2022 tritt der Ernstfall für die Lebensversicherung ein

6.4.2021 – Ab 1. Januar 2022 wird es endgültig schwer für Lebensversicherungen. Denn dann soll einem Verordnungsentwurf des Bundesfinanzministeriums zufolge bei Lebensversicherern, Pensionskassen und Pensionsfonds die Absenkung des Höchstrechnungszins auf 0,25 Prozent erfolgt sein. Damit wird es schwierig bis unmöglich, zu einem Beitragserhalt bei normalen Laufzeiten zu kommen, schreibt Dr. Henriette Meissner in Teil 1 ihres dreiteiligen Gastbeitrags.

Die Niedrigzins- oder öfter schon Negativzinsphase verändert massiv die Welt des Sparens und der Vorsorge. 0,00 Prozent ist beim Sparen mittlerweile fast ein Schnäppchen. Denn immer häufiger werden mittlerweile von Banken „Verwahrgebühren“ oder schlicht Minuszinsen bereits bei kleineren Anlagebeträgen verlangt.

Henriette Meissner (Bild: Stuttgarter)
Henriette Meissner (Bild: Stuttgarter)

Bei den Altersvorsorgeprodukten führt diese Zinsentwicklung weg von klassischen Produkten hin zu Produkten, in denen Sicherheit und höhere Renditen neu miteinander verbunden werden. Ein Teil der Beiträge wird für die Erzeugung der Garantien in sicheren Kapitalanlagen verwendet, ein Teil der Beiträge für Anlagen in höherrentierlichen Fonds.

Doch mit sinkendem Rechnungszins (VersicherungsJournal 24.3.2021) wird es auch für Lebensversicherer immer schwerer, noch Garantien in Höhe der eingezahlten Beiträge (100-Prozent-Beitragsgarantie oder Bruttobeitragsgarantie) sicherzustellen.

Entwurf einer Verordnung zur Zinsabsenkung

Bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungs-Aufsicht (Bafin), die als Behörde dem Bundesministerium der Finanzen (BMF) zugeordnet ist, herrscht schon seit einiger Zeit wegen der Zinsentwicklung „Alarmstufe dunkelrot“. Denn zum 1. Januar 2021 wurde vom Bundesfinanzministerium der Höchstrechnungszins nicht, wie von der Deutschen Aktuarvereinigung e.V. (DAV) vorgeschlagen (11.12.2019, 30.4.2020), von 0,9 auf 0,5 Prozent abgesenkt (17.8.2020).

Ende 2020 hat die DAV sogar gefordert, dass der Höchstrechungszins zum 1. Januar 2022 auf 0,25 Prozent abgesenkt wird. Dem folgt nun endlich das Bundesfinanzministerium: Seit dem 25. März liegt der Entwurf einer Verordnung zur Absenkung des Höchstrechnungszins bei Lebensversicherern, Pensionskassen und Pensionsfonds auf 0,25 Prozent vor.

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Warnung, den heutigen Zins noch auszuschöpfen

Bemerkenswert ist, dass in der Begründung die Branche explizit davor gewarnt wird, den heutigen Höchstrechnungszins von 0,9 Prozent noch auszuschöpfen. „Die Verordnung tritt am 1. Januar 2022 in Kraft, so dass die Versicherungs-Unternehmen und Pensionsfonds ausreichend Zeit für die Umstellung auf den neuen Höchstrechnungszins haben.

Davon unberührt bleibt die Pflicht der Unternehmen, den Rechnungszins zur Bewertung der Verpflichtungen aus neu abgeschlossenen Verträgen schon vor dem 1. Januar 2022 umgehend zu senken, wenn dies erforderlich, um angemessene Rückstellungen zu gewährleisten und langfristige Risiken aus dem Neugeschäft zu begrenzen, oder den Verkauf der betreffenden Tarife einzustellen.“

Das passt dazu, dass die Bafin seit einiger Zeit deutlich die Lebensversicherer und Pensionskassen dazu aufruft, den Höchstrechnungszins nicht mehr auszuschöpfen (21.10.2020). Die Aufsichtsbehörde hat Pensionskassen mit weitgehendem „Erfolg“ dazu aufgefordert, noch bestehende Tarife mit 0,9 Prozent Rechnungszins zu schließen. Hier hält man einen Zins von 0,25 Prozent für vertretbar.

Riester und bAV stehen auf der roten Liste

Damit tritt nun der Ernstfall ein. Denn mit einem Höchstrechnungszins von unter 0,9 Prozent ist der Beitragserhalt, wie ein Bericht der Aktuarvereinigung zeigt, selbst ohne Ansatz von Abschluss- und Vertriebskosten nicht mehr möglich. Riester-Produkte und betriebliche Altersversorgung mit Beitragszusage mit Mindestleistung stehen damit auf der roten Liste der aussterbenden Arten.

