Wie gerecht ist das deutsche Gesundheitssystem?

12.9.2018 – Auf dem 17. Continentale PKV-Forum stritten Fachleute aus dem Gesundheitssektor und aus der Krankenversicherungs-Branche über das Thema Gerechtigkeit im deutschen Gesundheitssystem. Große Einigkeit herrschte hingegen über das hohe Versorgungsniveau in Deutschland.

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Die Zufriedenheit der Bevölkerung mit der Gesundheitsversorgung ist auf einen neuen Höchststand gestiegen. Dies erläuterte Dr. Christoph Hellmich, Vorstandschef des Continentale Versicherungsverbunds, auf dem 17. Continentale PKV-Forum unter Verweis auf die jährlich durchgeführte Continentale-Studie (VersicherungsJournal Archiv). Basis der Untersuchung ist eine repräsentative Umfrage unter gut 1.000 Bundesbürgern ab 20 Jahren.

Deren Ergebnissen zufolge sind 78 Prozent der gesetzlich Krankenversicherten mit der Leistung und 71 Prozent mit dem Preis zufrieden. Noch ein ganzes Stück zufriedener zeigen sich die Privatversicherten: 89 Prozent sind mit der Leistung und 75 Prozent mit dem Preis zufrieden.

Was ist schon gerecht?

Der erste Teil der Veranstaltung drehte sich rund um das Thema Gerechtigkeit. Professorin Dr. Christiane Woopen von der Universität zu Köln zeigte an verschiedenen Beispielen auf, dass die Frage der Gerechtigkeit nicht einfach zu beantworten ist. Das illustriere etwa der Fall, dass Kinder in München ins Umland weitergeleitet werden, da es keine Krankenhäuser für kindermedizinische Notfallbehandlung gebe.

Eine weiteres Beispiel, bei dem es um Verhältnismäßigkeit geht: Für die Intensivpflege der rund 25.000 Schwerst-Pflegebedürftigen in Deutschland fallen Kosten von rund sechs Milliarden Euro an. Für die etwa 3,5 Millionen Pflegebedürftigen liegen die Kosten bei circa 39 Milliarden Euro.

Hier stelle sich aber nicht die Frage der Gerechtigkeit. Denn es handele sich strukturell gesehen um die Zuteilung von Lebenschancen für Menschen, die zutiefst hilfebedürftig sind. Gesundheitsversorgung sei ein sehr wichtiges Gut. Die Verantwortung für die Verteilung der Ressourcen liegt ihrer Ansicht nach beim Staat.

PKV und GKV: Gerechtigkeiten und Ungerechtigkeiten

In der anschließenden Podiumsdiskussion ging es um aktuelle Problemstellungen der Krankenversicherung. Teilnehmer waren neben Woopen der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach, Continentale-Vorstand Dr. Marcus Kremer, Dr. Florian Reuther (Geschäftsführer Recht des Verbands der Privaten Krankenversicherung e.V.), Bundesärztekammer-Präsident Professor Dr. Frank Ulrich Montgomery sowie Barmer-Vorstandschef Professor Dr. Christoph Straub.

Frank Ulrich Montgomery, Christiane Woopen, Christoph Straub (Bild: Continentale/Rupert Warren)
Frank Ulrich Montgomery, Christiane Woopen, Christoph Straub (Bild: Continentale/Rupert Warren)

Unterschiedliche Meinungen prallten aufeinander, als es um die Frage der Gerechtigkeit zwischen der gesetzlichen (GKV) und privaten Krankenversicherung (PKV) ging.

Reuther verwies auf eine kürzlich veröffentlichte Studie des Wissenschaftlichen Instituts der PKV (WIP), nach der die Privatversicherten zuletzt einen Mehrumsatz von fast 13 Milliarden Euro geleistet hätten (VersicherungsJournal 27.8.2018). Zudem finanzierten die Privatversicherten über ihre Steuern die kostenfreie Mitversicherung von Ehegatten und Kindern in der GKV mit.

Straub erteilte einer solch ideologischen Diskussion eine Absage, weil man sich damit nur im Kreis drehe. Denn als Gegenargument könnte man nehmen, dass die gesetzlich Versicherten, die 90 Prozent der Bevölkerung ausmachen, die ganze Struktur des Gesundheitswesens mit Krankenhäusern et cetera finanzieren, die auch die Privatversicherten nutzten.

GOÄ-Verhandlungen schreiten voran

Reuther erläuterte in der Diskussionsrunde den Stand der Ausarbeitung einer neuen Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) mit der Ärzteschaft. Ein erfolgreicher Abschluss der Verhandlungen sei in Sichtweite. Zwei der drei großen Punkte habe man bereits abgearbeitet und eine Liste mit rund 5.000 medizinischen Leistungen erstellt. Derzeit sei man dabei, die verschiedenen Leistungen einzupreisen.

Bosbach unterstrich in diesem Zusammenhang die Wichtigkeit des – gegebenenfalls auch telemedizinischen – Gesprächs zwischen Arzt und Patient. Denn ansonsten würden die Patienten in die Onlinesprechstunde zu Dr. Google gehen, was keine ärztliche Diagnose ersetze und größtenteils nur Verwirrung stiften würde.

Marcus Kremer, Florian Reuther und Wolfgang Bosbach (Bild: Continentale/Rupert Warren)
Die weiteren Teilnehmer der Podiumsdiskussion (Bild: Continentale/Rupert Warren)

Dauerbrenner Bürgerversicherung

Thema der Diskussionsrunde war auch die Bürgerversicherung, der Bosbach eine klare Absage erteilte. Es werde immer so getan, als ob durch die Bürgerversicherung alle Probleme wie etwa die Wartezeitenthematik (VersicherungsJournal 12.12.2017, 24.8.2018) verschwänden. Dies sei aber ein Trugschluss, so der dreifache Familienvater, der selbst gesetzlich versichert ist.

Warum durch die Bürgerversicherung nicht automatisch alles besser wird, wurde beim letztjährigen PKV-Forum ausführlich diskutiert (VersicherungsJournal 7.9.2017).

Wichtiger Wettbewerb zwischen GKV und PKV

Montgomery gab ein klares Bekenntnis zum dualen Gesundheitssystem ab. Der Wettbewerb ist für ihn eines der konstitutiven Elemente im deutschen Gesundheitssystem. Ähnlich argumentierte Kremer, der in dem Wettbewerb zwischen GKV und PKV sogar den Treiber für die Steigerung des Versorgungsniveaus sieht.

Kremer rief dazu auf, dass man die Bürgerversicherung hinter sich lassen müsse und sich den Zukunftsthemen wie etwa der Medizintechnik und der digitalen Medizin mit all ihren Chancen und Herausforderungen zuwenden solle. Denn nur so könne man das bereits sehr hohe Versorgungsniveau nachhaltig weiter verbessern.

Reuther sprach von einem exzellenten deutschen Gesundheitswesen. Er forderte, die damit verbundene Freiheit nicht aus dem Kopf verlieren und Gerechtigkeit auch über Generationen hinweg zu sichern.

Leserbriefe zum Artikel:

Peter Schramm - Das GKV-Versorgungsniveau auf ein sinnvolles Niveau zurückführen. mehr ...

 
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