Finanztest findet nur noch jeden zweiten BU-Tarif „sehr gut“

22.7.2015 (€) – 40 von 70 getesteten Berufsunfähigkeits-Versicherungen bekommen in der aktuellen Ausgabe 8/2015 der Zeitschrift Finanztest mit „sehr gut“ das bestmögliche Qualitätsurteil. Versicherungsmakler Matthias Helberg kritisiert in seinem Blog insbesondere die intransparente Auswahl der Testkriterien und schlechte oder zumindest leichtsinnige Tipps. Für ihn sind die Finanztester in Sachen BU-Test „inzwischen eines: berufsunfähig. Zum Glück nicht aus medizinischen Gründen...“

Die Zeitschrift Finanztest hat in ihrer aktuellen Ausgabe 8/2015 Berufsunfähigkeits- (BU-) Tarife unter die Lupe genommen. Dazu wurden alle in Deutschland niedergelassenen Versicherer gebeten, ihre preiswerteste BU-Versicherung für drei Modellfälle vorzulegen, die in der täglichen Praxis angeboten werden.

Insgesamt haben über 20 Gesellschaften keine Daten geliefert. Während die DEVK Allgemeine Lebensversicherungs-AG und der DEVK Deutsche Eisenbahn Versicherung Lebensversicherungs-Verein a.G., die Versicherungskammer Bayern sowie die Öffentliche Lebensversicherung Berlin Brandenburg AG unter Verweis auf die Neuentwicklung oder Überarbeitung ihrer Produkte nicht an dem Test teilnahmen, lehnten die folgenden Anbieter eine Teilnahme ohne Begründung ab:

Die Delta Direkt Lebensversicherung AG, die PB Lebensversicherung AG sowie die Rheinland Lebensversicherung AG erläuterten gegenüber der Verbraucherzeitschrift, gar keine BU-Policen im Angebot zu haben. Auf eine verdeckte Erhebung fehlender Tarife haben die Finanztester auch in der aktuellen Untersuchung verzichtet. Dies wird damit begründet, dass es viele sehr gute Angebote gäbe.

Höchstbewertung für über jeden zweiten untersuchten Tarif

In der Tat hat Finanztest viele Produkte mit einem „sehr guten“ Qualitätsurteil bewertet. Über die Hälfte der 70 analysierten Tarife bekam die Höchstbewertung, ein gutes Drittel ein „gut“ und etwa jedes zwölfte Produkt ein „befriedigend“. Schlechtere Qualitätsurteile wurden nicht vergeben.

Quelle: Finanztest 7/2013, Finanztest 8/2015

Mit 0,7 die beste Gesamtnote erzielten die Hansemerkur Lebensversicherung AG („SBU Profi Care (01.15)“) und die Provinzial Rheinland Lebensversicherung AG („SBU Top SBV (01.15)“). Knapp dahinter folgt die Europa Lebensversicherung AG (SBU Vorsorge Premium E-B1 (01.15)“) mit der Gesamtnote 0,8.

Den vierten Platz teilen sich die drei genossenschaftlichen Gesellschaften Condor Lebensversicherungs-AG („SBU C80 (01.15)“), R+V Lebensversicherung a.G. (BUZ BR „(01.15)“) sowie R+V Lebensversicherung AG („SBU BV (01.15)“). Alle diese Tarife hatten auch im aktuellen BU-Rating des Analysehauses Morgen & Morgen GmbH die Höchstnote „fünf Sterne“ erhalten (VersicherungsJournal 16.4.2015).

So wurde bewertet

Bewertungskriterien waren zu 25 Prozent die Qualität der Antragsformulare sowie zu 75 Prozent die Versicherungs-Bedingungen. Bei Letzteren hat Finanztest die folgenden Tarifmerkmale (in unterschiedlicher, allerdings nicht aufgeschlüsselter Gewichtung) herangezogen:

  • Verzicht auf abstrakte Verweisung,
  • Sechs-Monats-Prognose,
  • rückwirkende Leistung in den ersten sechs Monaten,
  • rückwirkende Leistung für mindestens drei Jahre,
  • Nachversicherungs-Garantie,
  • garantierte Dynamik im Leistungsfall,
  • Stundungsrecht,
  • befristete Anerkenntnisse,
  • Verzicht auf § 19 Absätze 3 und 4 VVG,
  • weltweite Geltung,
  • Erwerbsminderung sowie
  • vorübergehende Unterbrechung der Berufsunfähigkeit.

