Am miserablen Vermittler-Ansehen scheiden sich die Geister

26.8.2019 (€) – Um das Ansehen des Versicherungsvertreters ist es laut der „Bürgerbefragung öffentlicher Dienst 2019“ alles andere als gut bestellt. Dem Vertreter – und in einer Art „Sippenhaft“ dem gesamten Versicherungsvertrieb – bringt kaum ein Bürger ein hohes Ansehen entgegen. Dieses Thema hat zahlreiche Leser des VersicherungsJournals zu Kommentaren animiert.

Das Ansehen des Berufsstands der Versicherungsvertreter ist tief im Keller. Dies zeigt die jährlich seit 2007 vom DBB Beamtenbund und Tarifunion durchgeführte „Bürgerbefragung öffentlicher Dienst“, in der unter anderem auch das Ansehen bestimmter Berufsgruppen in der Bevölkerung ermittelt wird.

Traditionell liegen Versicherungsvertreter auf dem letzten Platz. Dies ist auch in der aktuellen Auflage nicht anders. Allerdings erzielte dieser Berufsstand das absolut schlechteste Ergebnis in der DBB-Erhebung. Nur jeder zehnte der 2.006 befragten Bundesbürger bringt dem Versicherungsvertreter ein „(sehr) hohes“ Ansehen entgegen.

Psychologische Gründe

Der Artikel „Berufe-Ranking: Heftige Klatsche für Versicherungsvertreter“ (VersicherungsJournal 20.8.2019) hat unter den VersicherungsJournals-Lesern für großen Wirbel gesorgt und diese zu zahlreichen Zuschriften und Kommentaren animiert.

Wolfgang Horn macht für das schlechte Image primär psychologische Gründe verantwortlich, die aus dem Wesen der menschlichen Natur resultierten. „Das Image der Versicherungsverkäufer kann graduell schwanken und beeinflusst werden, wird sich – in Deutschland zumindest – im Grundsatz aber nie ändern“, zeigt sich Horn in seiner Leserzuschrift überzeugt.

Helfer im Schadenfall

Gerhard Göddecke merkt an, dass die vom Beamtenbund gewählten Fragenelemente eigentlich nur bei Inanspruchnahme von Leistungen beurteilt werden können. „Wer von den Befragten hat denn schon einmal einen Feuerwehrmann in Anspruch genommen? Kaum jemand“, erläutert Göddecke in seinem Kommentar.

Vor dem Hintergrund der Untersuchungsergebnisse wirft er die Frage auf, was denn passiere, wenn ein Arzt einen Behandlungsfehler macht. Dann gehe es ab zum Versicherungsmakler oder Versicherungsvertreter, der ihm guten Gewissens eine Rechtsschutz-Versicherung vermittelt hat. Im nächsten Schritt werde dann der Arzt verklagt, der immerhin das zweithöchste Ansehen genießt.

„Und weil die fehlerhafte Operation ihn berufs- oder erwerbsunfähig gemacht hat, muss der Versicherungsmakler beziehungsweise Versicherungsvertreter alle Hebel in Bewegung setzen, damit der Geschädigte zu seiner versicherten Rente kommt“, führt Göddecke weiter aus.

Sein Fazit: „Für die meisten Menschen besteht Umdenken im Neuordnen ihrer Vorurteile”. Nach seiner Ansicht sollte deshalb die nächste Umfrage bei von Ärzten und Krankenanstalten geschädigten Menschen durchgeführt werden mit folgender Fragestellung: „Wer hat Ihnen nach Schadeneintritt am meisten beziehungsweise effektivsten geholfen?”.

Retter in der Not

Nach Meinung des Lesers Heinz-Bert Müssig leidet das Ansehen der Berater unter dem Konsumwahn der Interessenten. „Daher ist es eine natürliche Abwehrhaltung der Interessenten, wenn sie die Berater nicht gut finden, weil sie ihnen ja die Liquidität für Konsum und Playstation blocken“, erläutert Müssig in seinem Leserbrief.

