22.11.2018 (€) – Die privaten Krankenversicherer stehen vor diversen Herausforderungen: eine junge Kunden-Generation mit neuen Wünschen, die Sorge vor neuen Disruptoren, aktuelle und künftige Finanzierung von Mehrwerten sowie starke Regulatorik. Den Heilsbringer sieht die Branche in Kooperationen mit Konkurrenten, der GKV sowie Dienstleistern, die Schnelligkeit und Flexibilität deutlich erhöhen sollen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Am 20. November lud die Vereinigung der Versicherungs-Betriebswirte e.V. zur Fachkreistagung Krankenversicherung in München ein. Die Tagung war die Fortsetzung zum Thema „Plattformstrategien in der Krankenversicherung“. Die Fragestellung der diesjährigen Veranstaltung lautete: „Gibt es neue Formen der Kooperationen?“.
Die Frage beantworteten die Referenten der PKV-Vorstände mit einem klaren „Ja“. Und legten auch die Gründe für die unternehmens-übergreifenden Kooperationen und die verstärkte Zusammenarbeit mit den gesetzlichen Krankenversicherern auf den Tisch. Diese Kooperationen seien die Antwort auf die fortschreitende Digitalisierung und ihre Herausforderungen.
Kooperationen bringen finanzielle Mehrwerte

- Daniel Bahr (Bild: Winkel)
Ex-Gesundheitsminister Daniel Bahr, heute Vorstandsmitglied der Allianz Private Krankenversicherungs-AG, erklärte: „Die Debeka als Marktführer macht uns keine Sorgen, aber die geänderten Anforderungen der Kunden. Gerade die junge Generation will One-Click-Shopping wie sie es von Amazon gewöhnt ist. Darauf müssen wir als Versicherer Antworten finden“.
Offene Plattformen wie das Gesundheitsportal „Vivy“, das im September unter Beteiligung der Allianz, der Barmenia Krankenversicherung a.G., der DAK – Deutsche Angestellten Krankenkasse sowie zehn Betriebskrankenkassen an den Start ging (VersicherungsJournal 18.9.2018), „befriedigen die heutigen Kundenbedürfnisse besser“, gab sich Bahr überzeugt.
Die Gothaer Krankenversicherung AG und die Süddeutsche Krankenversicherung a.G. werden ihren Versicherten den Vivy-Zugang Anfang 2019 zur Verfügung stellen (VersicherungsJournal 29.10.2018, 31.102018).
Kooperationen, die Plattformen wie Vivy ermöglichen, stellen allerdings nicht nur einen Mehrwert für die Versicherten, sondern auch für die angeschlossenen Gesellschaften dar. „Die Plattformen stehen allen Gesellschaften offen. Je mehr Teilnehmer mitmachen, desto attraktiver ist die Finanzierung“, so Bahr.
Herausforderung: Finanzierung der Mehrwerte

- Roland Weber (Archivbild: Lier)
Dabei geht es nicht nur um Geschäftspartner, die IT-Infrastruktur bereitstellen. Auch Gesundheits-Dienstleister wie Tele-Clinic GmbH oder die Carelutions GmbH werden für die Branche immer wichtiger. Carelutions war 2017 von der Debeka, der SDK und dem medizinischen Dienstleister Viamed GmbH gegründet worden (VersicherungsJournal 11.7.2017).
„Diese Kooperationen machen Gesundheitsprogramme der Versicherer skalierbarer und rentabler“, sagte Roland Weber, Vorstandsmitglied der Debeka Versicherungen.
Die finanziellen Mittel müssten aber „fair zwischen Versicherern und Dienstleistern verteilt werden“, so Oliver Schoeller, seit zwölf Monaten Vorsitzender des Vorstands der Gothaer Krankenversicherung. Die Entwicklung in Richtung Gesundheits-Dienstleister sei hier ein wichtiger Schritt, da Patienten selbstbewusster würden und das Angebot „einer personalisierten Medizin“ von ihrem Versicherer erwarteten.
Der Weg dahin führe, so Schoeller, über den Kontakt zum Kunden und seine Daten, um Angebote in der PKV individueller und flexibler gestalten zu können. Allerdings müssten sich die neuen Modelle und Offerten mit den strengen Regularien des deutschen Gesundheitssystems vereinen lassen – und gleichzeitig genügend Flexibilität vor kommenden Disruptoren bieten.
Man sollte nicht vergessen, dass Check24 das Geschäftsmodell der Direktversicherer kaputt machte.
Roland Weber, Vorstandsmitglied der Debeka Versicherungen
Check24 als größter Disruptor der Versicherungswirtschaft
Die Frage, warum Plattformen und Portale neue Chancen für die PKV bieten, ging Debeka-Vorstand Weber anders als seine Vorredner an. Als größten Disruptor bezeichnete der Manager Vergleichsplattformen wie die Check24 Vergleichsportal GmbH oder die Verivox GmbH.
„Alle Versicherer, bis auf Debeka und die Huk, arbeiten mit diesen Plattformen zusammen. Sie sind abhängig von diesen Maklern. Man sollte dabei nicht vergessen, dass Check24 das Geschäftsmodell der Direktversicherer kaputt machte“, erklärte Weber seine These.
Als Alternative will die Debeka Check24 & Co. gemeinsam mit Wettbewerber Huk-Coburg Krankenversicherungs-AG die noch junge Plattform „KV-Fux“ entgegensetzen. Fux ist ein von der KVpro.de GmbH entwickeltes Online-Vergleichsportal (VersicherungsJournal 6.10.2017, 3.3.2017).
PKV kämpft mit der eigenen Langsamkeit
Als nächsten Hemmschuh der PKV machte Weber den Kampf mit der eigenen Langsamkeit aus. „Wir stecken unsere Entwicklungskapazitäten in die Modernisierung von alten Systemen. Das kann nicht gut gehen“, so der Debeka-Manager.
Als Lösung für die Versicherer sieht er hier die Service Dominierte Architektur (SDA). Sie kommt von Anbietern wie der Hamburger SDA SE, die Schnittstellen zu Dienstleistern wie Pay Pal, Mysugar, SAP Hana oder der elektronischen Gesundheitsakte (eGA) ermögliche. Der Kunde könne über die neuen Gesundheits-Plattformen der Versicherer dann einfach auf diese Services zugreifen.
Portal „Meine Gesundheit“ vor dem Start

