WERBUNG

BU-Versicherung: Bei aller Transparenz der Obliegenheiten braucht es Freiräume

21.11.2022 – Ein Marktanalyst ist angetreten, durch Neuregelung der Obliegenheiten in der Berufsunfähigkeits-Versicherung mehr Transparenz und Rechtssicherheit zu schaffen. In dem neuen Modell sind die Obliegenheiten textlich umfangreicher gestaltet als üblich. Vor allem die Beschreibung des beruflichen Tätigkeitsbildes fällt viel ausführlicher aus. Zudem gibt es Regelungen zu den gesundheitlichen Einschränkung, deren Auftreten und den Nachweisen dafür. Gemeinsam mit dem Versicherungsmakler Guido Lehberg hat der Biometrie-Experte Philip Wenzel einen kritischen Blick auf die Regel- und Transparenzkriterien geworfen.

Es steht außer Frage, dass der Leistungsfall in der Berufsunfähigkeits- (BU-) Versicherung ein komplexes Thema ist und die Bearbeitung hohe Kompetenz verlangt.

Philip Wenzel (Bild: Doris Köhler)
Philip Wenzel (Bild: Doris Köhler)

Das liegt allein daran, dass es schon mehrere tausend Berufsbilder gibt, die man auch noch auf viele verschiedene Weisen ausüben kann. Und diese vermutlich schon hunderttausend Tätigkeiten können wieder durch mehrere tausend Krankheiten (auch wieder in beliebiger Kombination untereinander) eingeschränkt werden.

Mehr Transparenz und Rechtssicherheit

Hier mehr Transparenz und Rechtssicherheit zu schaffen, ist eine ehrgeizige Aufgabe. Und es ist der Premiumcircle Deutschland GmbH auch hoch anzurechnen, dass sie sich dieses Themas – die Regelung der vom Versicherten zu erfüllenden Obliegenheiten im Leistungsfall in den Versicherungs-Bedingungen – angenommen hat. Für diesen Bereich haben die Analysten 21 Best-of-Leistungskriterien definiert.

Im Nachfolgenden soll dies nun genauer untersucht werden. Vorab: In meinen Augen ist es vollkommen logisch, dass die erste Formulierung für transparentere und rechtssicherere Obliegenheiten als ein ambitionierter Versuch zu werten ist. Deshalb ist im Nachfolgenden auch nur konstruktive Kritik angebracht.

Außerdem spiegelt diese Kritik nur meine Meinung wider. Denn ich bin ja der Ansicht, dass nicht die Bedingungen vereinfacht werden müssen. Das wäre so, als würde man das Bürgerliche Gesetzbuch so schreiben, dass jeder sich selbst vor Gericht verteidigen kann. Dafür gibt es aber Anwälte. Und für den Leistungsfall gibt es entweder einen gut ausgebildeten Vermittler oder einen gut ausgebildeten Versicherungsberater.

Denn immer, wenn ich etwas vereinfache, dann fällt hinten etwas runter.

Obliegenheiten textlich länger gehalten als üblich

Guido Lehberg (Bild: Sebastian Berger)
Guido Lehberg
(Bild: Sebastian Berger)

Um ein wenig mehr Objektivität zu erreichen, wurde noch der Kollege Guido Lehberg, Versicherungsmakler und BU-Experte, um seine Meinung dazu befragt. Er soll hier immer wieder zu Wort kommt.

Aber der Reihe nach. Hätte mir niemand gesagt, dass die Obliegenheiten anders gestaltet sind, wäre mir vermutlich dennoch schnell aufgefallen, dass sie vom Gewohnten abweichen. Sie sind nämlich sehr viel länger gehalten als das üblich ist.

Diesbezüglich fiel Guido Lehberg sehr positiv auf, dass die Obliegenheiten etwas entzerrt und somit angenehmer zu lesen sind. Damit sind sie auch für Laien verständlicher geworden. Außerdem gefällt dem BU-Experten die Optik sehr gut und er hält den Text für gut leserlich.

Ausführliche Beschreibung des beruflichen Tätigkeitsbildes

Vor allem die Beschreibung des beruflichen Tätigkeitsbildes fällt viel ausführlicher aus, als das sonst der Fall ist. Da ist gut vorstellbar, dass ein wissbegieriger Versicherter hier eine gute Ausgangslage hat, das Beschriebene zu verstehen.

