Insurtech schwingt sich zum Rater auf

18.9.2017 – Mit immer neuen Ratings buhlen immer neue Anbieter um die Gunst der freien Vermittler. Jetzt hat erstmals auch ein Insurtech ein Produkt-Rating gestartet, um Vergleiche zu erleichtern. Was ein erster Check durch das VersicherungsJournal zeigt.

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Das Insurtech Wefox der Finance App AG integriert ab sofort auf seiner Serviceplattform das „Wefox Insurance Score Rating“. Es soll Makler und Endkunden bei Bewertung und Abschluss von Versicherungen unterstützen.

Julian Teicke (Bild: Wefox)
Julian Teicke (Bild: Wefox)

Das Rating erfasst neben dem Preis-Leistungs-Verhältnis von Versicherungsprodukten „erstmals auch die Kundenzufriedenheit über die gesamte Vertragslaufzeit“, meldet Wefox.

„Beides wird auf einen Blick vergleichbar“, erläutert Julian Teicke, Geschäftsführer der Wefox-Gruppe, den Rating-Ansatz.

Gemeinsame Entwicklungsarbeit

An der Entwicklung des Ratings sind das Institut für Versicherungswirtschaft (IVW) der Universität St. Gallen und die EY Innovalue Management Advisors GmbH, eine Strategieberatung für die Finanzdienstleistungs-Industrie, beteiligt.

„Wir wollen das Rating mit Wefox und EY kontinuierlich aus Kundensicht weiterentwickeln und dabei vor allem das Endkundenerlebnis stärken“, sagt Professor Dr. Peter Maas, Vizedirektor des IVW.

Die Produktzufriedenheit sei dabei nur ein Aspekt der sogenannten Customer Journey. Kontaktmöglichkeiten, schneller und zuverlässiger Service und Markenbekanntheit sind weitere Berührungspunkte zwischen Kunde und Versicherer.

Teicke nennt ein Beispiel: Dem Kunden bringe ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis allein wenig, wenn der Prozess der Schadenregulierung über Gebühr lange dauert und den Kunden nicht zufriedenstellt.

Kundenzufriedenheit als Ausgangspunkt der Betrachtung

Wefox, ursprünglich unter der Marke „Financefox“ gestartet (VersicherungsJournal (VersicherungsJournal 3.3.2016, 6.3.2017), hält sein neues Angebot für „revolutionär“. „Die bisherigen Vergleiche konzentrierten sich im Wesentlichen auf einen Prämien- und Bedingungsvergleich. Dies spiegelt jedoch nur einen Teil des Versicherungserlebnisses von Kunden wider“, argumentiert Dr. Nils Mahlow, Direktor bei EY Innovalue.

In das Rating flössen neben der Preis-Leistungs-Bewertung fünf Kriterien für die Kundenzufriedenheit ein:

  • Geschwindigkeit (wie schnell bekommt der Kunde die Police),
  • Komfort (welche Kontaktmöglichkeiten hat der Kunde),
  • Service-Qualität,
  • Fairness (wie viele Beschwerdefälle über einen Versicherer gibt es),
  • Transparenz und Reputation des Versicherers.

Diese Daten würden nicht selbst erhoben, sondern aus anderen Quellen genutzt und dann einem Ranking unterzogen. „Wir wollen mit dem Rating das Rad nicht in jeder Hinsicht neu erfinden, sondern greifen auch auf bewährte Datenquellen zurück", bestätigt Willi Ruopp, Marketingleiter bei Wefox.

Beim Kriterium Service-Qualität stützt man sich auf die diesjährige Marktstudie „Fairness von Versicherern“ der Servicevalue GmbH (VersicherungsJournal 25.4.2017). In die Preis-Leistungs-Bewertung gehen die Daten des Vergleichsrechners des Analysehauses Innosystems GmbH ein, die Sach-, Haftpflicht- und Kfz-Policen bewertet (VersicherungsJournal 30.3.2017).

