Was die GKV-Reform für Versicherungsvermittler bedeutet

3.8.2026 – Trotz milliardenschwerer Einsparungen in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) glauben knapp neun von zehn Deutschen, dass die Beiträge schon bald weiter steigen werden. Der Branchenverband der privaten Krankenversicherer sieht zwar noch keine ungewöhnlich große Wechselwelle. Doch ungebundene Vermittler berichten von deutlich mehr Anfragen zur substitutiven Vollversicherung und den Zusatzpolicen für Kassenmitglieder.

Das Mitte Juli vom Bundestag verabschiedete GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz (Drucksache 411/26; PDF; 1,7 MB) soll die knapp 19 Milliarden Euro große Finanzlücke der Krankenkassen vorerst schließen. Dennoch erwarten 88 Prozent der Deutschen, dass es spätestens im kommenden Jahr weitere Beitragssteigerungen in der Kranken- und Pflegeversicherung geben wird.

Das zeigt eine aktuelle bevölkerungsrepräsentative Umfrage im Auftrag des AOK-Bundesverbandes GbR, die in der vorigen Woche durchgeführt wurde. Die rund 1.000 befragten Erwachsenen sind zu etwa 80 Prozent gesetzlich krankenversichert. Die Zustimmungsrate zu der identischen Frage lag im März vorigen Jahres noch zwei Prozentpunkte niedriger.

Mit dem Gesetz sei „zwar eine solide Grundlage für eine einnahmenorientierte Ausgabenpolitik geschaffen“ worden (VersicherungsJournal 13.7.2026), kommentiert der Verband der allgemeinen Ortskrankenkassen. „Das Versprechen von tatsächlich stabilen Beiträgen ist aber für eine große Mehrheit in der Bevölkerung offensichtlich nicht glaubhaft.“

Kostenlose Mitversicherung wird ab 2028 eingeschränkt

Teurer wird es aber auch ohne eine weitere Erhöhung des GKV-Beitragssatzes von derzeit 14,6 Prozent. Einerseits für Paare, bei denen ein Ehegatte oder Lebenspartner bislang kostenlos mitversichert ist. Sie zahlen ab dem übernächsten Jahr einen 2,5-prozentigen Beitragszuschlag (10.7.2026). Ausnahmen gibt es zukünftig nur noch für

  • Eltern von Kindern unter zwölf Jahren,
  • Eltern von Kindern mit Behinderungen,
  • Erwerbsgeminderte,
  • Menschen im Rentenalter und
  • Betreuer pflegebedürftiger Angehöriger.

Andererseits steigt die Beitragsbemessungsgrenze (BBG) bereits 2027 außerordentlich einmalig um 3.600 Euro an. Während sie derzeit bei einem Jahresgehalt von 69.750 Euro greift, sind es zusammen mit der jährlichen Regelanhebung von Januar an voraussichtlich etwa 75.443 Euro.

Spitzenverdiener zahlen deutlich höhere GKV-Beiträge

Auch bei stabilem Grund- und Zusatzbeitragssatz der Krankenkassen steigen mit der BBG-Extraerhöhung die Kosten der freiwillig gesetzlich versicherten Spitzenverdiener. Das macht die Gesetzliche für sie deutlich teurer, ohne dass sich die Leistungen verbessert haben.

Die Prämien in der PKV werden hingegen nach der individuellen Risikosituation berechnet. Hiervon kann der Arbeitgeber eines privat krankenversicherten Angestellten einen immer größeren Anteil übernehmen, denn sein Zuschuss steigt mit der BBG weiter an – ein weiteres Argument pro PKV.

Umfrageergebnis (Bild: AOK-Bundesverband)
Frage: Wird es in diesem oder im kommenden Jahr weitere Beitragssteigerungen geben oder halten Sie das für eher unwahrscheinlich? Basis: 1.003 Befragte; an 100 Prozent fehlende Angaben = „weiß nicht“ beziehungsweise keine Angabe (Bild: AOK-Bundesverband)

Freiwillige Mitglieder können noch in die PKV wechseln

Als Hindernis stellt sich allerdings dar, dass auch die Jahresarbeitsentgeltgrenze (JAEG) im kommenden Jahr ebenfalls um 3.600 Euro zusätzlich angehoben wird. Betroffen sind von den Erhöhungen nach Schätzungen der Iges Institut GmbH 6,9 Millionen Menschen in Deutschland. Darunter sind

  • 5,6 Millionen Angestellte,
  • 600.000 Selbstständige und
  • 700.000 nicht erwerbstätige Menschen wie Rentner.

