Assekurata fürchtet millionenfachen Run-off von Riesterpolicen

17.11.2021 (€) – Die auf die Abwicklung von Lebensbeständen konzentrierten Versicherer (Run-offs) erzielen zwar höhere Rohüberschussquoten als der Marktdurchschnitt, dem Kunden nutzt das aber wenig. Die Assekurata zeigt in ihrer aktuellen Run-off-Studie, dass sich der Abstand zwischen Markt und Run-off-Versicherern sogar weiter vergrößert.

Wird das Riester-Modell nicht reformiert, drohen nach Schätzungen der Assekurata Assekuranz Rating-Agentur GmbH auf Seiten der Versicherer rund 10,7 Millionen Verträge in den (internen) Run-off zu gehen.

Zum 1. Januar 2022 wird der Rechnungszins im Neugeschäft auf 0,25 (0,90) Prozent abgesenkt. Damit wird es schwierig, eine vollständige Bruttobeitragsgarantie zu erzielen (VersicherungsJournal 9.7.2021, 23.6.2021 und 2.6.2021).

Keine Einzelfälle

Reiner Will (Archivild: Lier)
Reiner Will (Archivild: Lier)

„Hinter mehr oder weniger vorgehaltener Hand lässt sich vernehmen, dass Riester nach der Rechnungszinssenkung im Neugeschäft tot sei und nur noch wenige Anbieter ein Angebot unterbreiten werden“, schreibt Dr. Reiner Will, geschäftsführender Gesellschafter der Assekurata Assekuranz Rating-Agentur GmbH, in der Studie „Run-off in der Lebensversicherung 2021“.

Der Studie zufolge waren 2020 sieben deutsche Lebensversicherer (Athora Lebensversicherung AG, Entis Lebensversicherung AG, Frankfurter Lebensversicherung AG, Frankfurt Münchener Lebensversicherung AG, Heidelberger Lebensversicherung AG, Proxalto Lebensversicherung AG und Skandia Lebensversicherung AG) im externen Run-off, also bei einer auf die Abwicklung spezialisierten Firma. Mit 3,8 Milliarden Euro erreichen sie rund vier Prozent Marktanteil.

Hinzu kommen Altbestände im internen Run-off; also bei Versicherern, die in diesem Bereich kein Neugeschäft mehr zeichnen. Untersucht wurden in der Studie die sieben Genannten sowie die im internen Run-off befindliche Ergo Lebensversicherung AG und Victoria Lebensversicherung AG.

Es läuft bei den Run-off-Plattformen

 Lars Heermann (Archivild: Lier)
Lars Heermann (Archivild: Lier)

Das Geschäftsmodell der Plattformen (Athora, Ergo, Frankfurter Leben und Viridium-Gruppe) scheint zu funktionieren.

„Die meisten Run-off-Gesellschaften schaffen es, höhere Umsatz- und Kapitalrenditen als der Markt zu erzielen, da sie aus den schrumpfenden Prämieneinnahmen einen vergleichsweise hohen Ertrag generieren“, stellt Lars Heermann, Bereichsleiter Analyse und Bewertung bei Assekurata, fest.

Die Gründe dafür liegen den Ratern zufolge in positiven Kosteneffekten und gestiegenen außerordentlichen Erträgen aus den am Kapitalmarkt angelegten Geldern.

Teilweise begünstigten auch unternehmensindividuelle Einmaleffekte wie die Auflösung von Rückstellungen.

Fragezeichen bei Entis

So kommen die Run-offs auf eine marktüberdurchschnittliche Rohüberschussquote von 33,13 (Vorjahr 31,58) Prozent; der Markt liegt bei 10,79 (13,64) Prozent. Die Spanne reicht von 2,17 (4,24) Prozent bei der Skandia Lebensversicherung AG bis 83,64 (80,87) Prozent bei der Entis Lebensversicherung AG, die 2017 und 2018 sogar über 120 Prozent auswies.

Der niedrige Wert erklärt sich aus dem Geschäftsmodell „Fondsgebundene“. Beim Entis-Wert bleiben Fragezeichen. In den Geschäftsberichten finden sich laut Assekurata keine Angaben zur Erklärung.

Neben einem Sondereffekt, der sich 2017 im übrigen Ergebnis zeige, sei davon auszugehen, dass die Rohüberschüsse zumindest teilweise auf die Realisierung von Bewertungsreserven im Kapitalanlagebestand zurückzuführen seien, so die Studie.

Gewinne werden zu Lasten der Kunden verteilt

Die Untersuchung zeigt, dass die Run-offs im Vergleich zum Markt einen höheren Anteil des erzielten Überschusses zu ihren Gunsten verwenden.

Dieser Effekt zeige sich in den jüngeren Geschäftsjahren deutlicher als in der Vergangenheit. So setzte sich der Trend, dass bei den Run-offs der Kundenanteil am Rohüberschuss im Zeitablauf wesentlich deutlicher sinkt als auf Gesamtmarktebene auch 2020 fort.

Der Kundenanteil beträgt im Markt 85 (86) Prozent. Bei den Run-offs sind es nur 60 (66) Prozent. Aufgrund des fehlenden Neugeschäftsdrucks sähen die Run-offs die Beteiligung der Kunden am Unternehmenserfolg weniger als Wettbewerbsfaktor.

„Allerdings kommen die Verbraucherinteressen in der Mindestzuführungs-Verordnung zum Ausdruck, die den Kunden gesetzlich eine Mindestertragsbeteiligung an den verschiedenen Ergebnisquellen zusichert, so dass auch sie von steigenden Erträgen profitieren können“, so Heermann.

Dünnere Eigenkapitaldecke

Laut Assekurata führen die Run-offs ihre Gewinne meist vollständig gruppenintern an die Aktionärin ab, statt sie ins Eigenkapital einzustellen und so die Unternehmenssubstanz zu stärken. Dies zeigt sich in einer Aktionärsausschüttungsquote von 58,97 (20,95) Prozent. Im Markt beträgt dieser Wert durchschnittlich 7,58 (5,82) Prozent.

Alle untersuchten Run-off-Versicherer erfüllten per Ende 2020 zwar die aufsichtsrechtlichen Solvenzkapital-Anforderungen, blieben im Durchschnitt mit 328 (341) Prozent aber unter dem Mittel des Marktes von 375 (389) Prozent.

Ohne Erleichterungsmaßnahmen (Übergangsmaßnahmen und Volatilitätsanpassung) reichten die Bedeckungsmittel bei der Athora Leben mit 66 (110) Prozent, der Ergo Leben mit 52 (88) Prozent sowie den beiden im Eigentum der Fosun International Holdings Ltd. stehenden Frankfurter Leben mit 38 (38) Prozent und der Frankfurt Münchener mit 25 (- 14) Prozent nicht aus.

Die 55-seitige Studie „Run-off in der Lebensversicherung 2021 – Empirische Kennzahlenuntersuchung von externen Run-off-Gesellschaften“ kostet brutto 940,50 Euro und ist unter diesem Link erhältlich.

Wie beurteilen Sie diesen Artikel?
Artikel-Werkzeuge für Sie
Diese Seite empfehlen
Schlagwörter zu diesem Artikel
Weitere Artikel der Ausgabe vom 17.11.2021
Diese Artikel könnten Sie noch interessieren