Wie viele Personen werden eigentlich berufsunfähig?

24.6.2019 – Die Aussage, dass jeder vierte Bundesbürger berufsunfähig wird, hat für reichlich Wirbel in der Leserschaft des VersicherungsJournals gesorgt. Diverse Leser haben in ihren Zuschriften und Kommentaren eine kontroverse Diskussion angestoßen.

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Statistisch gesehen wird etwa jeder vierte Bundesbürger berufsunfähig. Diese eher beiläufig in einem Artikel zur privaten Absicherung gegen das Berufsunfähigkeits- (BU-) Risiko getätigte Aussage (VersicherungsJournal 19.6.2019) hat für lebhafte Diskussionen gesorgt.

„Wo sind denn diese Millionen berufsunfähiger Menschen in unserem Lande?“

Andreas Reissaus

So fragte etwa der Leser Andreas Reissaus: „Wo sind denn diese Millionen berufsunfähiger Menschen in unserem Lande?“. Diese könne er weder in seinem Kundenkreis entdecken, noch in seinem beruflichen sozialen Umfeld und auch nicht bei Freunden, im Sportverein und so weiter.

Ob diese schon seit Jahrzehnten immer wieder zu hörende Zahl wohl aus den Marketingabteilungen der Versicherungswirtschaft kommt, fragt er in seinem Leserbrief weiter.

Nicht gleichzeitig

Der Sachverständige und Aktuar Peter Schramm hat eine einleuchtende Antwort parat: „Es gibt sie nicht!“. Die Aussage sei doch nicht, dass ein Viertel der Erwerbsfähigen berufsunfähig ist, sondern es im Laufe seines Erwerbslebens einmal wird. Viele seien nicht lange berufsunfähig, sondern nur vorübergehend.

Nach Schramms Angabe „weisen Berufsunfähige eine stark erhöhte Sterblichkeit auf. Noch bedeutender ist der Anteil, der in bereits den ersten Jahren der Berufsunfähigkeit wieder eine Erwerbstätigkeit aufnimmt, wodurch die Berufsunfähigkeit endet – oder je nach Bedingungen auch weiter besteht“. Auch arbeiteten manche trotz Berufsunfähigkeit (von 50 Prozent) einfach weiter, gegebenenfalls eingeschränkt.

Es gibt sie nicht!

Peter Schramm

Da sich das BU-Risiko oft erst in höherem Alter verwirklichen würde, seien viele Berufsunfähige alsbald Altersrentner, führt er weiter aus. Oder sie beantragten gleich eine vorgezogene Altersrente, gingen also in den vorgezogenen Ruhestand statt in die Berufsunfähigkeit. „Statistisch berufsunfähig sind sie aber natürlich trotzdem“, so Schramm in seinem Kommentar.

„Auch alle, die Vollzeit einen Beruf ausüben oder dies können, nachdem sie irgendwann einmal einen anderen Beruf ausübten, zu dem sie nicht mehr fähig sind, zählen zu dem einen Viertel, die in ihrem Berufsleben (einmal) berufsunfähig geworden sind“, erläutert der Sachverständige weiter.

Kein Marketinggag

Der Versicherungs- und Finanzlagenvermittler Holger Zwetzschke empfiehlt seinen Vermittlerkollegen einen Blick in die einschlägigen Statistiken der Deutschen Rentenversicherung Bund.

Dort sei eindeutig erkennbar, dass von vier Neurentnern, die aus dem Berufsleben ausscheiden, einer dies wegen Erwerbsminderung tun muss. Die eingangs genannte Aussage sei folglich keine Erfindung der Marketingexperten der Versicherer, „Nein – es ist Realität der Deutschen Rentenversicherung Bund“, so Zwetzschke in seinem Leserbrief.

Branche mauert bei konkreten Zahlen

Ähnlich wie Reissaus beurteilt aber auch der Leser Thomas Oelmann die Situation. „Fast 25 Jahre mache ich den Job und habe ebenfalls noch keinen Berufsunfähigen gesehen“, so der Versicherungsmakler in seiner Zuschrift. In dieser Zeit habe er des Öfteren die Anbieter um konkrete Zahlen hierzu gebeten.

„Trotz Zusicherung meiner absoluten Geheimhaltung bekam ich keinerlei Kenntniserweiterung, außer der üblichen Phrasen: Bedarf unendlich groß. Ablehnungen nur x Prozent, besonders neuerdings Psycho-Probleme, und das war es auch schon“, kritisiert Oelmann.

Irgendwann wird die letzte heilige Kuh der Versicherungswirtschaft, die Berufsunfähigkeit, entzaubert. Nämlich dann, wenn wirkliche Zahlen auf dem Tisch liegen.