Etwa 4,3 Millionen dieser Menschen verdienen auch nach der Reform oberhalb der JAEG und können damit weiterhin in die private Krankenversicherung (PKV) wechseln, erklärt das Iges. Für die restlichen rund 2,6 Millionen gilt das nicht. Etwa 880.000 von ihnen können aber 2026 noch wechseln.

Eine ungewöhnlich große Wechselwelle von der Gesetzlichen in die Private beobachtet der Verband der Privaten Krankenversicherung e.V. (PKV-Verband) allerdings noch nicht. Laut einem Spiegel-Bericht rechnete das Bundesgesundheitsministerium infolge der BBG-Erhöhung mit einer „Massenflucht von Gutverdienern in die private Krankenversicherung“ (23.4.2026).

Normale Entwicklung des PKV-Geschäfts im Jahr 2026

Thomas Brahm (Bild: PKV-Verband)
Thomas Brahm (Bild: PKV-Verband)

Laut Rechenschaftsbericht des PKV-Verbands haben sich im vergangenen Jahr 49.700 Menschen mehr als 2024 privat krankenvollversichert. Die Gesamtzahl nach Abzug der Sterbefälle um 0,6 Prozent ist auf 8,79 Millionen gestiegen. Aktuell gebe es aber „keine besonderen Auffälligkeiten“.

„Wir haben bislang eine relativ normale Entwicklung des Geschäfts im Jahr 2026“, zitiert der Newsletter „Politico Pro“ aus einem Interview mit dem PKV-Verbandsvorsitzenden Thomas Brahm. Er glaube nicht, dass viele jahrelang freiwillig gesetzlich Krankenversicherte nun in die PKV wechseln.

Gleichzeitig erinnert er daran, dass die JAEG von derzeit 77.400 Euro wohl auf insgesamt etwa 83.322 Euro steigen wird. „Durch die Erhöhung haben wir fast eine Bürgerversicherung für Fachkräfte erreicht“, so Brahm. Da die Erhöhung aber erst 2027 in Kraft tritt und ein Wechsel im laufenden Jahr somit einfacher ist, erwartet er, „dass die Vertriebler an dieser Stelle ansetzen werden“.

Kunden interessieren sich vermehrt für einen Wechsel

Einer vor ihnen ist Versicherungsmakler Sven Hennig. „Der durchschnittliche PKV-Kunde hat eigentlich den Wunsch, die gesetzliche Krankenversicherung zu unterstützen. Doch oftmals stößt er im Alltag auf das Problem, dass viele Ärzte nur noch Privatpatienten und Selbstzahler behandeln.“

Dieser Eindruck setzt sich seiner Erfahrung nach bei immer mehr Verbrauchern durch, berichtet er auf Anfrage des VersicherungsJournals. „Das bringt für viele freiwillig gesetzlich Versicherte das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen. Sie haben vielfach ‚die Nase voll‘ und interessieren sich daher vermehrt für einen Wechsel in die private Krankenvollversicherung.“

Sven Hennig (Bild: Tobias Koch)
Sven Hennig (Bild: Tobias Koch)

Wie groß der Leidensdruck ist, zeige ihm das aktuelle Beispiel einer Mutter, die auf acht Monate Elternzeit verzichtet, nur um in die Private wechseln zu können. „Wer mit seinem Einkommen die Jahresarbeitsentgeltgrenze erreicht, der geht dann in der Regel auch tatsächlich in die PKV.“

Zusatzversicherungen kommen obendrauf

„Neben der Hoffnung auf einen schnelleren Arzttermin spielt oftmals auch eine Rolle, dass man mit einem sechsstelligen Jahreseinkommen den Höchstbeitrag in der GKV zahlt“, so Hennig weiter.

„Insgesamt kann ein solcher Kunde rund 1.400 Euro pro Monat zahlen.“ Denn hinzu kommen oftmals noch private Krankenzusatzversicherungen für den Kunden selbst, den Partner und die Kinder.

Die Regel sind hier stationäre Tarife, Zahnzusatzpolicen und die private Pflegezusatz. In der Zukunft dürfte auch die Vorsorgeuntersuchung auf Hautkrebs wichtiger werden. Denn auch diese Leistung soll zukünftig aus dem Kassenkatalog gestrichen werden (12.6.2026).

