorstands der Deutschen Vermögensberatung AG (DVAG), wenn die von der CDU/CSU geforderte Frühstarterrente (VersicherungsJournal 18.12.2024) Wirklichkeit werden sollte.

Geplant ist, für jedes Kind vom sechsten bis zum 18. Lebensjahr pro Monat zehn Euro in ein individuelles, kapitalgedecktes und privatwirtschaftlich organisiertes Altersvorsorgedepot einzuzahlen. Die Erträge aus dem Depot sollen bis zum Renteneintritt steuerfrei sein.

Das Sparkapital soll vor staatlichem Zugriff geschützt sein und erst mit Erreichen der Regelaltersgrenze ausgezahlt werden. Der angesparte Betrag kann durch private Einzahlungen ab dem 18. Lebensjahr bis zum Renteneintritt weiter bespart werden.

Helge Lach (Screenshot: Schmidt-Kasparek)
Helge Lach (Screenshot: Schmidt-Kasparek)

„Geschäft geht an der Lebensversicherung und den Vermittlern vorbei“

„Hier haben wir viele Fragezeichen“, sagte Lach. „Unsere These ist, dieses Geschäft geht an der Lebensversicherung vorbei.“ Angesichts der kleinen Einzahlung würde die Branche ganz schnell in eine politische Kostendiskussion kommen.

Zudem ginge die Frühstarterrente auch an den Vermittlern vorbei. Denn es werde wohl kaum Spielraum für eine Vergütung der Beratungsleistung geben. Daher würde die Fondsbranche und die Neo-Broker dieses Geschäft übernehmen – aber ohne Beratung.

Die Idee sei zwar nicht schlecht, so würden schon junge Menschen für die Altersvorsorge sensibilisiert. Es wäre aber ein „gehöriger Schuss, politisch staatlicher organisierte privater Altersvorsorge“.

Finanzministerium hat Schlüsselfunktion

Lach verwies auch darauf, dass das Bundesministerium der Finanzen (BMF) die „Hoheit“ habe, alles zur Altersvorsorge zu regeln. Auch wenn man sich mit dem Bundeswirtschaftsministerium abstimmen müsse.

Lach hofft aber, dass das Ministerium nicht in SPD-Hand bleibt, weil sich die Partei im Bereich des Sozialen weiterhin profilieren werde. Lach: „Das BMF ist für unsere Branche extrem wichtig.“ Auch weil es die Vertretung im Rat in Brüssel sei und somit für die Finanzmarktregulierung und die private Altersvorsorge zuständig wäre.

Lach verwies darauf, dass der ehemalige CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn früher parlamentarischer Staatssekretär im Finanzministerium war und so wichtige Erfahrung habe. Nach Einschätzung von Heinz würden die Interessen der Branche im Wesentlichen nur noch von der CDU/CSU vertreten.

Kostendeckel könnte wieder aktuell werden

Heinz glaubt, dass die SPD aus der Position des Vizekanzlers auf das Finanzministerium zugreifen könnte. „Das würde mich nicht freuen“, so der Verbandschef.

Auch eine Kostendeckelung bei der geförderten Altersvorsorge könnte nach Einschätzung von Heinz unter der neuen Regierung wieder Thema werden. Demgegenüber sieht er wenig Anzeichen, dass auf EU-Ebene oder national bald wieder Forderungen nach einem Provisionsverbot laut werden.

Relativ sicher ist sich Heinz zudem, dass es beim Gesundheitssystem durch den Einfluss der CDU/CSU beim dualen System bleiben wird.

Vertriebe sollten digitalen Rentenübersicht nutzen

Die Nutzung der digitalen Rentenübersicht (DRÜ) ist nach Einschätzung der Experten eine echte neue Vertriebschance. „Probiert es selbst aus und bringt es dann zu Euren Kunden“, rief Wirth den Vermittlern zu.

„Das ist die Altersvorsorgelücke mit staatlichem Siegel“, so Wirth. Etwas Besseres gebe es für den Vertrieb nicht. Sehr kritisch wurde bewertet, das in der DRÜ als Ansprechpartner für „unabhängige“ Beratung lediglich die Auskunfts- und Beratungsstellen der Deutschen Rentenversicherung (DRV) und die Verbraucherzentralen erwähnt werden.

Norman Wirth (Screenshot: Schmidt-Kasparek)
Norman Wirth (Screenshot: Schmidt-Kasparek)

Verbraucherschützer sind mit der DRÜ überfordert

„Die Verbraucherschützer sind aber mit einer hohen Wahrscheinlichkeit vom Datensatz, den die DRÜ ausgibt, überfordert“, sagte Michael Littig, Vorstand der Teckpro AG.

Als Beispiel nannte er einen Praxistest bei der Verbraucherzentrale Kaiserslautern. „Die können mir nicht erklären, warum ich eine Direktversicherung habe, die ich 2000 abgeschlossen habe und eine 2008, die eine nach § 3 Nr. 63 EStG und eine nach § 40b EStG“, so Littig.

Ein Grund ist, dass viele Informationen im DRÜ-Datensatz fehlen, den aber die Branche mit technischen Tools anreichern kann. Zudem sollte man Simulationen, die mit der DRÜ möglich werden, nicht nur auf den Renteneintritt und die Lücke bis dahin abstellen, sondern bis zur statistischen Lebenserwartung weiterrechnen.

LVM will Onlinekunden mit dem Außendienst „veredeln“

Peter Bochnia, Vorstandsmitglied des LVM Landwirtschaftlichen Versicherungsvereins Münster a.G., demonstrierte, wie das Unternehmen es geschafft hat, die Ausschließlichkeitsagenturen als digitale Vertriebe aufzubauen.

Peter Bochnia (Bild: Erik Hinz)
Peter Bochnia (Bild: Erik Hinz)

Neukunden, die über die Website des Versicherers kommen, werden per Geo-Routing automatisch einer Agentur zugeordnet. „Sie erhalten dann trotzdem die volle Provision, die über alle Vertriebswege bei der LVM gleich ist“, erläutere Bochnia. Onlinekunden sollen aber über die Ausschließlichkeit „veredelt“ werden.

„Wer bei der LVM nur online bleiben will, den können wir dann wohl nicht lange halten“, so Bochnia.

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