Weiterer Ausbau geplant

Wefox kündigte an, im nächsten Schritt die Ergebnisse von weiteren etablierten Rating-Anbietern einzubauen. Sollte dies gelingen, könnte das Wefox-Rating in absehbarer Zeit Makler bei der Produktempfehlung hinsichtlich von Qualität und Geschwindigkeit unterstützen und so die Arbeit im Maklerbüro erleichtern.

„Das erspart künftig zeitintensive Marktbeobachtungen, Analysen und Produktvergleiche“, hofft Teicke. Zudem könne der Makler seine Produktempfehlung mit detaillierten Ratingergebnissen untermauern und dem Beratungsprotokoll beifügen.

Start mit Hausrat und Haftpflicht

Bei der Gesamtbewertung werden die Ergebnisse für das Preis-Leistungs-Verhältnis und die Kundenzufriedenheit getrennt ausgewiesen. Derzeit werde das Preis-Leistungs-Verhältnis noch übergewichtet, weil diese Kennzahl im Vertrieb hohe Relevanz hat. „Wir können uns vorstellen, dass sich diese Gewichtung mittelfristig verschieben wird“, meint Teicke.

Für Wefox ist das Rating kein starres Modell, sondern als Entwicklungsprozess. Zum Start des Ratings sei bislang nur ein Vergleich von Hausrat- und Haftpflichtdeckungen möglich. „In der Endstufe werden alle Produktsparten vergleichbar sein“, erklärt Teicke.

Andere Ratings setzten schon früher auf Kundensicht

Unterm Strich biete das Insurtech derzeit nur einen ersten Ansatz für ein umfassendes Produkt-Rating. Andere Agenturen sind da deutlich umfangreicher am Markt. Auch die Betrachtung der Kundenzufriedenheit ist nicht ganz neu am Markt und damit nicht „revolutionär“.

So hat Finanzexperte Professor Jörg Finsinger vom Institut für Betriebswirtschaftslehre der Universität Wien schon vor 20 Jahren mit seinem Finsinger-Rating die Bilanzen der deutschen Lebensversicherer auf deren finanzielle Situation durchleuchtet und dabei auch eine Ausschüttungsquote für Kunden berechnet (VersicherungsJournal 13.10.2016, 17.11.2003).

Was die zwölf deutschen Lebensversicherer mit den höchsten Beitragseinnahmen mit dem Geld ihrer Kunden machen, analysiert seit sieben Jahren jährlich aufs Neue Hermann Weinmann, Professor am Institut für Finanzwirtschaft der Hochschule Ludwigshafen.

Ermittelt wird der betriebswirtschaftliche Erfolg der Versicherer, dann die Beteiligung der Verbraucher daran, und abschließend wird eine zusammenfassende Messzahl, die Verbrauchernote, vergeben (VersicherungsJournal 4.10.2016, 2.10.2015, 8.10.2014).

Auch der Map-Report geht in seinen Ratings seit vielen Jahren auf kundenrelevante Daten mit ein. So werden regelmäßig über viele Sparten die Prozess- und Beschwerdequoten als wichtige Servicekennzahlen mit bewertet. Zuletzt war dies beim Heft „Rating Private Krankenversicherung“ (VersicherungsJournal 16.3.2017) der Fall – bestellt unter diesem Link.

Kompliziertes Firmengeflecht

Das Insurtech Wefox wurde Ende 2014 unter der Marke Finance Fox in der Schweiz gegründet. Die Serviceplattform will Kunden, Maklern und Versicherern helfen, Produkte sowie Geschäftsprozesse effizient zu verwalten. In Deutschland ist man seit Oktober 2015 aktiv, in Österreich seit März 2017.

Die deutsche Tochter Finance Fox Germany GmbH ist als Versicherungsmakler nach § 34d GewO bei der Industrie- und Handelskammer Berlin zugelassen.

 
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