Zwar kann die damit verbundene Form des tabellarischen Stundenplans meines Erachtens vor allem dann verwirrend sein, wenn es saisonale Schwankungen in der Arbeit gibt. Aber der Bundesgerichtshof verlangt das so und bei den meisten Angestellten sollte es möglich sein, diese Tabelle zu befüllen.

Lehberg ergänzt hierzu, dass die Komplexität des Leistungsfalls ein Nachteil sein kann und ein engeres Korsett der einzureichenden Unterlagen in einigen Fällen sicherlich für mehr Klarheit sorgen könnte. „Wir sollten dabei aber nicht vergessen, dass die BU-Versicherung an sich ein sehr komplexes Produkt sein muss, denn hierbei wird eine konkret ausgeübte Tätigkeit heute und in vielen Fällen auch in den nächsten drei bis vier Jahrzehnten abgesichert“, meint er.

„Komplexität und Flexibilität sichern hierbei, dass auch neue Tätigkeitsbilder mit neuen beruflichen Herausforderungen umfasst werden. In solchen Fällen kann ein ‚Bedingungs-Korsett‘ eventuell nicht ganz Schritt halten, wenn es zu eng ist.“

Klare Worte machen es nicht immer einfacher

Festzuhalten ist: Eine konkrete und eindeutige Formulierung kann nicht verschieden ausgelegt werden. Das ist Stärke und Schwäche zugleich. Wenn etwa in den Obliegenheiten steht, dass man, um die Leistung anzumelden, eine Schilderung in Textform vorlegen muss, dann könnte ein Versicherer, der dem Versicherten nicht wohlgesonnen ist, ein Teleclaiming ablehnen und auf die Schilderung in Textform bestehen.

Auch Lehberg denkt, dass es in Zukunft vielleicht zusätzliche und einfachere Möglichkeiten in der Leistungsfallprüfung geben kann, ein Versicherer solche Möglichkeiten dann aber ablehnen könne. Er betont jedoch, dass er keinem Versicherer etwas unterstellen will, aber „wir wissen eben auch nicht, wer in 20 Jahren dort ‚am Ruder‘ sitzt und wie er oder sie die Obliegenheiten dann anwendet“.

Ferner heißt es in der neuen Regelung, es müsse „jede einzelne Ursache“ angegeben werden. Tatsächlich würde es in manchen Fällen auch ausreichen, die eine Ursache anzugeben, die einen entscheidend in seiner Berufsfähigkeit einschränkt.

Transparenz ist nicht das neue Synonym für gut

Ich verstehe in diesem Zusammengang die Intention, den Kunden in klaren Worten darauf hinzuweisen, was auf ihn zukommt. Aber in meinen Augen wird es dadurch nicht wirklich transparenter.

Hier widerspricht Lehberg, der die Obliegenheiten dadurch schon als transparenter sieht, aber doch bezweifelt, ob sie dadurch insgesamt besser wurden. „Denn Transparenz ist ja nicht das neue Synonym für gut“, so Lehberg.

Und wenn der Kunde den Zeitpunkt, zu dem die gesundheitliche Einschränkung erstmals aufgetreten ist, angibt, dann ist das auch verständlicher als zu verlangen, der Kunde solle den Eintritt der Berufsunfähigkeit behaupten. Allerdings liegt Letzteres dann eben in den Händen des Versicherers. Und das kann dann bei einem guten Versicherer etwas Gutes bedeuten, aber bei einem schlechten Versicherer eben was Schlechtes.

Nachweise nicht rückwirkend bis zur Geburt

In meinen Augen kann die Einmischung des BU-Versicherers oft helfen. Denn für den Versicherten ist das alles neu und er weiß auch nicht, welche Konsequenzen eine einzelne gemachte Angabe hat.

Deshalb verstehe ich tatsächlich nicht, was es helfen soll, wenn bedingungsgemäß Arztbriefe und Berichte rückwirkend nur bis zu dem oben genannten Zeitpunkt des Eintritts der Krankheit verlangt werden. Wahrscheinlich geht es darum, dass ein „böser Versicherer“ nicht bis hin zur Geburt alles wissen will oder soll, was nichts mit der Leistungsentscheidung zu tun hat.

