Tarife für Geimpfte und Ungeimpfte: Branche geht in Deckung

24.9.2021 – Mit seinen Aussagen zur Produktgestaltung nach Impfstatus hat R+V-Chef Norbert Rollinger eine Diskussion angestoßen, die die Wettbewerber nicht aufgreifen wollen. Nur Platzhirsch Debeka erteilt dem Vorschlag eine klare Absage. Experten und Verbraucherschützer mahnen dagegen, dass Denkverbote nicht hilfreich seien.

Klare Kante zeigte Anfang der Woche Dr. Norbert Rollinger, Vorstandschef der R+V Versicherungen, in einem Interview auf dem Portal T-Online (VersicherungsJournal 21.9.2021). Seine Kernbotschaft lautete: „Als Versicherungsbranche werden wir früher oder später darüber nachdenken müssen, möglicherweise Tarife nach Impfstatus zu unterscheiden.“

Hohe Behandlungskosten

Norbert Rollinger (Bild: RGN-Photographs)
Norbert Rollinger (Bild: RGN-Photographs)

Der Hintergrund dieser Aussage liegt auf der Hand. Die Krankenversicherer und damit die Gemeinschaft der Versicherten tragen die Kosten für die Behandlung von Infizierten.

Die stationäre Behandlung eines Covid-19-Patienten kostet im Schnitt 10.700 Euro, zitiert das Ärzteblatt die AOK. Bei Fällen, die im Krankenhaus beatmet werden müssen, kann die Rechnung bis zu 40.000 Euro ansteigen.

Über die Kosten für Maßnahmen für Long-Covid-Patienten wie Reha oder die Auswirkungen auf die Berufsunfähigkeits-Renten gibt es derzeit noch keine Aufstellungen.

Wettbewerber bleiben in Deckung

Entsprechend dieser Aufstellung begründete Rollinger seine Aussage damit, dass Impfverweigerer (ohne medizinische Gründe) ein sozial schädliches Verhalten an den Tag legten. „Wenn jemand wegen Corona auf der Intensivstation landet, ist das deutlich teurer als eine Impfung.“

Wer glaubt, der R+V-Chef gebe damit die allgemeine Meinung der deutschen Krankenversicherer wieder, irrt. Wettbewerber verweisen nur auf den aktuellen Stand oder wollen sich zu Rollingers Vorschlag, über Tarife nach Impfstatus nachzudenken, nicht äußern.

Das zeigt eine Kurzumfrage des VersicherungsJournals bei den großen Gesellschaften in Deutschland, die neben der Kranken-Vollversicherung auch Biometrie-Produkte kalkulieren müssen: den Allianz Versicherungen, der Axa Konzern AG, der Ergo Group AG (auch für die DKV Deutsche Krankenversicherung AG) und der Generali Deutschland AG.

Die Einführung getrennter Tarife für Geimpfte und Nicht-Geimpfte wäre mit einem hohen administrativen Aufwand verbunden.

Debeka Krankenversicherungs-Verein

Debeka erteilt Tarifen nach Impfstatus eine Absage

Stellung zu der angestoßenen Diskussion bezieht nur der Marktführer in der privaten Krankenversicherung. „Wir halten getrennte Tarife für Geimpfte und Ungeimpfte weder für sinnvoll noch für notwendig und praktikabel“, so der Debeka Krankenversicherungs-Verein a.G. auf Nachfrage.

Es gebe in der Krankenversicherung eine Vielzahl möglicher Krankheiten, die auftreten könnten und deren Behandlungskosten bedingungsgemäß erstattet würden. Dazu gehörten auch die Behandlungskosten von Corona-Infektionen. „Ein etwaiger Rabatt für Geimpfte oder ein Zuschlag für Ungeimpfte wären aus heutiger Sicht vermutlich sehr klein und würden kaum ins Gewicht fallen“, so das Unternehmen.

Das Fazit der Koblenzer lautet entsprechend: „Die Einführung getrennter Tarife für Geimpfte und Nicht-Geimpfte wäre mit einem hohen administrativen Aufwand verbunden, der sich nur rechnen würde, wenn die Unterschiede wirklich signifikant und dauerhaft sind. Beides sehen wir derzeit nicht.“

Aktuell spielt Impfstatus keine Rolle

Allianz und Axa bewerten nach eigener Aussage eine Infektion mit dem Covid-19-Virus wie alle anderen Krankheiten. „Deshalb ist eine Corona-Impfung als singuläres Argument nicht ausschlaggebend für die Tarifgestaltung“, erklärt die Axa.

