Wenn es schiefläuft: 2030 über eine Million in Altersarmut

5.7.2018 – Die Deutsche Rentenversicherung hat ausrechnen lassen, wie sich wohl die Inanspruchnahme der Grundsicherung durch Ältere bis zum Jahr 2030 entwickeln könnte. Die ungünstige Projektion geht von einer Verdoppelung der Grundsicherungsbezieher im Alter aus, die günstigere von einem verlangsamten Zuwachs auf gut 834.000. Von entscheidender Bedeutung für die tatsächliche Entwicklung dürfte die Handlungsweise der Politik sein, wobei allerdings die Bekämpfung von Kinderarmut weitaus dringlicher erscheint.

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Die Furcht vor Altersarmut in Deutschland scheint allgegenwärtig zu sein. Mancher befürchtet bei der Ausweitung der Grundsicherung im Alter einen Tsunami (VersicherungsJournal Medienspiegel 14.5.2018, 14.11.2017, 2.11.2017).

Die Deutsche Rentenversicherung Bund hat jetzt einmal den Spezialisten Dr. Bruno Kaltenborn untersuchen lassen, in welchem Umfang sich die Grundsicherung für Personen im Rentenalter bis zum Jahr 2030 entwickeln dürfte, wenn man die Erfahrungswerte seit dem Jahr 2003 auswertet.

Bruno Kaltenborn (Bild: Brüss)
Bruno Kaltenborn (Bild: Brüss)

Die ungünstige Projektion rechnet dabei mit rund einer Verdoppelung der Grundsicherungsbezieher im Alter auf rund 1.050.000 von noch 525.595 im Jahr 2016. In der günstigeren Variante, die vom Wirtschaftsforscher Kaltenborn für die wahrscheinlichere Entwicklung gehalten wird, würde sich der Zuwachs auf gut 834.000 verlangsamen.

Politik gefordert

Brigitte L. Loose, Leiterin des bei der Rentenversicherung angesiedelten Forschungsnetzwerks Alterssicherung (FNA), wies am Mittwoch auf einem Pressefachseminar der Deutschen Rentenversicherung in Berlin (VersicherungsJournal 4.7.2018) darauf hin, dass es die Politik in der Hand habe, aktiv in die Entwicklung einzugreifen.

So ist Konsens in der Bundesregierung, dass es bei der Erwerbsunfähigkeits-Rente kurzfristig zum dritten Mal in Folge Verbesserungen geben soll. Die Erwerbsunfähigkeits-Rentner gelten als besonders armutsgefährdet. Da aber von jeder Verbesserung immer nur die Neurentner profitieren würden, würde der Druck, Grundsicherung zu beantragen, nur allmählich abnehmen, gab Kaltenborn zu bedenken.

Politik muss Konzepte gegen jegliche Armutserscheinungen entwickeln

Nach den von Kaltenborn entwickelten Zukunftsszenarien würde im negativen Fall die Quote der auf Grundsicherung angewiesenen Menschen im Rentenalter bei Frauen von 3,2 Prozent im Jahr 2016 auf 5,2 Prozent im Jahr 2030 ansteigen. Bei den Männern ergäbe sich ein Zuwachs auf eine Quote von 5,9 (2016: 2,9) Prozent.

In der günstigeren Variante würde die Quote bei Männern, die auf Grundsicherung angewiesen sind, auf 4,4 Prozent steigen. Bei Frauen ergäbe sich ein Zuwachs bis 2030 auf 4,3 Prozent.

Dass es aber auch andere drängende Probleme gibt, machen Daten aus dem Jahr 2017 deutlich. Die Hilfequote bei Kindern unter 15 Jahren lag bei 14,9 Prozent. Und die Hilfequote nach SGB II bei erwerbsfähigen Personen erreicht mit 8,0 Prozent einen deutlich höheren Wert, als der für Menschen im Rentenalter für 2030 projiziert wird (VersicherungsJournal 18.9.2017, 11.5.2017, 13.4.2017).

Rentenversicherung: Die Grundrente wird nur selten helfen

Reinhold Thiede (Bild: Brüss)
Reinhold Thiede (Bild: Brüss)

Ob es am Ende zur Einführung einer Grundrente für langjährig Versicherte kommt, die dennoch nicht über Grundsicherungsniveau hinauskommen, oder zu einem anderen Modell (etwa eine solidarische Lebensleistungsrente) ist offen. Die Deutsche Rentenversicherung sieht beide Modelle kritisch.

Vor allem dürfe es nicht zu einer Vermengung von Versicherungs- und Fürsorgeprinzip kommen, erläuterte Dr. Reinhold Thiede. Er hatte am Mittwoch auch an der Sitzung der neuen Rentenkommission der Bundesregierung teilgenommen (VersicherungsJournal 4.5.2018).

Freibetrag einführen

Nach Ansicht der Rentenversicherung sollte es, wie in der zweiten und dritten Säule auch, bei den kleinen Aufstockerrenten einen Freibetrag geben, damit vom eigenen Rentenanspruch mehr übrigbleibt. Solche Freibeträge wären eine Alternative mit weniger Verwaltungsaufwand, die aber sicherstellen würde, dass die Lebensleistung der Versicherten auch bei Grundsicherung honoriert werde.

Generell glaubt Thiede aber nicht, dass wegen der hohen Anforderung von 35 Versichertenjahre viele Menschen in den Genuss einer Grundrente kommen dürften.

Schlagwörter zu diesem Artikel
Altersarmut · Erwerbsunfähigkeit · Rente · Senioren · Sozialhilfe
 
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