Die Pflege ist in Deutschland am Scheideweg

22.6.2018 – Fragen zur Pflege werden zum politischen Dauerthema. Der PKV-Verband stellte am Donnerstag auf seiner Jahrestagung eine breite gesellschaftliche Initiative für bessere Qualität der Pflege in den Blickpunkt. Auf einer Podiumsdiskussion, besetzt mit Experten aus der Pflegebranche, wurden akute wie auch heikle Themen angesprochen. Neben Personalmangel betrifft dies die Frage der Gewalt in der Pflege und die Unterstützung pflegender Angehörigen.

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Der öffentliche Teil der zweitägigen Jahrestagung des Verbands der privaten Krankenversicherung e.V. (PKV-Verband) wurde am Donnerstag in Berlin dem Thema „Pflege neu denken. Herausforderungen einer alternden Gesellschaft“ gewidmet. „Der Anteil der 80-Jährigen wird sich in Deutschland bis zum Jahr 2050 verdreifachen“, sagte Uwe Laue in seinem Eröffnungsvortrag.

Uwe Laue (Bild: Pohl)
Uwe Laue (Bild: Pohl)

„Gleichzeitig schrumpft die Zahl der Erwerbsfähigen um ein Drittel, was das Umlagesystem an seine Grenzen bringt“, ergänzte der Vorstandschef des PKV-Verbandes. Insofern seien Forderungen nach einem Vollkaskoschutz der gesetzlichen Pflegeversicherung absurd. Dringend benötigte zusätzliche Pflegestellen dürften nicht aus dem Topf der Beitragszahler finanziert werden, sondern seien eine Aufgabe des Gemeinwesens und damit über Steuern zu finanzieren.

Gelernter Krankenpfleger als Pflegebeauftragter

Damit schaffte Laue den Übergang zum politischen Part, den Andreas Westerfellhaus, Staatsekretär im Bundesministerium für Gesundheit (CDU) und zugleich seit 70 Tagen Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung, übernahm. Der Pflegeexperte ist gelernter Krankenpfleger und war lange Jahre Präsident des Verbandes Deutscher Pflegerat e.V. (DPR).

Mit seinem Vortrag „Pflege neu denken. Herausforderungen einer alternden Gesellschaft“ griff Westerfellhaus den Ball mehrfach auf. „Ziel ist es, gute Versorgung in allen Sektoren der Pflege zu schaffen“. Die Versorgungssicherheit der Betroffenen sei am wichtigsten.

„Es gibt viel Änderungsbedarf“, die Aufgaben zwischen den Gesundheitsberufen müssten neu justiert werden. Ärzte, Pfleger, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten müssten „über die bisherigen Versorgungsgrenzen hinweg stärker als interprofessionelle Teams agieren“.

13.000 neue Stellen in der Pflege

Die Bundesregierung habe einen Referentenentwurf für ein „Sofortprogramm Pflege“ vorgelegt, der zum 1. Januar 2019 Gesetz werden soll. Vor allem gehe es dabei um die Finanzierung und tatsächliche Besetzung von 13.000 neuen Stellen in der Pflege.

Andreas Westerfellhaus (Bild: Pohl)
Andreas Westerfellhaus (Bild: Pohl)

Westerfellhaus machte dazu auch unkonventionelle Vorschläge, wie die Rückgewinnung ausgeschiedener Pflegefachkräfte mit Prämien oder die Absenkung der Arbeitszeit auf 80 Prozent bei vollem Lohn. „Pflege braucht auch innovative Arbeitszeit- und Vergütungskonzepte“, so der Staatssekretär.

Gewalt in der Pflege kein Tabuthema mehr

Im anschließenden Podiumsgespräch ging es zunächst um Gewalt in der Pflege. „35 Jahre in der Pflege haben mich gelehrt, dass es viel Gewalt gibt – körperlich und seelisch“, sagte Rita Gabler, Pflegerische Leiterin des Palliativ-Team Erding gemeinnützige GmbH. Dies resultiere oft aus massiver Überforderung, aber auch aus Identifikation mit dem Leid der Betroffenen, was Pflegende in Richtung Erlösung schiebe. Damit würde man in Zukunft noch mehr zu schaffen haben.

