PKV-Verband dämpft Hoffnung auf massenhaften Kundenansturm

27.4.2026 – Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz beinhaltet laut dem Bundesgesundheitsministerium auch eine einmalige Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze um 300 Euro. Darin sieht die Lobby der konkurrierenden Privaten einen Bruch mit der angekündigten „einnahmenorientierten Ausgabenpolitik“. Allein durch die höheren Beiträge sei in Kürze auch nicht mit deutlich mehr Wechslern zu rechnen.

Ist die private Krankenversicherung (PKV) wirklich die große Gewinnerin der geplanten Neuordnung der Finanzen deutscher Krankenkassen (VersicherungsJournal 31.3.2026)? Das deutete ein am Mittwoch erschienenes Interview in der Tageszeitung „Welt“ an. Darin sagte der Direktor des PKV-Verbandes, Dr. Florian Reuther, dass auch Privatversicherte von der Reform profitierten.

Als konkretes Beispiel nannte Reuther die allgemeinen Krankenhausleistungen, für die einheitliche Vergütungsregeln für Privat- und Kassenpatienten gelten. Ebenso gebe es nur einen Abgabepreis für Arzneimittel in Apotheken, der unabhängig von der Versicherungsart anfalle. Weil allein diese beiden Ausgabenblöcke stetig wachsen, begrüße der Verband ausdrücklich dortige Kostensenkungen.

Konkrete Pläne, wie die Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) stabilisiert werden sollen, hatte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) zur Monatsmitte vorgelegt (VersicherungsJournal Medienspiegel 14.4.2026). Warken betonte dabei, dass die Ausgaben für medizinische Leistungen nicht mehr stärker steigen sollten als die Einnahmen der Körperschaften.

Kritik an höherer Beitragsbemessungsgrenze

Florian Reuther (Bild: PKV-Verband)
Florian Reuther (Bild: PKV-Verband)

Kritisch sieht Reuther daher, dass die GKV-Beitragsbemessungsgrenze (BBG) einmalig um 300 Euro angehoben werden soll (Medienspiegel 16.4.2026). „Mit dieser Maßnahme setzt das Ministerium an der Einnahmenseite an, indem es zusätzliche Einnahmen für das Gesundheitswesen schafft“, so der Verbandsdirektor.

„Damit werden aber auch ein Stück weit die notwendigen Strukturreformen verschleppt“, kommentiert Reuther. „Es ist genug Geld im System. Nicht ohne Grund hat die Finanzkommission Gesundheit die Rückkehr zu einer einnahmeorientierten Ausgabenpolitik als ihre wichtigste Empfehlung definiert.“

Um dieses Ziel zu erreichen, hatte das zur Hälfte mit Ökonomen besetzte Expertengremium Ende März 66 Maßnahmen präsentiert, mit denen vor allem die Ausgaben strukturell reformiert werden sollten (31.3.2026).

Angehobene BBG steigert Lohnnebenkosten

„Die vorgeschlagene Erhöhung der Bemessungsgrenze in der Kranken- und Pflegeversicherung erfolgt dagegen ohne Not“, so der Verbandschef weiter. „Einnahmenorientierte Ausgabenpolitik kommt ohne Erhöhung der Einnahmen aus.“

„Zudem ist diese Anhebung ein falsches Signal“, warnt Reuther. „Sie ist eine Sondersteuer für qualifizierte Fachkräfte und trifft besonders zukunftsträchtige Wachstumsbranchen, auf die wir dringend angewiesen sind.“ Als typische, vollumfänglich betroffene Berufsgruppen zählt er beispielhaft Facharbeiter und Ingenieure sowie Informatiker und Controller auf.

Die außerordentlich angehobene BBG führt nämlich zu höheren Lohnnebenkosten, was dem Ziel eines höheren Wirtschaftswachstums zuwiderlaufe. Konkret sei für etwa 6,3 Millionen Arbeitnehmer und deren Arbeitgeber eine Mehrbelastung von mindestens 4,2 Milliarden Euro zu erwarten.

100.000 zusätzliche PKV-Kunden realistisch?

Zurückhaltend reagiert der PKV-Verband auf Anfrage des VersicherungsJournals auch auf die Meldung von Spiegel online, wonach das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) mit etwa 100.000 zusätzlichen PKV-Kunden rechnet. Grund hierfür sei die BBG-Erhöhung, die zusätzlich zur jährlichen Anpassung erfolgen solle, mit der die Entwicklung der Löhne und Gehälter nachvollzogen wird.

