Insurtechs: Eintritt in die „dritte Phase“?

24.8.2020 – Die Startups verlagern ihren Schwerpunkt von der Endkundenorientierung hin zu B2B-Ansätzen, Glaubt Florian Graillot, Kenner der Szene. Vielfach erweise sich das Endkundengeschäft nämlich als schwierig. Attraktivität könnte auf Startups der Bereich „neue Risiken“ entfalten, weil der Wettbewerbsvorteil etablierter Anbieter dort kleiner sei.

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Gut 360 Millionen Euro an Investitionen haben Insurtechs in Europa im ersten Halbjahr 2020 eingesammelt. Das berichtete Florian Graillot, Gründer des Investors Astorya.vc, letzte Woche beim Insurance Innovation Day 2020.

Florian Graillot (Bild: Astorya)
Florian Graillot  (Bild: Astorya)

Das Volumen sei damit fast halb so groß wie im Gesamtjahr 2019. Auf eine Prognose für das Gesamtjahr 2020 wollte er sich aufgrund der besonderen Umstände dieses Jahres dennoch nicht festlegen.

Alles in allem sei das immer noch ein eher geringer Betrag. Der Referent verglich ihn mit dem IT-Budget der Bank BNP Paribas – dieses habe einen Umfang von mehr als sechs Milliarden Euro pro Jahr.

Wo die Investitionen hinfließen

An Insurtechs, die die gesamte Wertschöpfungskette abbilden – er nannte in dem Zusammenhang Coya AG und Element Insurance AG aus Deutschland sowie Alan SA aus Frankreich – gingen im ersten Halbjahr 2020 nach seinen Angaben zwei Prozent des Investitionsvolumens.

Etwa ein Drittel (31 Prozent) floss in den Bereich „Preis und Produkte“. Die Hälfte (49 Prozent) ging in den Bereich Vertrieb, wobei Graillot anmerkte, dass dieser Anteil im Vorjahr noch deutlich höher gewesen sei.

Dem Bereich Schaden waren nur 18 Prozent zuzurechnen. Einen Grund dafür sieht er darin, dass dieser Teil der Wertschöpfungskette derzeit noch sehr „manuell“ ausgestaltet sei. Um ihn mit Software und Algorithmen abbilden zu können, sei einiges an Technologie nötig.

Neue Risiken ein attraktives Feld für Startups?

Grundsätzlich interessant zu beobachten sei, dass sich in jüngster Zeit manches Startup aufgemacht habe, nicht mehr als Agent, sondern mit einer eigenen Lizenz tätig zu sein, sagte der Redner.

In puncto „Preis und Produkte“ erinnerte er vorweg an neue Risiken wie etwa den Klimawandel und das Management natürlicher Ressourcen, Cybergefahren, Vernetzung und Automatisierung oder Finanzinstabilität.

Da es sich um neue Risiken handle, gebe es dazu nur weniger Erfahrungswerte und Datenmaterial. Das heiße: Etablierte Unternehmen haben nur einen begrenzten Wettbewerbsvorteil gegenüber Startups. Er geht deshalb davon aus, dass dieses Feld auf Startups attraktiv wirkt.

Es gebe eine wachsende Anzahl an Neugründungen. „Vielleicht kennen Sie nicht alle, aber Sie sollten Sie im Blick haben“, riet Graillot. Denn entweder könnten sie zu den etablierten Akteuren in Konkurrenz treten oder letztere könnten die Technologie der Startups für ihre eigenen Zwecke nutzen.

Datenverfügbarkeit: Schlüsselrolle für Plattformen

Was die Verfügbarkeit von Kundendaten angeht, glaubt Graillot, dass Plattformen eine Schlüsselrolle zukommt, zumal dort eine große Datenmenge anfalle und es regelmäßige Kontakte mit Millionen Kunden gebe.