Leichtsinnige Tipps

Wie beim letzten BU-Test (VersicherungsJournal 21.6.2013), setzt sich der Versicherungsmakler Matthias Helberg in seinem Blog kritisch mit dem Testergebnis auseinander. Dabei konstatiert er einige, wenn auch eher kosmetische Verbesserungen am Testdesign.

Helberg stellt fest, dass statt 75 Prozent wie in 2013 aktuell nur noch 57 Prozent der getesteten Tarife ein „sehr gut“ erhielten. „Stiftung Warentest hat also etwas genauer differenziert“, so sein erste Feststellung.

Obwohl sich die Anzahl der berücksichtigten Leistungskriterien von „9 1/2“ beim Test vor zwei Jahren auf aktuell zwölf erhöht wurde, hält Helberg dies immer noch für deutlich zu wenig. „Eine Kaufentscheidung auf Basis dieser wenigen berücksichtigten Kriterien ist in hohem Maße leichtsinnig“, so der Makler.

Er geht sogar noch weiter. Die von Finanztest aufgestellte Behauptung: „Bei Berufsunfähigkeits-Versicherungen kann man sich nicht falsch entscheiden: Mehr als die Hälfte der 70 getesteten Versicherungen ist ‚sehr gut‘“, hat seiner Ansicht nach mit Verbraucherschutz nichts mehr zu tun und wirke vielmehr wie Volksverdummung.

Nicht so genau genommen?

Weiter macht Helberg darauf aufmerksam, dass der Testsieger-Tarif der Hansemerkur auf die abstrakte Verweisung nach Ausscheiden aus dem Beruf nur innerhalb von fünf Jahren verzichtet, beim ebenfalls mit der Bestnote bewerteten Provinzial-Rheinland-Tarif gelte dies sogar nur innerhalb von drei Jahren.

Gerade den Verzicht auf die abstrakte Verweisung jedoch hat Stiftung Warentest besonders kritisch prüfen wollen – wie dem Satz „Ein Sehr gut oder Gut war nur möglich bei altersunabhängigem Verzicht auf die abstrakte Verweisung“ in der Test-Beschreibung zu entnehmen ist. „Offenbar hat man es dann doch erneut nicht so ganz genau genommen?“, fragt Helberg.

Neben Kritik auch Lob

Lobend hebt der Versicherungsmakler aus Osnabrück hingegen hervor, dass in der Verbraucherzeitschrift an mehreren Stellen auf die Bedeutung der Gesundheitsanfragen im BU-Antrag hingewiesen wird.

Ein verantwortungsvoll arbeitender Teil der Versicherungsvermittler lasse inzwischen seine Kunden vor dem Ausfüllen eines BU-Antrages zunächst einmal die eigene Gesundheitshistorie aufarbeiten, so Helberg.

Bild: Stiftung Warentest
Bild: Stiftung Warentest

Zudem begrüßt er, dass der verheerende Tipp aus dem BU-Test von vor zwei Jahren, aus Kostengründen doch die Vertragslaufzeit des BU-Vertrages zu kürzen, sich in der aktuellen Auflage nicht mehr wiederfindet.

Dass die Stiftung Warentest Verbrauchern nun stattdessen empfiehlt, sich bei geringer Liquidität zunächst niedrig zu versichern und die BU-Rente später dann per Nachversicherungs-Garantie zu erhöhen, bezeichnet Helberg als „sicherlich nicht den schlechtestmöglichen Tipp“.

Vernichtendes Fazit

Trotz einiger kleinerer Korrekturen zum BU-Test von vor zwei Jahren ist auch der aktuelle Test für den Makler aus Osnabrück „extrem schwach und für Verbraucher kaum hilfreich.“

Von einer auch mit Steuergeldern finanzierten Einrichtung, bei der etliche Vertreter der Verbraucherzentralen im Kuratorium sitzen, müsse man handfeste und belastbare Infos für Verbraucher erwarten können. Das habe Finanztest zum wiederholten Mal nicht geschafft.

„Für mich sind die Tester von Stiftung Warentest, zumindest was Berufsunfähigkeits-Versicherungen angeht, inzwischen eins: berufsunfähig. Zum Glück nicht aus medizinischen Gründen…“, so Helbergs Fazit.

Der Blogbeitrag mit den vollständigen Ausführungen Helbergs und weiteren Kritikpunkten kann unter diesem Link nachgelesen werden, die komplette Finanztest-Untersuchung ist kostenpflichtig unter diesem Link erhältlich.

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