Das sind die fünf größten Angstmacher der Bundesbürger

14.10.2022 (€) – Gestiegene Lebenshaltungskosten, Steuererhöhungen, schleppende Wirtschaft – was dem Deutschen auf den Geldbeutel geht, macht ihm am meisten Angst. Zu diesem Ergebnis kam die jährliche Analyse des Infocenters der R+V. Die ins Auge springenden Sorgen wie Klimakrise und Krieg rangieren mit Abstand dahinter.

Im Jahr 1984 sang Madonna vom „Material Girl“. 2022 könnte der vom Infocenter der R+V Versicherung AG in Auftrag gegebene Report „Die Ängste der Deutschen“ den Titel „Material Germans“ lauten. Denn die Bürger fürchten sich laut der Untersuchung am meisten vor finanziellen Problemen. Diese belegen in verschiedenster Ausprägung die Top Fünf des Rankings.

Studie der R+V geht in die 31. Runde

Seit 1992 findet jährlich die bundesweite Umfrage des Versicherers statt. Sie befasst sich mit den Sorgen der Bevölkerung und verteilt in diesem Jahr insgesamt 22 Platzierungen. Für die Studie werden in Deutschland rund 2.400 Personen ab 14 Jahren in persönlichen Interviews nach ihren politischen, wirtschaftlichen, ökologischen und persönlichen Ängsten befragt.

2022 fand die Umfrage vom 13. Juni bis zum 23. August statt. In den Bürgerinterviews – keine Online-Umfrage – sollten die Leute die 22 Fragen nach einem Zahlensystem beantworten. Eins steht für „gar keine Angst“ während Sieben das Maximum mit „sehr große Angst“ bedeutet. Zuletzt sollten die aktuellen Politiker mit den Schulnoten Eins bis Sechs benotet werden.

Die Top-Fünf-Ängste der Deutschen

Den zweifelhaften Titel des Erstplatzierten mit 67 Prozent sicherte sich in diesem Jahr die Angst vor steigenden Lebenshaltungskosten. Kein anderes Thema erreicht einen so hohen Sorgenwert. Mit 58 Prozent folgt dahinter die Angst um bezahlbaren Wohnraum – in diesem Jahr erstmalig in der Analyse enthalten.

Mit 57 Prozent knapp dahinter steht die Angst um eine schlechtere Wirtschaftslage. Kurios: Angst vor der eigenen Arbeitslosigkeit hat dagegen kaum jemand; sie rangiert auf dem vorletzten Platz, Nummer 21.

Auch Steuererhöhungen beziehungsweise Leistungskürzungen als Konsequenz der Corona-Pandemie und die Furcht vor Kosten für Steuerzahler durch EU-Schuldenkrisen stehen mit 52 beziehungsweise 51 noch in den Top Fünf. Damit liegen die Ergebnisse dicht an denen des vergangenen Jahres (VersicherungsJournal 10.9.2021). Auch damals waren die größten Sorgen pekuniärer Natur.

Professor Dr. Manfred G. Schmidt vom Institut für Politische Wissenschaft der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg erklärte diese Ängste bei der Präsentation der Studienergebnisse mit dem guten Gedächtnis der Bürger bezüglich früherer EU-Finanzkrisen. Der Bürger wisse, dass Deutschland im Fall des Falles die Kastanien aus dem Feuern holen müsse – mit Belastungen für die Steuerzahler.

Naturkatastrophen und Kriegsbeteiligung belasten die Jüngeren

Die Sorge vor Naturkatastrophen und Wetterextremen hat es trotz der Eindrücke der Flutkatastrophe im vergangenen Jahr (Archiv) und des diesjährigen Dürresommers nicht unter die fünf größten Angstmacher geschafft. Mit 49 Prozent verfehlte sie den Einzug knapp.

Obwohl nicht unter den fünf wichtigsten Sorgen, ist die Angst vor Naturkatastrophen und dem Klimawandel (Platz acht) im Vergleich zum vergangenen Jahr stark gestiegen. Damals erreichte die Sorge vor Naturkatastrophen 41 Prozent, die vor dem Klimawandel wuchs von 40 auf 46 Prozent.

2022 ebenfalls neu und mit 47 Prozent noch nicht bahnbrechend ist die Sorge vor dem weltweiten Zuwachs autoritärer Herrscher und deren Macht. Diese Angst rangiert auf Platz sieben. Sie ist gerade bei den jüngeren Befragten, 14 bis 19 Jahre, mit 51 Prozent die Top-Angst, noch vor dem Klimawandel und unbezahlbarem Wohnraum.

Generell fürchten die Menschen sich vor dem Wegfall von Demokratie und ihrer Werte, so Schmidt. Putin sei dabei ein wesentlicher Faktor. Russland habe gezeigt, dass es sich nicht an die Spielregeln der Welt halte – wovon bis dato alle ausgegangen waren. Das sei für die Bundesbürger ein „zertrümmertes Weltbild“, erklärte der Politologe, der die R+V-Studie seit Jahren begleitet.

Krieg und Corona: Sorge hält sich in Grenzen

Weder die Angst vor einer schweren Erkrankung, noch vor einer Corona-Infektion besorgt die Befragten stark genug, um über den Platz 19 im Ranking zu kommen. Auch ein Krieg mit deutscher Beteiligung steht mit 42 Prozent auf Platz zwölf der Sorgen.