Ohne Berater gäbe es keine private Vorsorge in Deutschland.

Heinz-Bert Müssig

Auf der anderen Seite benötigten jedoch alle einen Versicherungsberater, „da man selbst null bis keine Ahnung hat, worauf man achten soll/muss. Ohne Berater gäbe es keine private Vorsorge in Deutschland.“

Müssig hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten ein sich wandelndes Bild des Versicherungs-Vermittlers beobachtet. „Der Berater ist der, der einem die Zukunft gerettet hat oder jetzt noch schnell retten soll, was in den letzten Jahren in meinem täglichen Geschehen immer häufiger vorkommt.“

Gute Beratung und nachhaltiger Verkauf sichert die Existenz unserer Kunden.

Lutz Wohler

Wertschätzung, Vertrauen und Respekt der Kunden

Auch für Lutz Wohler ist die öffentliche Wahrnehmung eine andere. So erlebt er in seiner täglichen Praxis Wertschätzung und Vertrauen der Kunden. „Schwarze Schafe und Fehlanreize gibt es in jeden Beruf. Deshalb: Gute Beratung und nachhaltiger Verkauf sichert die Existenz unserer Kunden“, so Wohler in seiner Zuschrift.

Ähnlich argumentiert Gabriele Fenner. „Ich selbst und viele andere Kolleginnen und Kollegen leisten täglich Existenzberatung und wir lösen (ich schon seit Jahrzehnten) Probleme unserer Kundinnen und Kunden“, schreibt Fenner in ihrem Kommentar. Dies dankten die Kunden mit Respekt.

Solche Ernte habe allerdings immer eine individuelle Geschichte. „Kenntnis, Empathie für die Kundinnen und Kunden und deren Bedürfnisse und Respekt vor deren Lebenssituation schafft Vertrauen über Jahrzehnte und über Generationen.“

Kritik an Vertriebspraxis

Fenner spart andererseits nicht an Kritik an den Handlungsträgern aus der Assekuranz.

„Einmal mehr rächt sich die kriminelle Gier der Vertriebsmanager in den Versicherungs-Gesellschaften, die es noch bis vor einigen Jahren nicht nur duldeten, sondern sogar förderten, dass unqualifizierte Verkäufer den Kunden massenhaft das Geld aus den Taschen zogen. Die Umsätze stimmten, die Provisionen stimmten und die Tantiemen der Vorstände stiegen“, führt Fenner aus.

Sie berichtet weiter, dass noch heute Gesellschaften und Vertriebe versuchten, mit solchen Methoden zu ihren verwerflichen Zielen zu gelangen. Dies hat nach ihrer Einschätzung weitreichende Konsequenzen: „Denn das wird leider junge Menschen davon abhalten, diesen ehrenwerten und interessanten Beruf zu ergreifen.“

Allerdings werde es weiter Vertriebe geben und sich der Internetverkauf auch in der Versicherungsbranche weiter ausweiten. „Da ist dann jeder selbst schuld, wenn er auf Schnellball-System-Druckverkauf reinfällt oder glaubt, den Deal im Internet durchblickt zu haben“, so ihr Fazit.

Vertreterimage ist seit je her schlecht

Für den Leser Hubert Gierhartz ist das schlechte Abschneiden der Vertreter „der Tatsache geschuldet, dass das Image dieser Berufsgruppe von jeher schlecht war.“ Als Beleg zitiert er den altbekannten Spruch: „Wer nichts wird, wird Wirt, ist ihm das nicht gelungen, geht er zu den Versicherungen.“

Gierhartz moniert in seinem Leserbrief, dass die tatsächlichen Ansprüche, die heute an einen guten Versicherungsvertreter gestellt werden, dabei vollständig unter den Tisch fallen. „Das liegt an den starken Verbänden der Versicherungswirtschaft. Deshalb können die Verbraucherschützer auch immer ungestraft den Versicherungsvertreter ins schlechte Licht rücken.“

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