Es geht nicht immer ums Geld: Was Chefs und Mitarbeiter umtreibt

23.8.2023 (€) – Die Berater von WTW prognostizieren für 2024 einen Gehaltsaufschlag von 4,1 Prozent. Hintergrund sind die Inflation und der Kampf um Fachkräfte. Auch bei den Benefits werden die Arbeitgeber nachlegen. Bewerber kritisieren dagegen die mangelnde Gehaltstransparenz auf dem Arbeitsmarkt, wie eine Umfrage zeigt. Hier greift jetzt die EU ein.

Für viele Beschäftigte in Deutschland brechen rosige Zeiten an. Laut dem „Salary Budget Planning Report“ der Willis Towers Watson GmbH (WTW) werden die Gehälter im kommenden Jahr wieder um 4,1 Prozent steigen. Die Prognose basiert auf der immer noch hohen Teuerungsrate und dem anhaltenden Fachkräftemangel.

Zum Vergleich: Für 2023 hatte WTW einen Rekord-Wert von 4,5 Prozent vorausgesagt (VersicherungsJournal 22.11.2022). Davor waren die Berater von einer Gehaltserhöhung von 3,1 Prozent ausgegangen (4.2.2022).

Der „Salary Budget Planning Report“ wird jedes Jahr von WTW erstellt. Die diesjährige Umfrage wurde im April und Mai 2023 durchgeführt. In Deutschland nahmen 917 Unternehmen aus verschiedenen Branchen teil. Die Auswertung soll Unternehmen bei ihrer Vergütungsplanung unterstützen.

Gründe für steigende Gehaltsbudgets

Als Motive für steigende Gehaltsbudgets gaben die befragten Unternehmen die anhaltende Inflation (71 Prozent) sowie die angespannte Lage auf dem Arbeitsmarkt (50 Prozent) an. 23 Prozent nannten als Grund auch die Erwartungshaltung der Mitarbeitenden.

Auf den Fachkräftemangel reagieren die Arbeitgeber unterschiedlich. Ein Drittel (33 Prozent) hebt die Einstiegsgehälter an. Ebenso viele Personaler wollen die Vergütungsstrukturen aller Mitarbeitenden überprüfen. Zudem werden die Befragten Kandidaten in höheren Gehaltsstufen einstellen (33 Prozent) und verstärkt auf Bonus-Zahlungen setzen (28 Prozent).

Die Versicherer nutzen seit der Coronakrise flexible Arbeitsmodelle, um ihre Attraktivität als Arbeitgeber zu steigern und ihr Image aufzupolieren (17.3.2023). Laut Statistischem Bundesamt (Destatis) ermöglichen 70,4 Prozent der Unternehmen in der Versicherungswirtschaft ihren Angestellten die Arbeit am heimischen Schreibtisch (12.7.2023).

Die Tarifgehälter in der Branche sind im ersten Quartal mit (ohne) Sonderzahlungen um 2,7 (2,5) Prozent gestiegen. Die Finanz- und Versicherungs-Dienstleister liegen inklusive Sonderzahlungen deutlich über dem Schnitt, ohne diese nur leicht darüber. Das geht aus aktuellen Destatis-Daten hervor (1.6.2023).

Gehälter und Boni sind die eine Seite der Medaille.

Florian Frank, verantwortlich für die Bereiche Arbeit und Belohnungen bei WTW

Attraktive Arbeitgeber werden Belohnungssysteme ausbauen

Laut WTW-Report setzen deutsche Unternehmen auf weitere Anreize, um Mitarbeiter zu überzeugen und zu halten. Mehr als die Hälfte der befragten Firmen legt deshalb den Fokus auf eine flexiblere Gestaltung des Arbeitsumfeldes (57 Prozent) sowie auf mehr Diversität und Inklusion (54 Prozent).

Weitere Belohnungen sind in den Bereichen Gesundheitsbenefits (30 Prozent) und dem Ausbau von Fortbildungsprogrammen (27 Prozent) zu erwarten.

„Gehälter und Boni sind die eine Seite der Medaille“, lässt sich Florian Frank, verantwortlich für die Bereiche Arbeit und Belohnungen bei WTW, zu den Ergebnissen zitieren. „Unternehmen, die als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen werden wollen, müssen auch darüber hinaus ihr Benefits-Angebot entsprechend den Wünschen ihrer Mitarbeitenden gestalten.“

Bewerber wollen wissen, womit sie rechnen können

Aber worauf achten die umworbenen Fachkräfte, wenn sie einen neuen Arbeitgeber suchen? Bevor sie sich bewerben, wünschen sie sich Transparenz in Gehaltsfragen. Das ist ein Ergebnis der aktuellen Bewerber-Studie „Stellenanzeigen 2023“ für die die Personalberatung Königsteiner Agentur GmbH 1.026 Bewerbende befragte.

Demnach sprechen sich 71 Prozent der Befragten dafür aus, dass Unternehmen bereits in ihren Stellenanzeigen die genauen Gehaltsdaten für eine offene Stelle verraten. 82 Prozent würden zumindest einen ungefähren Rahmen begrüßen, um so die vakante Position besser einschätzen zu können.

Einkommen ist für Kandidaten nicht das wichtigste Argument

Schreiben Unternehmen in ihrem Arbeitgeberangebot von einem „attraktiven“ oder „fairen“ Gehalt, springen viele potenzielle Kandidaten gleich wieder ab. 22 Prozent der Befragten bewerben sich in diesem Fall kategorisch nicht mehr bei diesem Unternehmen, weitere 29 Prozent denken erstmal nach, ob sich die Mühe lohnt.

Bei der Frage, was Bewerber in Ausschreibungen am meisten interessiert, landete das Einkommen dementsprechend auch auf dem zweiten Platz, übertroffen nur von Angaben zu flexiblen Arbeitszeiten. Darüber hinaus sind bei Kandidaten gefragt: Informationen zu Überstundenregelungen, der betrieblichen Altersvorsorge (bAV) sowie den Homeoffice-Regelungen.

EU-Richtlinie zur Gehaltstransparenz

Bei der Gehaltstransparenz gehören die Deutschen nicht zu den Vorreitern. Andere EU-Staaten wie Schweden oder Norwegen sind da längst weiter, wie eine Übersicht der Jobbörse Stepstone belegt.

Auch in Deutschland dürfte die Geheimniskrämerei irgendwann mal der Vergangenheit angehören. Um die Lohngerechtigkeit voranzutreiben, hat die EU-Kommission am 4. März 2021 den Entwurf einer Richtlinie zu mehr Gehaltstransparenz vorgelegt. Im Dezember 2022 haben sich das Europäische Parlament und der Rat bereits politisch auf die neuen Vorschriften zur Lohntransparenz geeinigt.

Bereits heute verpflichtet „der Grundsatz der Entgeltgleichheit“ (PDF, 7 MB) deutsche Arbeitgeber dazu, Frauen und Männern für gleiche Arbeit den gleichen Lohn zu zahlen. Mit der EU-Richtlinie soll dieser Grundsatz besser durchgesetzt werden.

Arbeitgeber sollen so verpflichtet werden, ihre Gehaltspolitik transparenter zu gestalten. Zudem sollen Beschäftigte und Bewerber mehr Möglichkeiten haben, gleiches Entgelt zu fordern und durchzusetzen. Die Mitgliedstaaten haben ab in Kraft treten der Richtlinie bis zu drei Jahren Zeit, die Vorschriften in nationales Recht umzusetzen.

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