„Die zweite ‚große Keule‘ für Kassenpatienten steht mit den geplanten Strukturreformen dann zum Jahresende an“, erwartet der Makler. Seiner Ansicht nach erwarten viele Verbraucher zu Recht, dass die GKV-Beiträge nicht auf lange Sicht stabilisiert sind.

Derzeit deutlich mehr Kundenanfragen an PKV-Makler

Trotz des auf 14,6 Prozent festgehaltenen gesetzlichen Beitragssatzes dürften zumindest die kassenindividuellen Zusatzbeiträge tendenziell vorerst weiter ansteigen (7.1.2026). „Auch viele meiner Kunden trauen dem Staat nicht zu, dass er seine Finanzprobleme nachhaltig lösen kann.“

Von den laufenden Beitragsanstiegen der GKV profitieren die privaten Versicherer seiner Erwartung nach langfristig massiv. Denn gegenüber einem Paket aus gesetzlichem Grundschutz und privaten Zusatzversicherungen können sie bessere Leistungen bei geringeren Gesamtkosten anbieten.

Die Folge: „PKV-Makler wie ich werden derzeit zugeworfen mit Anfragen. Das Aufkommen hat sich bei mir gegenüber dem Stand vor etwa fünf Jahren ungefähr verdoppelt.“ Bei seinem Maklerkollegen Stefan Bierl haben sie sich im April und Mai sogar mehr als verdreifacht (Medienspiegel 29.5.2026).

Weniger Leistungen für Kassenmitglieder bei Zahnersatz

Die Gesamtzahl der privaten Krankenversicherungen hierzulande stieg im vergangenen Jahr auch dank des starken Geschäfts mit Zusatzversicherungen um 2,3 Prozent auf knapp 41 Millionen. Der Nachfrageboom dürfte insbesondere bei Zahnzusatzversicherungen anhalten (16.6.2026).

Denn trotz höherer Beiträge müssen die Kassenmitglieder mit einem verkürzten Leistungskatalog auskommen. So sinken 2027 beispielsweise die Zuschüsse der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zur Regelversorgung bei Zahnersatz von 60 bis 75 Prozent auf künftig 50 bis 65 Prozent.

Höherer Eigenanteil für Kronen, Brücken oder Prothesen

„Dadurch steigt der Eigenanteil für Kronen, Brücken oder Prothesen – je nach Behandlung – um mehrere hundert Euro“, berichtet das Onlineportal Finanztip anhand eines Beispielkunden, dem ein Zahn im Oberkiefer fehlt. Diese Lücke soll mit einer dreigliedrigen Brücke geschlossen werden.

Die entsprechende Regelversorgung kostet insgesamt rund 1.718 Euro. Mit einem seit zehn Jahren lückenlos gefüllten Bonusheft erhält der Musterpatient derzeit rund 1.289 Euro Zuschuss von der Krankenkasse. Ab 2027 sind es demnach aber nur noch etwa 1.116 Euro – also 173 Euro weniger.

Lesetipp: Die gesetzliche Krankenversicherung als Türöffner zu Kunden
Cover Dossier (Bild: VersicherungsJournal)

In der Beratung ist die Wahl der richtigen Krankenkasse oft ein deutlich vernachlässigtes Thema. Zwar sind die Verdienstmöglichkeiten ohne Frage sehr begrenzt. Dass dieser Bereich aber mit Blick auf Kundenbindung und Service keinesfalls zu unterschätzen ist, zeigt ein Dossier.

Autor ist Thomas Adolph, Geschäftsführer der Kassensuche GmbH. Er informiert über Beitrags- und Leistungsunterschiede sowie über finanzielle Vorteile, Mehrwerte und Bonusprogramme, die möglich sind.

Des Weiteren werden Ansätze für Beratung und Vertrieb vorgestellt. Dies umfasst Hinweise und Tipps, die dem Bestandsschutz und der Kundenbindung dienen und nicht nur die versicherte Person betreffen, sondern auch deren Familienmitglieder. Zudem werden Angaben zu den Verdienstmöglichkeiten gemacht. 

Nähere Informationen und Bestellmöglichkeit finden sich unter diesem Link. Die Publikation steht Premium-Abonnenten des VersicherungsJournals zur persönlichen Nutzung kostenlos zur Verfügung.

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