Kfz-Versicherer rüsten sich für den Abschwung

17.4.2019 – In der Kfz-Versicherung gehen die Preise erstmals seit acht Jahren nach unten. Eine heiße Marktphase ist zu erwarten, schreibt Grzegorz Obszanski, Berater bei Sollers Consulting, in seinem Gastbeitrag über die aktuelle Entwicklung in der Autoversicherung. Darauf seien die Direktversicherer und die Versicherer mit gemischtem Vertrieb am besten vorbereitet. Doch auch Maklerversicherer könnten hier mithalten.

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Nach acht Jahren mit steigenden Prämien hat der Markt für Kfz-Versicherungen seinen Höhepunkt überschritten. Der Internetmakler Check24 Vergleichsportal GmbH berichtet, dass die Durchschnittsprämie in der heißesten Phase des Wechselgeschäfts auf 276 Euro gesunken ist (VersicherungsJournal 29.1.2019). Damit ist die Durchschnittsprämie auf den Stand von 2016 zurückgefallen.

Grzegorz Obszanski (Bild: Marek Popowski)
Grzegorz Obszanski (Bild: Marek Popowski)

Um sich auf den zunehmenden Margendruck vorzubereiten, investieren die deutschen Versicherer viel in Technik. Mit der Einführung neuer Back-End-Systeme legen sie die Grundlage für Automatisierung und eine bessere Datennutzung im Kfz-Geschäft. Gleichzeitig verschlanken sie ihre Prozesse.

Preise in der Kfz-Haftpflicht und Kasko gestiegen

Die Jahre 2010 bis 2017 waren für die Versicherer von kontinuierlich steigenden Raten geprägt. Dies war mit einem deutlichen Anstieg der Durchschnittsprämien verbunden. Um diese Entwicklung aufzuzeigen, wurden für diesen Beitrag die Statistiken der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungs-Aufsicht (Bafin) analysiert.

Demnach hat sich die Durchschnittsprämie in der Kfz-Haftpflichtversicherung allein im Jahr 2017 von 243,60 Euro auf 248,17 Euro verteuert. Das entspricht einem Preisanstieg um 1,9 Prozent. Die durchschnittliche Kaskoprämie stieg um 1,91 Prozent auf 220,96 Euro. Beides liegt über der Inflationsrate, die 2017 bei 1,5 Prozent lag.

Maklerversicherer steigerten Beitragseinnahmen um sieben Prozent

Von dem zurückliegenden guten Geschäft in der Kfz-Sparte haben vor allem die Direktversicherer und die Versicherer mit Mischvertrieb (Internet, Telefon, Geschäftsstellen und Nebenberufler) profitiert. Die Direktversicherer wuchsen in der Kfz-Haftpflichtversicherung im Jahr 2017 um 8,8 Prozent. Die Versicherer mit Mischvertrieb um acht Prozent (VersicherungsJournal 5.4.2018).

Bemerkenswert erfolgreich ist die Gruppe der Maklerversicherer. Sie konnte, angeführt von der VHV Allgemeine Versicherung AG, ihre Beitragseinnahmen in der Kfz-Haftpflicht um sieben Prozent steigern.

Die Durchschnittprämie der Maklerversicherer lag mit 272,56 Euro deutlich über dem Marktschnitt von 248,17 Euro. Doch keine andere Gruppe hatte in dem zurückliegenden guten Marktumfeld eine so günstige Schadenquote in der Kfz-Haftpflicht. Fünf der insgesamt neun reinen Maklerversicherer weisen Schadenquoten auf, die unter dem Marktniveau liegen.

Reine Maklerversicherer sind auf dem deutschen Markt allerdings immer noch eine Randerscheinung. Ihr Marktanteil ist 2017 auf 6,1 Prozent gestiegen, was einem Plus von 0,3 Prozentpunkten entspricht.

Fast 40 Prozent aller Prämien in Komposit

Das Geschäft mit Kfz-Versicherungen hat eine überragende Bedeutung, nicht nur als Einstiegsprodukt. Nach aktuellen Zahlen des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) kamen 2018 fast 40 Prozent aller Prämien in der Schaden-/ Unfallversicherung aus der Autoversicherung (VersicherungsJournal 31.1.2019).

Anders als in Großbritannien, wo mehr als ein Drittel des Kfz-Geschäfts über Onlinemakler abgeschlossen wird, dominiert in Deutschland immer noch der personale Vertrieb über Ausschließlichkeits-Vermittler. Untersuchungen zeigen, dass die Bereitschaft zum Online-Abschluss hierzulande zunimmt, doch das Verhalten ändert sich nur sehr langsam.