Aber was ist denn, wenn der Versicherte den Zeitpunkt falsch angibt? Darf der Versicherer dann trotzdem Unterlagen verlangen, weil aus aktuellen Unterlagen hervorgeht, dass die Erkrankung weiter zurückreicht? Und wenn er es darf, wozu steht das dann überhaupt in den Bedingungen?

Hier denke ich, kann es dem Kunden eher schaden als helfen.

Frage der Notwendigkeit

Dazu führt Guido Lehberg aus: „Der Versicherer hat aus meiner Sicht etwas mehr zu begründen, wenn er mehr wissen möchte. Papier ist aber geduldig und ein Versicherer, der nicht leisten möchte, wird Wege und Möglichkeiten finden. Ein Beispiel dafür ist die Konkretisierung, dass maximal eine ärztliche Untersuchung je medizinischer Fachrichtung vom Versicherer beauftragt werden kann. Das hört sich nett an, aber was sagt das konkret aus über den Umfang dieser einen Untersuchung?

Gut, das kann die Versicherung nur dann verlangen, wenn anhand der bis dahin eingereichten Unterlagen eine abschließende Prüfung nicht möglich ist. Auch dies obliegt dem Versicherer zu entscheiden. Wenn die Versicherung nicht will, dann wird sie Argumente finden, warum die Unterlagen nicht ausreichen.

Mit anderen Worten: Es steht schöner in den Bedingungen geschrieben und ein durchschnittlicher Versicherungsnehmer kann besser verstehen, was von ihm verlangt wird. Eine konkrete, positive Auswirkung im Leistungsfall kann ich hier allerdings aus den oben genannten Gründen nicht erkennen.

Und die Frage der Notwendigkeit sehe ich ebenfalls nicht, denn welche Leistungsfälle sind in der Vergangenheit konkret nicht bezahlt oder deutlich verzögert worden, die durch diese Änderungen nun (schneller) zur Auszahlung kämen? Ich sehe diese mit gutem Willen im 0,0-Prozent-Bereich.“

Akademische Diskussion

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir hier eine ziemlich akademische Diskussion führen. Denn der Nutzen der neu formulierten Obliegenheiten hängt davon ab, ob ein Kunde oder Vermittler den Text liest. Und da die Transparenz in erster Linie durch noch mehr Text erreicht wird, kann die Breitenwirksamkeit durchaus in Frage gestellt werden.

Wenn die Obliegenheiten aber tatsächlich gelesen werden, dann geben sie insgesamt schon ein deutlicheres Bild davon, was im Leistungsfall passiert, als es ältere Bedingungswerke tun. Und in einem einfachen Fall kann der Kunde vielleicht sogar selbst die Leistung erfolgreich beantragen.

In komplexeren Fällen braucht es aber oft auch die Erfahrung des Versicherers, um hier den Leistungsfall nachweisen zu können. Da sieht sich auch mal ein Prüfer die Situation vor Ort an, um sich ein Bild zu machen, oder der Versicherte reicht ein Video ein, das ihn beim Beladen seines Lieferwagens zeigt.

Für diese Fälle braucht es bei aller Transparenz Freiräume. Das sollte bei einer Weiterentwicklung dieser Idee bedacht sein.

Philip Wenzel

Der Autor ist Fachwirt für Versicherungen und Finanzen (IHK) und für das Maklerunternehmen Worksurance GmbH tätig.

Leserbriefe zum Artikel:

Rüdiger Falken - Die Obliegenheiten sind nicht das Problem des Leistungsantrags. mehr ...

Erwin Daffner - Versicherungsnehmer muss seinem Versicherer auf Augenhöhe gegenübertreten können. mehr ...

 
WERBUNG
Werben im Extrablatt

Mit einer Anzeige im Extrablatt erreichen Sie mehr als 13.000 Menschen im Versicherungsvertrieb, überwiegend ungebundene Vermittler. Über die Konditionen informieren die Mediadaten.

VersicherungsJournal in Social Media

Besuchen Sie das VersicherungsJournal auch in den sozialen Medien:

  • Facebook – Ausgewähltes für den Vertrieb
  • Twitter – alle Nachrichten von VersicherungsJournal.de
  • Xing – über den Verlag
  • Xing News – Ausgewähltes zu Karriere und Unternehmen
WERBUNG
Mehr Umsatz durch professionelle Kundenpflege

Ob Kundenzeitung, Homepage oder Newsletter – durch regelmäßige Fachinformationen bieten Sie Ihren Kunden echten Nutzen.
Sie haben keine Zeit dafür? Die Autoren des VersicherungsJournals nehmen Ihnen das Schreiben ab.

