IDD: Regulierung bleibt ein Dauerbrenner

30.4.2018 – Die Umsetzung der europäischen Versicherungsvertriebs-Richtlinie im deutschen Markt zieht sich im Detail noch hin. Die Regulierung der Versicherer und der Versicherungs-Vermittlung geht weiter, wurde bei einem Vortrag des BDVM-Geschäftsführers Hans-Georg Jenssen beim Fachkongress der Maklergenossenschaft Vema deutlich. Makler bekamen Tipps zur praktischen Umsetzung im eigenen Betrieb.

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Am 23. Februar war beim IDD-Umsetzungsgesetz die nächste Stufe in Kraft getreten. „Die Umsetzung beeinflusst die Tätigkeit des Versicherungsmaklers in der Praxis nachhaltig“, betonte hierzu Dr. Hans-Georg Jenssen vergangenen Donnerstag auf einem Vertriebskongress.

„Artenschutz für Versicherer und Vermittler“

Hans-Georg Jenssen (Bild: Pohl)
Hans-Georg Jenssen (Bild: Pohl)

Der Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Versicherungs-Makler e.V. (BDVM) begann seinen Vortrag auf dem Jahreskongress „Vema-Tage 2018“ der Vema Versicherungs-Makler-Genossenschaft eG allerdings mit einer schlechten Nachricht.

„Weltweit ist der Hang der Politik zu einer detailverliebten Regulierung der Versicherer und der Versicherungs-Vermittlung zu beobachten, der anhalten dürfte“, sagte Jenssen den versammelten Vema-Partnern. Er verband dies jedoch mit einer guten Nachricht: Die höheren Anforderungen in der Tagesarbeit, etwa zum Verbraucher- oder Datenschutz, führten in der Konsequenz zu einem „Artenschutz für Versicherer und Vermittler“.

Der erhöhte Aufwand schrecke die großen Datensammler wie Google & Co. von eigenen Versicherungsgründungen ab, zumal das „Privileg“, beim Fernabsatz von Versicherungen nicht beraten zu müssen, nun weggefallen ist. Die Vema hat von sich aus noch strengere Mindestanforderungen für die Mitgliedschaft in der Genossenschaft gesetzt (VersicherungsJournal 26.4.2018).

Andere Länder hinken hinterher

Derzeit sei Deutschland das einzige Land, in dem die IDD-Richtlinie umgesetzt wird, so Jenssen. Die anderen Länder folgen frühestens zum 1. Oktober, einige hätten sogar eine noch spätere Umsetzung im Blick. „Bei grenzüberschreitendem Geschäft ist für Makler also noch altes Recht zu beachten und in Rechnung zu stellen“, sagte Jenssen. In Deutschland werde die IDD an verschiedenen Stellen verarbeitet, sei aber teilweise festgefahren.

Die neue Versicherungs-Vermittlungsverordnung (VersVermV) liegt seit 23. Oktober 2017 im Entwurf vor (VersicherungsJournal 26.10.2017). Vermittlerverbände sehen da Korrekturbedarf (VersicherungsJournal 28.11.2017).

„Der Termin für die endgültige Fassung ist völlig offen“, betonte Jenssen in Fulda. Er rechnet nicht mehr vor Juni mit der Verordnung, da sich auch noch die Abgeordneten vom Bundestag und der Bundesrat damit befassen wollen (VersicherungsJournal 17.4.2018).

BDVM wünscht sich ein „atmendes System“

Eine andere Hängepartie sei das von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungs-Aufsicht (Bafin) entworfene Rundschreiben „Hinweise zum Versicherungsvertrieb“. Es soll das bisher geltende Bafin-Rundschreiben 10/2014 (VA) ablösen. Schriftliche Stellungnahmen waren bis zum 21. Februar möglich; seitdem habe man nichts mehr gehört.

Im Entwurf fehlt ein Korridor für die künftige Höhe von Courtagen im Lebensgeschäft […] Eine Begrenzung wird aber ganz sicher kommen.