Mit einer knapp sechsstelligen Zahl zusätzlicher Wechsler von der GKV in die PKV würde sich deren übliche Größe gegenüber den Vorjahren 2024 (81.000) und 2025 (102.000) etwa verdoppeln. Denn durch die höhere BBG-Anhebung würden laut dem BMG 5,4 Millionen Beschäftigte mit relativ hohen Einkommen stärker belastet als das durch die turnusmäßige Erhöhung.

Freiwillige GKV-Mitglieder, die oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze verdienen, hätten hierdurch also einen weiteren finanziellen Anreiz, das Kassensystem zu verlassen und in eine private Krankenvollversicherung zu wechseln.

Wechsel zur privaten Krankenversicherung

Doch: „Reine Modellszenarien gehen regelmäßig an der Lebenswirklichkeit vorbei“, betont ein Sprecher des PKV-Verbands gegenüber dem VersicherungsJournal. „Niemand kann seriös vorhersagen, wie sich das Wechselgeschehen zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung tatsächlich entwickelt.“

„Schon heute zahlen zahlreiche freiwillig gesetzlich Versicherte mehr als 1.000 Euro im Monat an ihre Krankenkasse – und entscheiden sich trotzdem gegen einen Wechsel in die PKV“, so der Sprecher weiter. Denn der Wechsel in die PKV sei eine „Lebensentscheidung“.

„Die trifft niemand, weil der GKV-Beitrag einmalig zusätzlich um 17,50 Euro im Monat steigt.“ Auf eine Nettomehrbelastung in dieser Höhe kommt der Verbandssprecher, wenn er für den Zahler der zusätzlichen 300 Euro einen GKV-Beitragssatz von 17,5 Prozent unterstellt, den hälftigen Zuschuss des Arbeitgebers abzieht und einen persönlichen Steuersatz von 33,3 Prozent annimmt.

Bundeskabinett berät über GKV-Sparpaket

Verena Bentele (Bild: VdK/Marlene Gawrisch)
Verena Bentele (Bild: VdK/Marlene Gawrisch)

Kritik an der BBG-Erhöhung kommt auch aus ganz anderer Richtung, nämlich vom Sozialverband VdK Deutschland e.V. „Dass diese Obergrenze in der GKV steigt, die Versicherungspflichtgrenze – also die Einkommenshöhe, ab der man sich überhaupt erst privat versichern darf – jedoch nicht, ist ein schwerer Fehler“, meint VdK-Präsidentin Verena Bentele.

„Das treibt Menschen aus der gesetzlichen in die private Krankenversicherung“, warnt sie. Der VdK fordere daher „nach wie vor eine Bürgerversicherung, in die alle einzahlen“. Denn: „Diese würde die meisten der aktuell diskutierten Finanz- und Gerechtigkeitsthemen im Gesundheitsbereich lösen.“

Zu einem vereinheitlichten Versicherungssystem ohne PKV ist in Warkens Sparpaket für die Krankenkassen allerdings nichts zu finden. Die darin allein für 2027 mit 19,6 Milliarden Euro angesetzten Entlastungen soll das Bundeskabinett am Mittwoch beschließen.

Mehr zur Krankenversicherung im Extrablatt

Um Zielgruppen und Verkaufsargumente für PKV-Vermittler geht es auch im VersicherungsJournal-Extrablatt 1|2026 mit dem Titel „Krankenvollversicherung – Mit welchen Kunden Vermittler wachsen“.

Extrablatt Cover (Bild: VersicherungsJournal)

Es enthält ebenso Tipps, wie Branchenkollegen Kunden in der Praxis begleiten. Konkret geht es beispielsweise um die Nachversicherungsgarantie für werdende Eltern. Daneben hinterfragen wir die Negativschlagzeilen über die jüngsten PKV-Beitragsanpassungen und die Vertriebspotenziale bei der Zielgruppe Beamte.

Das Heft „Krankenvollversicherung – Mit welchen Kunden Vermittler wachsen“ steht seit dem 30. März im Internet zum Herunterladen (PDF; 3,3 MB) bereit.

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