„Wir berücksichtigen weder bei der Antragsstellung potenzieller Kunden noch bei Bestandskunden den Impfstatus“, heißt es bei der Allianz für die private Krankenversicherung. In der Risikoprüfung der Lebensversicherung werde nicht nach Impfungen gefragt, „so wir beispielsweise auch nicht nach Vorsorge-Untersuchungen fragen“.

Auch die Axa erklärt, dass die Gesellschaft grundsätzlich „keine Einschränkungen bei der Antragsannahme bei Impfungen macht, weder im Sinne eines Bonus, noch eines Malus“. Ebenso werde der Impfstatus bei Neuanträgen für eine Berufsunfähigkeits- oder Risikolebens-Versicherung nicht abgefragt.

Zum Denkanstoß von Rollinger zu unterschiedlichen Tarifen für Geimpfte und Nicht-Geimpfte will sich die Axa nicht äußern.

Bei der Berufsunfähigkeits-Versicherung sind mögliche Langzeitfolgen noch nicht im hinreichenden Maße absehbar.

Generali Deutschland

BU: Auswirkungen noch unklar

Die Ergo stellt klar: In der Gesundheitsprüfung der Krankenversicherung werde derzeit nicht nach einem Impfstatus gefragt. Eine Änderung der Annahmerichtlinien oder Produktanpassungen seien derzeit nicht geplant. Diese Aussagen der Düsseldorfer gelten auch für die Unternehmenstochter DKV Deutsche Krankenversicherung AG.

Die Generali verweist auf folgende Stellungnahme des Verbands der Privaten Krankenversicherung e.V. (PKV-Verband): „Der Corona-Impfstatus der Versicherten spielt in den PKV-Tarifen keine Rolle, ebenso wie bei anderen Impfungen. Im PKV-Verband werden keine Überlegungen angestellt, daran etwas zu ändern.“

Für den Bereich Lebensversicherung sieht die Generali aktuell keinen Bedarf für Anpassungen, da bei der Risikolebens-Versicherung der Einfluss von Corona auf die Sterblichkeit im versicherbaren Altersbereich sehr gering sei. „Bei der Berufsunfähigkeits-Versicherung sind mögliche Langzeitfolgen noch nicht im hinreichenden Maße absehbar“, erklärt der Konzern.

Nachdenken sollte erlaubt sein

Peter Schramm (Bild: Schramm)
Peter Schramm (Bild: Schramm)

Die Diskussion über die Aussagen von Rollinger zu Tarifen nach Impfstatus wird emotional geführt. Das zeigten auch diverse Leserbriefe an die Redaktion des VersicherungsJournals, nicht alle Zuschriften konnten veröffentlicht werden.

PKV-Gutachter Peter Schramm sieht die Vorschläge des R+V-Chefs dagegen als notwendigen Anstoß. „Es muss doch erlaubt sein, […] zunächst nur anzuregen, dass andere, die dazu in der Lage und berufen sind, irgendwann einmal anfangen sollten, nachzudenken.“ Bevor Versicherte die Versicherer und Vermittler mit einer Flut an E-Mails und Telefonanrufen überziehen, so Schramm.

Wenn „weitere Wellen die 100.000 Coronatoten vollgemacht und nochmal viele Milliarden an Intensivmedizin gekostet haben“, dann brauche man über solche Vorschläge gar nicht mehr nachzudenken, spitzt der PKV-Experte zu.

Der Bund der Versicherten e.V. (BdV), äußert sich gegenüber dem Spiegel zurückhaltend. Vorstandssprecher Axel Kleinlein verweist darauf, dass es noch keine statistischen Daten gebe, wie viel eine Coronainfektion über Monate und Jahre kostet. „So habe ich auch den R+V-Chef verstanden: Wir müssen langfristig schauen“, wird Kleinlein zitiert.

Leserbriefe zum Artikel:

+Mario Egger - Dann müsste man sich auch bei anderen Gedanken machen. mehr ...

Johann Reindl - Wie ein Schlag ins Gesicht. mehr ...

Gisbert Sachs - Mit Kunden nicht über Sport, Politik und Religion sprechen. mehr ...

Peter Schramm - „Getrennte” Tarife für Neukunden werden häufig eingeführt. mehr ...

Jörg Hofmann - Es wird getan, als ginge es hier um Gesundheit und Menschenleben. mehr ...

 
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