Hans-Georg Jenssen, Geschäftsführer des BDVM

Das neue Rundschreiben dient im Wesentlichen der Umsetzung der neuen VAG-Vorschriften innerhalb des IDD-Umsetzungsgesetzes zu vertriebsbezogenen Aspekten (VersicherungsJournal 17.1.2018). „Im Entwurf fehlt zum Beispiel ein Korridor für die künftige Höhe von Courtagen im Lebensgeschäft“, berichtete Jenssen. „Eine Begrenzung wird aber ganz sicher kommen.“

Der BDVM wünscht sich ein „atmendes System“ und hofft, dass „das schonendste Mittel zur Anwendung kommt“.

Zwei weitere Verordnungen

Jenssen verwies in seiner Rede darauf, dass es in Sachen Regulierung zusätzlich zwei delegierte Verordnungen der EU-Kommission gibt, die schon seit 21. September 2017 vorliegen:

  • die Verordnung zu Informationspflichten und Wohlverhaltensregeln und
  • die Verordnung zu Aufsicht- und Lenkungsanforderungen für Versicherungs-Unternehmen und Versicherungsvertreiber.

Der Versicherungsnehmer wird als Kleinanleger eingeordnet.

Hans-Georg Jenssen, Geschäftsführer des BDVM

Zudem sei seit 1. Januar 2018 für anlagebasierte Versicherungen ein Key Information Document (KID) vorgeschrieben (EU-VO 2017/653), das sich an der Finanzmarktrichtlinie Mifid 2 orientiert (VersicherungsJournal 10.3.2017).

„Der Versicherungsnehmer wird als Kleinanleger eingeordnet“, erklärte Jenssen. Dies unterscheide sich von deutschen Produktinformations-Blättern insbesondere dadurch, dass die Risiken und Kosten nicht verbal zu umschreiben sind, sondern durch Indikatoren dargestellt werden müssen.

Genauere Risikoaufklärung bei Anlageprodukten

„Mit der Bestimmung entsprechender Parameter tun sich die Versicherer aber schwer“, sagte Jenssen und führte beispielhaft die Angaben bei der Risikoeinstufung von Fondspolicen an. Wenn ein Angebot das Risiko auf einer Skala von eins (niedriges Risiko) bis sieben (höheres Risiko) mit zwei bis sechs bewerte, helfe das weder dem Kunden noch dem Makler in Sachen Sicherheitscheck.

„Die Risikoaufklärung bei Fondspolicen muss genauer sein“, gab der BDVM-Chef den Maklern mit auf den Weg. Geeignetheits- und Angemessenheitsprüfung verlangten, bei der Beratung genau zu fragen – nach Kenntnissen und Erfahrungen, finanziellen Verhältnissen und Anlagezielen (VersicherungsJournal 12.2.2018).

„Es gibt kein ‚Weiter so!‘“, stellte Jenssen klar. Die Politik stelle den Kunden in den Mittelpunkt der Betrachtung, nicht mehr das Produkt.

Controller lieben offensichtlich viel und direkte Kontrolle.

Hans-Georg Jenssen, Geschäftsführer des BDVM

„Teilweise übergriffige Forderungen der Versicherer“

Auf dem Kongress hatte bereits die Vema Versuche mancher Versicherer kritisiert, eigene Pflichten über Nachträge zur Courtagezusage auf die Makler abzuwälzen. Solche massiven Eingriffe in die Unabhängigkeit des Maklers seien nicht weiter hinnehmbar. Dies bekräftigte Jenssen auch für den BDVM. Er registrierte „teilweise übergriffige Forderungen der Versicherer“ und gab sich dann sarkastisch: „Controller lieben offensichtlich viel und direkte Kontrolle.“

Prozesse überprüfen (Bild: BDVM)
Anleitung zum Prozesse-Überprüfen (Bild: BDVM)

Für Makler komme es im Zusammenhang mit der Vertriebstätigkeit nun darauf an, Prozesse, Vergütungsstruktur sowie Vereinbarungen mit Mitarbeitern und Untervermittlern zu überprüfen. In Sachen Vergütung warnte Jenssen insbesondere vor Verkaufszielen, die den Fokus auf Produkte statt auf den Kunden lenken.