Zur verbreiteten Einschätzung, dass der Frieden hierzulande nicht sonderlich gefährdet ist, trage laut Schmidt maßgeblich die Haltung der Bundesregierung bei. Dass eher defensive Waffen geliefert werden und das nur zögerlich, vermittele den Bürgern ein Gefühl von nicht unmittelbarer Kriegsgefahr.

Alle Sorgen im Überblick

Die Rangfolge aller 22 abgefragten Punkte aus der R+V-Untersuchung gestaltet sich wie folgt (nach den Angaben zur Wichtigkeit absteigend geordnet):

  • steigende Lebenshaltungskosten (67 Prozent),
  • Wohnen in Deutschland unbezahlbar (58 Prozent),
  • schlechtere Wirtschaftslage (57 Prozent),
  • Steuererhöhungen / Leistungskürzungen durch Corona (52 Prozent),
  • Kosten für Steuerzahler durch EU-Schuldenkrise (51 Prozent),
  • Naturkatastrophen / Wetterextreme (49 Prozent),
  • weltweit autoritäre Herrscher immer mächtiger (47 Prozent),
  • Klimawandel (46 Prozent),
  • Überforderung des Staats durch Geflüchtete (45 Prozent),
  • Überforderung der Politiker (44 Prozent),
  • Schadstoffe in Nahrungsmitteln (44 Prozent),
  • Krieg mit deutscher Beteiligung (42 Prozent),
  • Pflegefall im Alter (41 Prozent),
  • sinkender Lebensstandard im Alter (38 Prozent),
  • Terrorismus (37 Prozent),
  • Spannungen durch Zuzug ausländischer Menschen (37 Prozent),
  • politischer Extremismus (35 Prozent),
  • höhere Arbeitslosigkeit in Deutschland (34 Prozent),
  • schwere Erkrankung / Corona-Infektion (33 Prozent),
  • Störfälle in Atomkraftwerken (30 Prozent),
  • eigene Arbeitslosigkeit (22 Prozent),
  • Straftaten (19 Prozent).

Insgesamt sind die Ängste der Deutschen in diesem Jahr im Langzeitbereich wieder gestiegen. Lag der Durchschnitt 2021 noch bei 36 Prozent, kletterte er unter den aktuellen Entwicklungen auf 42 Prozent.

Ängste im Langzeitvergleich (Bild: R+V)
Zum Vergrößern Bild klicken. (Bild: R+V)

Die Jüngsten haben andere Ängste

Ein Unterschied in der Bewertung der Sorgen hängt mit dem Alter der Befragten zusammen. Der Report unterteilt in die Altersklassen 14 bis 19 Jahre, 20 bis 39 Jahre, 40 bis 59 Jahre und ab 60 Jahre. Abgesehen von der ersten Gruppe antworteten die Befragten jeden Alters unisono mit den obersten drei Sorgen.

Ängste nach Altersgruppen (Bild: R+V)
Altersklassen und ihre Ängste. Zum Vergrößern Bild klicken. (Bild: R+V)

Eine Umfrage der Yougov Deutschland GmbH in Kooperation mit der Statista GmbH hatte bei einer Befragung von 2.075 Personen ab 18 Jahren herausgefunden, dass der Klimawandel zur größten Herausforderung für die Jugend wird (Medienspiegel 12.10.2022).

Politiker schneiden eher mäßig ab

Laut Schmidt gehöre es zum guten Ton der Bundesbürger, ihre Spitzenpolitiker streng zu bewerten. Tatsächlich erhielten nur 1,2 Prozent der Regierenden und Oppositionellen ein „sehr gut“. Der Durchschnitt liegt bei der Note 3,7. Ein Viertel der Politiker bekäme nach dem Schulnotensystem eine Vier im Zeugnis, ganze 17,1 Prozent sogar ein „mangelhaft“ und 8,1 Prozent ein „ungenügend“.

Der größte Prozentsatz an gewählten Vertretern bekam ein „befriedigend“ – 36,9 Prozent.

Warum die Sorge um die finanzielle Lage?

Weder Krieg noch Corona, weder Atomkraft noch Terrorismus, weder Klimawandel noch Straftaten können also die Sorge der Deutschen vor finanziellen Engpässen und Steuererhöhungen toppen. Wieso? Der Politik-Professor beantwortet es damit, dass die Menschen im Land die Stagnation der Wirtschaft und die Folgen der Inflation unmittelbar spüren.

„Die Schulden durch Corona stehen im Haus und müssen getilgt werden“, so Schmidt. Und: „Der Druck auf die Finanzpolitik wird stärker.“ Dadurch werde auch die Frage nach einer nötigen Steuererhöhung gestellt. Dabei ist eine gute finanzielle Aufstellung für mehr als die Hälfte der Deutschen ein wichtiger Teil des eigenen Freiheitgefühls (28.9.2022).

„2022 zeigt die Studie, dass die Mehrheit der Befragten materialistisch denkt und handelt. Geld spielt die zentrale Rolle“, sagt Schmidt. Das zeige sich darin, dass die fünf größten Sorgen in diesen Bereichen fallen. „Klima und Umwelt, sogenannte grüne Themen, spielen die zweite Geige in diesem Konzert der Befragung.“

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