Es sei „einiges zu tun“, was die Nutzung neuen Datenmaterials angeht. Auf Seite der Startups ortet der Experte einen Wettbewerbsvorteil, wenn es darum geht, externe Daten zu liefern und zu nutzen.

Zu wenig neues Geld für Coverly

Mit Blick auf den Vertrieb verwies er auf Coverly im Vereinigten Königreich: Das Startup hatte bei seiner Gründung Kleinunternehmen als Zielgruppe auserkoren und sich direkt an diese gerichtet. Allerdings hat Coverly nur rund eineinhalb Jahren Tätigkeit vor kurzem mitgeteilt, dass es kein Neugeschäft mehr zeichnen wird.

Das Online-Magazin „Coverager“ zitiert Bibby Financial Services (BFS), die hinter Coverly steht, in einem Artikel vom 20. Juli mit der Aussage, der Start von Coverly sei ein Erfolg gewesen. Man habe in gut einem Jahr mehr als 3.000 Kunden gewonnen. Frisches Geld, das für ein weiteres Wachstum nötig gewesen wäre, sei in Folge des Corona-Ausbruchs aber nicht aufzustellen gewesen.

Schwieriges Endkundengeschäft

Graillot spricht in dem Zusammenhang von einem Trend, den er hier sehe: Sich direkt an Endkunden zu wenden, sei kein einfaches Unterfangen – selbst, wenn es sich dabei um kleine und mittlere Unternehmen handelt.

Seine Schlussfolgerung: Es sieht danach aus, dass indirekter Vertrieb für Startups attraktiver sein dürfte, als direkt mit den etablierten Anbietern zu konkurrieren. Das gelte umso mehr, wenn sich das angebotene Produkt nicht allzu sehr von dem unterscheidet, was auch die etablierten Anbieter offerieren.

Bleibt noch das Segment Schaden: Hier zeichne sich ein neuer Trend rund um „Tele-Expertise“ ab. Sprich: Technologie als Mittel, um, speziell bei Autoschäden, den Prozess der Schadenerledigung zu verbessern.

Dritte Phase der Insurtech-Entwicklung

Die frühen Tage, die erste Phase der Insurtechs ab etwa 2014, sei von der Suche nach dem „Uber der Versicherung“ gekennzeichnet gewesen.

Die zweite Phase sei dann von einem „Zurück zur Realität“ und dem Blick auf KPIs (Key Performance Indicator) geprägt gewesen. Sie ist in Graillots Augen 2019/20 zu Ende gegangen.

Nun stehe man an einem Punkt, wo sich zeige, dass viele B2C-orientierte, also sich an Endkunden richtende Startups nur mäßigen Erfolg verbuchen können.

Das sei wahrscheinlich auch etablierten Akteuren nicht verborgen geblieben und habe die Einschätzung gefördert, dass die Newcomer keine Bedrohung darstellen.

Zwei Optionen

Vor diesem Hintergrund könne man – als etabliertes Unternehmen – jetzt, zu Beginn der dritten Phase, zweierlei Ansätze verfolgen.

Option A: Man folgt der Annahme, dass es keine Bedrohung gibt und auch keine geben wird. Die Folge: Man steigt bei Innovation und Implementierung neuer Technologien auf die Bremse.

Option B: Man stellt sich auf den Standpunkt, dass Technologie eine Möglichkeit ist, das eigene Angebot zu verbessern, sich mit neuen Risiken auseinanderzusetzen, neue Kunden anzusprechen und Wachstum zu beschleunigen. „Das ist, offenkundig, unsere Überzeugung.“

Nach B2C künftig B2B im Fokus

Nach einer „starken Welle der B2C-Technologie“, werde es künftig stark in Richtung Enterprise-Software und B2B-Technologien gehen, glaubt Graillot.

Und: Wenn man externe Technologien zum eigenen Nutzen verwende, könne man sich wesentlich schneller bewegen – und darum gehe es schließlich.

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Beitragsrückerstattung · Coronavirus · Gewerbeordnung · Insurtech · Zielgruppe
 
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