Aus „Bernd“ lernen: Zurich will wachrütteln

24.6.2022 – Die „unvorstellbare“ Flut 2021 im Ahrtal hatte 1804 und 1910 schon Vorläufer. Die Erinnerung an solche Katastrophen verblasst schnell. Eine komplexe Analyse der Vorgänge des vorjährigen Sommers will das nun verhindern. Es gibt Kritik und konstruktive Handlungsvorschläge.

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Der Untergang des Ahrtals durch einen Starkregen im Sommer 2021 (VersicherungsJournal Archiv) kann helfen, gegen künftige Katastrophenereignisse besser gewappnet zu sein. Das ist das Fazit des umfassenden Berichts „PERC – Ereignisanalyse Hochwasser Bernd“ (PDF, 5,8 MB), den die Zurich Gruppe Deutschland am Donnerstag der Öffentlichkeit vorgestellt hat.

Haus an der Ahr (Bild: Schmidt-Kasparek)
Haus an der Ahr (Bild: Schmidt-Kasparek)

„Flutbeauftragter“ für Wiederaufbau

Der 77 Seiten umfassende Bericht ist Analyse, Anklage und Botschaft in einem. So gibt es Vorschläge, wie das Katastrophenrecht und wie Notfallmaßnahmen verbessert werden können. Gleichzeitig plädieren die Wissenschaftler für mehr Prävention. So fordern sie einen „Flutbeauftragten“ mit einem vollständigen Überblick über den Wiederaufbauprozess.

Bei einer Exkursion im Ahrtal mit Wissenschaftlern der Zurich Flood Resilience Alliance wurde jedoch auch deutlich, dass das Bewusstsein, sich mitten in einem Klimawandel zu befinden, in Gesellschaft und Politik noch nicht angekommen ist.

„Wer die Unwetterkatastrophe als singuläres Ereignis dramatisiert, schätzt die Ereignis-Wahrscheinlichkeit falsch ein“, warnte Michael Szönyi, Leiter des Flood Resilience Program bei Zurich.

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Haus für Kinder und Enkel erhalten

„Wenn ein Haus in einer 100-jährlichen Hochwasserzone steht, dann kann die Katastrophenflut in jedem beliebigen Jahr mit einer Wahrscheinlichkeit von einem Prozent eintreten“, so der Experte. Mit Blick von heute in die Zukunft summieren sich die Wahrscheinlichkeiten.

So hat dieses Haus eine Wahrscheinlichkeit von größer als 26 Prozent, wenigstens einmal in 30 Jahren von einem 100-jährlichen Hochwasser betroffen zu sein, und eine Wahrscheinlichkeit von größer als 64 Prozent, einmal in 100 Jahren davon betroffen zu sein. Szönyi: „Mit Blick auf Kinder und Enkel wäre es somit fatal, in einer solchen Zone ein neues Haus zu bauen.“

Doch in der Praxis scheitern solche rationalen und guten Vorsätze an finanziellen und praktischen Hindernissen. Daher befürchten die Wissenschaftler, dass viele Häuser wieder in Risikozonen aufgebaut werden.

Ortstermin an der Ahr. Von links: Michael Szönyi, Viktor Rözer und Horst Nussbaumer (Bild: Schmidt-Kasparek)
Von links: Michael Szönyi, Viktor Rözer und Horst Nussbaumer (Bild: Schmidt-Kasparek)

Finanzierung von Elementarschaden-Versicherung abhängig machen

„Wirksam wäre, wenn die Finanzierung von Hausbauten von dem Nachweis einer Elementarschaden-Versicherung abhängig gemacht wird“, glaubt Viktor Rözer, Hydrologe und Mitautor der vorgelegten Ereignisanalyse.

Eine solche Koppelfunktion gebe es schon in Großbritannien, wo in großem Stil versucht wird, die Küsten vor dem ansteigenden Meer zu schützen. In Deutschland würden die Banken in der Regel nur eine Feuerversicherung verlangen.

Unter diesem Gesichtspunkt – nicht mehr in Risikogebieten auf- und neu zu bauen – gewinnt die rund einprozentige Unversicherbarkeit von Immobilien gegen Elementarschäden einen ganz neuen Stellenwert.

„Wir müssen gemeinsam mit der Politik dafür sorgen, dass sich die Bauvorschriften ändern“, fordert Horst Nussbaumer, Chief Claims and Operations Officer der Zurich Deutschland. Mit der neuen Risikoerkenntnis, auch aus dem nun vorgestellten Bericht, könnten Prävention und Risikokalkulation gut funktionieren.

Pflicht zum Schutz

Angesichts eines bereits wieder nachlassenden Risikobewusstseins in der Bevölkerung unterstützt die Zurich Vorschläge des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) und des Bundes der Versicherten e.V. (BdV), über eine verpflichtende Opt-out-Lösung die Versicherungsdichte zu erhöhen.

„Nur ein ganz kleiner Teil der Kunden, die dann keine Elementarschaden-Versicherung abschließen, müssen über einen Pool abgesichert werden, da bei ihnen alle zwei Jahre ein Hochwasserereignis eintritt“, so Nussbaumer. Die Experten unterstrichen die hohe Wirksamkeit von Prävention. Und raten Regierungen, Politikern und Kommunen, den vorgelegten Bericht als Weckruf zu nutzen.

„PERC Ereignisanalyse Hochwasser Bernd“, Daten von GDV und des Risk Management Solutions (RMS) (Bild: Zurich)
„PERC Ereignisanalyse Hochwasser Bernd“ (Bild: Zurich)

Viele Regionen sind wie das Ahrtal

„Es gibt in den deutschen Mittelgebirgen von Sachsen bis Bayern viele Regionen, die genau so sind wie das Ahrtal“, erläuterte Szönyi. Statt wie dort nach der Katastrophe 30 Milliarden Euro aufwenden zu müssen, würden fünf bis sechs Milliarden systematischer Hochwasserschutz helfen.

„In der Regel verhindert man mit der Investition von einem Euro Schäden in Höhe von fünf bis zehn Euro“, so Szönyi.

Die Zurich berät konkret nur Großkunden in Sachen Hochwasserprävention. Die Fehleranalyse für ihre eigene Region auf Basis der „Ereignisanalyse Hochwasser Bernd“ müssen Gemeinden und Länder für private Immobilienbesitzer selbstständig bewältigen.

Dass die Zeit knapp ist, geht eindrucksvoll aus dem Zurich-Bericht hervor. „Extremereignisse werden häufiger und stärker, und das führt zu Hochwasser an Stellen, an denen die Bevölkerung, insbesondere die verletzlichen Gruppen, nur schlecht vorbereitet und nicht daran angepasst ist, mit Hochwasser zu leben“, warnt Nussbaumer.

Schlagwörter zu diesem Artikel
Elementarschaden · Immobilie · Katastrophen · Starkregen · Unwetter · Verbraucherschutz
 
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