Vorsicht bei Sondervergütungen

Auch Sondervergütungen, Gewinnbeteiligungen ohne Beteiligung des Kunden sowie hohe variable Vergütungsanteile für Mitarbeiter könnten Interessenkonflikte heraufbeschwören, die stets zu vermeiden sind (§ 48a VAG). „Variable Vergütungsanteile oberhalb von 30 Prozent im Maklerbetrieb sollten vermieden werden“, riet der BDVM-Geschäftsführer.

Selbst nicht vermeidbare Interessenkonflikte sind nun dem Kunden rechtzeitig vor Abschluss eines Versicherungsvertrages auf einem dauerhaften Datenträger offenzulegen.

Neue Regelungen zur Erstinformation sind erst zwingend, wenn die VersVermV in Kraft tritt.

Hans-Georg Jenssen, Geschäftsführer des BDVM

Ungeklärte Frage bei Webseiten

Zum Schluss kam der BDVM-Chef auf das „Abenteuer Website“ zu sprechen. Jeder Makler sei gut beraten, seine Homepage noch einmal zu überprüfen. Insbesondere das Impressum sei in den Fokus von Abmahnungen gerückt.

Dies sei auch eine Folge des Rechtsstreits zwischen dem Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute e.V. (BVK) und dem Portalbetreiber Check24 Vergleichsportal für Versicherungsprodukte GmbH. Das Portal muss Webseitenbesucher beim ersten Geschäftskontakt unübersehbar darauf hinweisen, dass man nicht nur Preise vergleiche, sondern als Makler auch Provisionen kassiere (VersicherungsJournal 15.2.2018, 7.4.2017).

Check24 hat nun seinerseits verschiedene Makler wegen fehlerhafter Erstinformation auf der Homepage abgemahnt (VersicherungsJournal Medienspiegel 26.2.2018). „Neue Regelungen zur Erstinformation sind erst zwingend, wenn die VersVermV in Kraft tritt“, so Jenssen. Damit sei das Abmahnrisiko zu Fehlern bei der Erstinformation derzeit gering.

„Viele rechtliche und technische Fragen sind noch ungeklärt“, führte der BDVM-Chef weiter aus. Beispiel: Bei einigen Maklern ploppe die Erstinformation nun auf der Website sofort auf. Der Nutzer müsse bestätigen, dass er sie gelesen hat, sonst kommt er gar nicht auf die eigentliche Website. Manche speichern dann die IP-Adresse als Nachweis ab. Ob das mit dem Datenschutz vereinbar ist, sei noch unklar.

Dossier zum Weiterlesen

Ausführliche Zusammenfassungen der Lage nach dem IDD-Umsetzungsgesetz bietet das Dossier „Die IDD-Umsetzung im Vertrieb“ des VersicherungsJournals (VersicherungsJournal 15.3.2018). Hier ist insbesondere der § 34d GewO mit zahlreichen Änderungen maßgeblich (VersicherungsJournal 9.3.2018).

Lesetipp: Dossier „Die IDD-Umsetzung im Vertrieb“
VersicherungsJournal-Dossier

Ausführliche Zusammenfassungen der Lage nach dem IDD-Umsetzungsgesetz bietet das Dossier „Die IDD-Umsetzung im Vertrieb“ (VersicherungsJournal 15.3.2018). Hier ist insbesondere der § 34d GewO mit zahlreichen Änderungen maßgeblich (VersicherungsJournal 9.3.2018).

Das Gesetz normiert erstmals die gesamte Vertriebskette, also alle Sparten und Vertriebswege. Versicherer wie auch Vermittler müssen neue Regeln befolgen. Das Dossier zeigt unter anderem auch, was sich im Bereich Weiterbildung ändert.

Nähere Informationen und Bestellmöglichkeit finden sich unter diesem Link.

Die Publikation steht Premium-Abonnenten des VersicherungsJournals zur persönlichen Nutzung kostenlos zur Verfügung. Sie können das Dossier unter diesem Link herunterladen.

Leserbriefe zum Artikel:

Marco Mauricio Berg - Die hier benannten Patienten sterben schon jetzt zahlreich. mehr ...

Peter Schramm - Die Unterstützungskasse als Alternative bleibt unreguliert. mehr ...

 
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