In Dänemark hat einer der führenden Versicherer im vergangenen Jahr seinen Außendienst aus Kostengründen entlassen. Solche Szenarien sind hierzulande nicht zu erwarten. Noch nicht.

Schwaches Prämienwachstum bei Versicherern mit Mischvertrieb

Die Versicherer mit Außendienst-Mischvertrieb, die den dominierenden Agentenvertrieb durch Makler, Banken, Autohäuser und andere Vertriebswege ergänzen, kommen in der Kfz-Haftpflichtversicherung auf einen Marktanteil von 52,4 Prozent.

Doch das Prämienwachstum ist schwach: Es beträgt nur zwei Prozent, während der Markt um knapp vier Prozent wuchs. Die Kostenquote ist mit 18,3 Prozent überdurchschnittlich hoch, während im Marktschnitt die Kosten auf 17,25 Prozent der Bruttoprämien kommen. Die Durchschnittsprämie liegt mit 266,96 Euro deutlich über dem der anderen Versicherer mit 248,17 Euro.

Ersten GDV-Zahlen zufolge sind die Beitragseinnahmen in der Kfz-Haftpflicht im Jahr 2018 nochmals um 2,5 Prozent gestiegen. Doch nach dem Jahreswechselgeschäft erwartet man im Markt, dass die Prämien in diesem Jahr erstmals seit 2013 wieder zurückgehen werden. Die neue Marktphase wird von einem immer härter werdenden Preiswettbewerb gekennzeichnet sein, der Versicherer unter Kostendruck setzt (VersicherungsJournal 13.2.2019).

Direktversicherer mit deutlich geringeren Margen

Trotz der erheblichen Aufwendungen und Anstrengungen für Werbung haben Direktversicherer einen großen Kostenvorteil. Mit 14,4 Prozent liegt die Kostenquote drei Prozentpunkte unter dem Marktschnitt und vier Prozentpunkte unter den dominierenden Multikanalversicherern mit dominantem Außendienst.

Aber die Preissensitivität bestehender und potenzieller Kunden ist viel größer als bei den Wettbewerbern. Die Schadenquote liegt fünf Prozentpunkte über dem Marktschnitt, die Durchschnittsprämie ist mit acht Prozent über dem Marktschnitt deutlich höher, aber aufgrund der Schadenbelastung sind die Margen deutlich geringer als bei der Konkurrenz.

Das erklärt, warum der Marktanteil der reinen Direktversicherer immer noch so gering ist. Im Jahr 2017 hatten sie einen Marktanteil von 6,5 Prozent.

Mischvertrieb in guter Ausgangsposition

Eine Gruppe von Versicherern hat ein Mischvertriebskonzept entwickelt, das Direktversicherung mit einem Geschäftsstellenvertrieb, Nebenberuflern und einer geringen Anzahl von Handelsvertretern kombiniert. Vor allem im Hinblick auf die dominierende Huk-Coburg Allgemeine Versicherungs-AG kommen die Versicherer mit diesem Vertriebsmodell auf einen Marktanteil von 18,4 Prozent. Das macht einen Zuwachs von 0,3 Prozentpunkten.

Die Beitragseinnahmen in der Kraftfahrt-Haftpflicht wuchsen um acht Prozent, doppelt so stark wie im Markt. Die Kostenquote der Versicherer mit Mischvertrieb ist geringer als die der Direktversicherer. Dadurch kommen sie mit einer Durchschnittsprämie aus, die mit 196,50 Euro je Vertrag weit unter derjenigen der anderen Versicherer liegt. Für den beginnenden Preiswettbewerb im Markt sind diese Versicherer deshalb besser gerüstet als andere Gruppen.

Modernisierung der IT-Systeme steht an

Andererseits unterziehen die Versicherer ihre IT-Systeme derzeit einer umfassenden Modernisierung. Dadurch werden sich auch die Geschäftsprozesse vereinfachen und die Möglichkeiten beim Umgang mit den Daten erweitert.

Es eröffnen sich neue Perspektiven im Marketing und Vertrieb, aber auch die Risiken können besser abgeschätzt werden. Die Versicherer können sich damit einen Schritt unabhängiger machen von den gebundenen Vermittlern, die traditionell im Jahreswechselgeschäft direkt oder indirekt einen starken Einfluss auf die Preispolitik haben.

Grzegorz Obszanski

Der Autor arbeitet als Manager beim IT-Beratungsunternehmen Sollers Consulting GmbH.

Leserbriefe zum Artikel:

Peter Schramm - Weitere Wettbewerbsverschärfung durch Vereinbarung von Selbstbehalten . mehr ...

 
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