„Angaben von Führungskräften in Pflegeeinrichtungen zeigen, dass Gewalt in der Pflege ein gravierendes Problem ist“, bestätigte Dr. Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP). 50 Prozent der Pflegefälle würden gegen Pfleger aggressiv, aber auch 40 Prozent der Angehörigen gegen ihren familiären Pflegefall.

„Gewalt gab es schon immer, heute haben wir belastbarere Zahlen als früher“, meint Christine Vogler, Vizepräsidentin des Deutschen Pflegerats. Es gehe bei der Pflege auch um Macht. Die jetzige Mangelsituation bei der Versorgung dämpfe die Hoffnung auf Besserung. Daher müsse sehr schnell personell gegengesteuert werden, zumal „von den 1,1 Millionen Pflegern in absehbarer Zeit 36 Prozent in den Ruhestand gehen und damit die Lücken vergrößern“.

Andreas Westerfellhaus gab die Zusage, dass die pflegerische Expertise nun stärker in alle politischen Entscheidungen eingebracht wird. Dabei sei ihm klar, alle strukturellen Defizite beinahe gleichzeitig anpacken zu müssen.

Podiumsdiskussion (Bild: Pohl)
V.l.n.r.: Stefan Reker, Rita Gabler, Andreas Westerfellhaus, Christine Vogler und Ralf Suhr (Bild: Pohl)

Nicht zimperlich bei der Nachwuchsgewinnung

Ob man beim Berufsnachwuchs alles zur Ausbildung nehmen müsse, was man kriegen kann, fragte Moderator Stefan Reker. „Im Prinzip ja“, bestätigte Pflegeleiterin Rita Gabler. Mittelfristig müssten aber strenge Kriterien gelten, sonst werde es gefährlich.

„Wir nehmen jeden“, sagt auch Christine Vogler, die beim DPR das „Modellprojekt generalistische Ausbildung“ leitet. An solider Ausbildung sollte kein Weg vorbeiführen, doch die Not mache erfinderisch. So dürften in Hessen seit neuestem Altenpfleger sogar völlig ohne Abschluss arbeiten, berichtete Vogler. In Baden-Württemberg sei dies schon seit 2015 möglich. Dies konterkariere die begonnene Struktur- und Qualitätsoffensive in der Pflege.

„Ein Qualitätsverlust wäre eine Katastrophe“, bestätigte Ralf Suhr. In Zukunft kämen komplexere Krankheitslasten als heute auf die Altenpflege zu. Schon jetzt halten 50 Prozent der Bevölkerung die Pflege für schlecht bis sehr schlecht. „Wissenschaftlich ist diese Auffassung aber nicht haltbar.“ Mehr Augenmerk gehöre der gesundheitlichen Prävention und Rehabilitation. „Da sind erstaunliche Fortschritte selbst bei Demenzpatienten möglich“, ermunterte Suhr Pfleger und Angehörige.

Von Technologie, Gemeindeschwestern und zu viel Medikamentengabe

Die Rolle der Digitalisierung in der Pflege rückte der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung in den Kontext: „Digitalisierung kann die Dokumentation und manche Routinearbeit erleichtern, aber unterm Strich geht es nicht um den Ersatz von persönlicher Zuwendung.“ Zum Schluss der regen Debatte kamen spannende Vorschläge aus der Praxis.

So schlug Pflegeleiterin Gabler vor, das Modell der Gemeindeschwestern wiederzubeleben. Diese könnten als psychosoziale Stütze den Betroffenen vor Ort dienen und auch ambulante Versorgung bieten – in enger Abstimmung mit den Hausärzten, die da im Moment noch oft blockierten. Ralf Suhr machte auf Defizite bei der Beratung von pflegenden Angehörigen aufmerksam, die bessere Kenntnis der örtlichen Hilfsstrukturen bräuchten.

„Es geht nicht darum, den Ärzten etwas wegzunehmen, sondern mehr Schnittstellen zugunsten der Pflegefälle zu schaffen“, so das Fazit von Christine Vogler. Im Übrigen sei die PKV gut beraten, bei der Versorgung mit Medikamenten genauer hinzuschauen. „Wir haben am Lebensende eine massive Überversorgung, die keiner braucht“, so Pflegeleiterin Gabler.

 
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