Jetzt auch für Ihren Social-Media-Auftritt.

Eine Leseprobe und mehr Informationen finden Sie hier...

Ihr Wissen und Ihre Meinung sind gefragt

Ihre Leserbriefe können für andere Leser eine wesentliche Ergänzung zu unserer Berichterstattung sein. Bitte schreiben Sie Ihre Kommentare unter den Artikel in das dafür vorgesehene Eingabefeld.

Die Redaktion freut sich auch über Hintergrund- und Insiderinformationen, wenn sie nicht zur Veröffentlichung unter dem Namen des Informanten bestimmt ist. Wir sichern unseren Lesern absolute Vertraulichkeit zu. Schreiben Sie bitte an redaktion@versicherungsjournal.de.

Allgemeine Pressemitteilungen erbitten wir an meldungen@versicherungsjournal.de.

WERBUNG
Werbung im Vermittlerbüro

WettbewerbsrechtMan muss mehrere Gesetzesbücher wälzen,
um etwas über das Wettbewerbsrecht zu erfahren. Einfacher macht es ein Praktikerhandbuch des VersicherungsJournals.

Interessiert?
Dann klicken Sie hier!

Diese Artikel könnten Sie noch interessieren
17.10.2022 – PRAXISWISSEN: Für Kunden mit Vorerkrankungen, in höherem Alter oder mit einem als gefährlich eingestuften Beruf eine erschwingliche BU-Versicherung zu finden, ist schwierig. Drei Vermittler berichten über ihre Erfahrungen mit „schweren Fällen“ und Lösungen dafür. (Bild: Uwe Lewandowski) mehr ...
 
19.7.2018 – Die zuletzt entbrannte Diskussion um die spontane Anzeigepflicht hat gezeigt, dass juristische Grundkenntnisse die Beratung erleichtern. Hilfestellung zur BU-Versicherung bietet ein neues Handbuch, das Makler Philip Wenzel vorstellt. (Bild: privat) mehr ...
 
26.8.2011 – Hoher Beratungsbedarf entsteht bei Berufsunfähigkeits- (BU-) Versicherungen vor allem dann, wenn der Versicherungsfall eintritt. Kompetent befriedigt wird der bisher aber kaum. mehr ...
 
13.4.2022 – Tarife werden heutzutage immer mehr auf Vermittler zugeschnitten. Denn wenn die ein Angebot nicht gut finden, wird es nicht verkauft, schreibt der Biometrie-Experte Philip Wenzel. Was aber der Kunde erwartet, komme dabei zu kurz. Wenzel fordert mehr Mut zu Produkten, die nicht vergleichbar sind. (Bild: Doris Köhler) mehr ...
 
13.7.2021 – Oft sind es nicht große Innovationen, sondern kleinere Bausteine, die ein Produkt interessant machen und den Markt umkrempeln können. Der neue Berufsunfähigkeitstarif bietet mit verschiedenen Optionen nützliche Lösungen nach Vertragsschluss, meint der Biometrie-Experte Philip Wenzel. (Bild: Doris Köhler) mehr ...
 
16.6.2021 – Versicherungsmakler brauchen Lösungen, die anders sind, meint der Biometrie-Experte Philip Wenzel. Der 20. Tarif, der nur eine Grundfähigkeit mehr versichert, helfe auch nicht weiter. Anders will es die Helvetia machen, die kürzlich mit einer neuen Produktfamilie gestartet ist. (Bild: Doris Köhler) mehr ...
 
21.5.2021 – Das Verbrauchermagazin hat in der aktuellen Ausgabe noch mal nachgelegt. Nach seinem Test für Berufstätige gibt es jetzt einen Vergleich von Berufsunfähigkeits-Policen für Kinder ab zehn Jahren. (Bild: Pixabay CC0) mehr ...
 
5.2.2021 – Die seit letztem Sommer anhängige gerichtliche Auseinandersetzung um zwei Klauseln einer Berufsunfähigkeits-Versicherung wurde jetzt zugunsten des Verbraucherschutz-Vereins entschieden. Der frohlockt. Und der Maklerversicherer? Die Muttergesellschaft reagiert. (Bild: Schmidt-Kasparek) mehr ...
WERBUNG