- Harald Benzing (Archivbild: Müller)
Dr. Harald Benzing, im Vorstand der Versicherungskammer Bayern (VKB) verantwortlich für die Krankenversicherung, stellte auf der Fachkreistagung Krankenversicherung das Portal „Meine Gesundheit“ vor. Die VKB wird ihren Versicherten den Zugang ab Anfang nächsten Jahres ermöglichen.
Das Portal bietet den Versicherten die Möglichkeiten der elektronische Patientenakte (ePA), die Abwicklung des Rechnungs-Managements sowie zusätzliche Services.
Im Oktober hatte sich die Huk-Coburg-Krankenversicherung AG dem Portal angeschlossen (VersicherungsJournal Medienspiegel 9.10.2018). Neben der Axa Krankenversicherung AG sind schon der Debeka Krankenversicherungs-Verein a.G. (VersicherungsJournal 17.8.2017) und die Versicherungskammer Bayern (VersicherungsJournal Medienspiegel 10.7.2018) dabei.
Außerdem an Bord sind nach Aussage von Benzing die DBV Deutsche Beamtenversicherung Krankenversicherung, Zweigniederlassung der Axa Krankenversicherung AG und UKV – Union Krankenversicherung AG.
Drei Portale wollen E-Health-Gesetz umsetzen
Die Versicherungswirtschaft arbeitet 2018 mit Hochdruck an der Umsetzung des E-Health-Gesetzes, das die Einführung der elektronischen Patienten- oder Gesundheitsakte vorschreibt. Dafür kooperieren Krankenkassen und private Krankenversicherer im großen Stil.
Derzeit bieten die Krankenversicherer drei verschiedene Plattformen an, unterstützt von unterschiedlichen Dienstleistern aus der IT-Branche:
- Gestartet ist bereits das Gesundheitsportal „Vivy“: Dahinter stehen Allianz, Gothaer, SDK, Barmenia, DAK und zehn Betriebskrankenkassen. Darüber, wie viele Versicherte Vivy nutzen, ist noch nichts bekannt. Allianz-Vorstand Bahr bezeichnet die Vivy-Nutzerzahlen noch „als Betriebsgeheimnis“ des Münchener Konzerns.
- Mit elektronischen Gesundheitsakten (eGA) wollen noch 2018 die DKV Deutsche Krankenversicherung AG, die Central Krankenversicherung AG und die Signal Iduna Krankenversicherung a.G. starten. Vorreiter bei der Entwicklung war die Techniker Krankenkasse (TK): Das zugrundeliegende System entwickelten die IBM Deutschland GmbH und die TK gemeinsam (VersicherungsJournal 13.6.2018).
- Gesundheitsportal „Meine Gesundheit“: Theoretisch könnte die Plattform nach Anbieterangaben 50 Prozent aller Vollversicherten und einen Großteil der Beihilfeberechtigten erreichen.
Akzeptanz von Patienten und Ärzten noch unklar
Wie die Versicherten die verschiedenen Portale annehmen und nutzen werden, wird sich erst im Laufe des nächsten Jahres zeigen, wenn alle Unternehmen ihren Versicherten den Zugang zu den Plattformen ermöglichen.
Grundsätzlich scheinen die Deutschen aber für die Mehrwerte wie elektronische Gesundheitsakten offen (VersicherungsJournal 20.9.2018).
Ärzte und Apotheker stehen der Einführung der digitalen Instrumente allerdings immer noch skeptisch gegenüber. Jeder vierte niedergelassene Arzt in Deutschland (28 Prozent) will sich derzeit nicht an die Telematik-Infrastruktur für Anwendungen der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) anschließen (VersicherungsJournal 30.8.2018).
Auch die Vorstände der PKV-Versicherer auf der Fachkreistagung Krankenversicherung hielten sich hier mit Prognosen zurück. Einigkeit herrschte allerdings in dem Punkt, dass es wichtig sei, mit den Portalen jetzt zu beginnen.
Welcher Standard sich dann bei Versicherten und Leistungserbringern durchsetze, würden erst die nächsten Jahre zeigen.