Frank Leonhard

Gesamt-gesellschaftliches Problem

Von ähnlichen erfolglosen Erfahrungen berichtet auch der Versicherungsmakler Frank Leonhard. Die Anbieter stellten nur unzureichend Material zu diesem Themenkomplex zur Verfügung. Denn „schließlich soll ich ja das Risiko dem Versicherungsnehmer ordentlich aufzeigen“. Da könne er zu Recht belastbare Daten verlangen.

Leonhard spricht in seinem Leserbrief zudem von einem gesamt-gesellschaftlichen Problem: So versäumten es viele Menschen, für später vorzusorgen. Die Politik versäume es, auf die Probleme der Bevölkerung einzugehen. Und die Versicherer versäumten es, moderne Produkte aufzulegen und vor allem Transparenz zu zeigen. „Allen gemein ist, dass es ihnen früher oder später fürchterlich auf die Füße fällt.“

Er prangert zudem das „völlige Versagen der Versicherungsvorstände“ an, das der gesamten Branche noch heftige Probleme bescheren werde. „Irgendwann wird die letzte heilige Kuh der Versicherungswirtschaft, die Berufsunfähigkeit, entzaubert. Nämlich dann, wenn wirkliche Zahlen auf dem Tisch liegen“, malt er ein düsteres Zukunftsbild an die Wand.

Kritik an BU-Versicherern

Nicht mit Kritik an den BU-Versicherern spart auch der Leser Hagen Walter. „Wenn die Versicherer wenigstens bei entsprechenden Diagnosen sofort leisten und dem Versicherten nicht noch die Sorgen um den Leistungsentscheid aufbürden würden, das wäre schon eine echte Innovation“, so der Versicherungsmakler in seinem Kommentar.

Insbesondere im Falle einer schweren Erkrankung biete eine BU-Leistung keine Vorteile, zeigt er sich überzeugt. Dies begründet er damit, dass der Betroffene „bei wesentlich höherem Finanzbedarf durch medizinische Behandlungen/ Unterbringungen, Wohnungsumbau et cetera in der Regel weniger zur Verfügung hat als im normalen Leben“.

Außerdem seien die meisten BU-Leistungsfälle selbst bei Krebs oder Schlaganfällen spätestens nach ärztlich attestierter Ausheilung – also allerspätestens nach zwei Jahren – für den Versicherer erledigt. „Dann quält sich der ‚Versicherte‘ wieder zur Arbeit, um seine aufgehäuften Schulden loszuwerden – danke, BU!“, meint Walter.

Es ist die Pflicht und Verantwortung eines jeden Vermittlers, auf die Notwendigkeit hinzuweisen.

Rüdiger Falken

Problem verkannt

Hart mit den Kritikern ins Gericht geht Rüdiger Falken. Allein in seiner Versicherungsberater-Kanzlei habe er permanent mehrere BU-Fälle gleichzeitig in Bearbeitung. Seinen Beraterkollegen – knapp 360 an der Zahl (VersicherungsJournal 3.4.2019) – gehe es nicht anders.

Falken geht auch auf die Rentenberater ein, die sich mit der Durchsetzung der Erwerbsunfähigkeits-Rente befassen. „Frührentner hört sich schön an, es sind Erwerbsgeminderte, mit niedriger Rente, denen zumeist die Berufsunfähigkeitsrente fehlt. Eben weil viele Versicherungsvermittler das Problem verkennen“, so der Versicherungsberater in seiner Zuschrift.

Er hält es – anders als der Leserbriefschreiber Oelmann – nicht für „Mainstream“, zum Abschluss einer BU-Versicherung zu raten. „Es ist die Pflicht und Verantwortung eines jeden Vermittlers, auf die Notwendigkeit hinzuweisen. Die Pflichtfortbildung sollte eigentlich dazu dienen, den unwissenden Vermittlern mehr Rüstzeug für eine verantwortliche Beratung zu liefern“, meint Falken.

In einem Nachgang rechnet er vor: „Welchen Wert hat eine Berufsunfähigkeits-Versicherung? Berufsunfähig mit 50: 17 Jahre mal zwölf Monate mal 1.500 Euro Rente = 306.000 Euro.“ Ein fehlender BU-Schutz könne zum finanziellen Ruin führen, wer wolle da von einer Absicherung abraten.

Leserbriefe zum Artikel:

Jörg Hofmann - Regelmäßig BU-Leistungsfälle auf dem Tisch. mehr ...

Anja Kimmel - Die Versicherer kaufen gar kein Risiko ein. mehr ...

Uwe Pössel - Mangels BU-Versicherung finanzielle Engpässe. mehr ...

Thomas Oelmann - BU-Vergleich erweitern. mehr ...

Andreas Reissaus - Zweifel an der Statistik stellt die Absicherung nicht in Frage. mehr ...

Andreas Adamek - Schon einige Berufsunfähigkeits-Fälle erlebt. mehr ...

 
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