Das ist die Realität für Anbieter, Berater, Vermittler und Kunden. Auf der Tagung „Forum Arbeitsrecht“ der Arbeitsgemeinschaft betriebliche Altersversorgung e.V. (Aba) forderte daher Karsten Tacke, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Pfalzmetall, die Politik pointiert dazu auf, auch die entsprechenden Garantieniveaus trotz Superwahljahr an die Realität der Niedrigzinsphase anzupassen.

Schwierig bis unmöglich, zu einem Beitragserhalt zu kommen

Was Tacke meint, zeigt eindrucksvoll ein Ergebnisbericht der DAV zu Garantien in der bAV im Niedrigzinsumfeld vom 26. Februar. Dort rechnen die Aktuare vor, wie lange es dauert, die Mindestleistung in Form einer 100-Prozent-Beitragsgarantie bei normalen Kosten (Inkassokosten, Betakosten = drei Prozent, Verwaltungskosten, Gammakosten 0,25 Prozent) mit und ohne Kosten für Abschluss und Vertrieb (Alphakosten) zu erwirtschaften.

Ab 0,5 Prozent Rechnungszins wird es schwierig bis unmöglich, zu einem Beitragserhalt bei normalen Laufzeiten zu kommen, auch dann wenn die Abschluss-Vertriebskosten wegfallen (Alphakosten Null).

Laufzeiten

Kalkulationszins

Notwendige Laufzeit zur Erreichung der Mindestleistung (in Höhe der eingezahlten Beiträge)

bei alpha = 1,5 %

bei alpha = 0 %

0,90 %

15 Jahre

9 Jahre

0,75 %

19 Jahre

12 Jahre

0,50 %

37 Jahre

24 Jahre

0,25 %

> 100 Jahre

> 100 Jahre

Trend wird sich 2022 deutlich fortsetzen müssen

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Sie begründen die marktweite Absenkung von Garantien in der privaten und betrieblichen Altersversorgung im Jahr 2021. Dieser Trend wird sich 2022 deutlich fortsetzen müssen.

An dieser Stelle noch ein letzte Anmerkung dazu: Anders als bei „Verwahrgebühren“ bedeuten abgesenkte Garantien gerade nicht, dass bei einer zum Beispiel auf 80 Prozent abgesenkten Beitragsgarantie 20 Prozent der Beiträge „weg“ sind. Es heißt vielmehr, dass der Anteil der Beiträge, der zur Absicherung der abgesenkten Garantie aufgewendet werden muss, sinkt und dass mehr Beitragsanteile in renditestärkere Anlagen fließen können.

Dadurch kann der negative Effekt der Negativzinsphase durch ein Mehr an renditestärkeren Kapitalanlagen ausgeglichen werden.

Hohe Garantien bieten in Niedrigzinsumfeld nicht mehr Sicherheit

Eine neue Studie des Ifa – Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften (Ifa) in Ulm zeigt, dass aufgrund des Risikoprofils in der Niedrigzinsphase Produkte mit abgesenkten Garantien inflationsbereinigt auch für sicherheitsorientierte Verbraucher bedarfsgerecht sind. Das Ifa rechnet vor, dass hohe Garantien in einem Niedrigzinsumfeld inflationsbereinigt nicht mehr – wie früher – mehr Sicherheit bieten.

Hohe Garantien erhöhen sogar das Risiko. Die Forscher zeigen, dass im heutigen Zinsumfeld eine höhere Garantie sogar die Sicherheit reduzieren kann. Daher ihre These, dass im aktuellen Zinsumfeld Produkte mit abgesenkter Garantie auch für sicherheitsorientierte Verbraucher bedarfsgerecht sind.

Teil 2 dieser Artikelreihe beschäftigt sich mit neuen Perspektiven in der bAV. Betrachtet wird hier die beitragsorientierte Leistungszusage (Bolz). Teil 3 behandelt arbeitsrechtliche Implikationen der Entwicklung. Erörtert werden die Frage der Wertgleichheit und Informationspflichten gegenüber den Beschäftigten. Diese Beiträge erscheinen in den kommenden Ausgaben des VersicherungsJournals.

Dr. Henriette Meissner

Die Autorin ist Geschäftsführerin der Stuttgarter Vorsorge-Management GmbH, und Vorständin der Arbeitsgemeinschaft betriebliche Altersversorgung e.V. (Aba). Zudem ist sie Mit-Herausgeberin des „Kompass für die Beratungspraxis“ (VVW). In Ausgabe 2/2021 werden die aktuellen Entwicklungen zum Thema „Abgesenkte Garantien, Sicherheit, Rendite. (Betriebliche) Altersversorgung und Niedrigzins“ aufbereitet.

 
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