Neue Sterbetafel veröffentlicht: Lebenserwartung deutlich gesunken

27.7.2022 – Neugeborene Jungen können laut der neuen Sterbetafel 2019/2021 von Destatis statistisch gesehen damit rechnen, 78,2 Jahre alt zu werden. Bei neugeborenen Mädchen sind es 83,2 Jahre. Erstmals seit Langem ist die Lebenserwartung wieder deutlich gesunken.

Nach der am Dienstag vom Statistischen Bundesamt (Destatis) vorgelegten Periodensterbetafel 2019/2021 betrug die statistische Lebenserwartung für 2021 neugeborene Jungen 78,2 Jahre. Für neugeborene Mädchen waren es 83,2 Jahre.

Perioden- versus Kohorten-Sterbetafel

Die aktuelle Periodensterbetafel der amtlichen Statistik basiert nach Angaben von Destatis auf den Daten über die Gestorbenen und die Durchschnitts-Bevölkerung der letzten drei Jahre.

Periodensterbetafel: Querschnittsbetrachtung

Es handelt sich hierbei um eine Momentaufnahme der Sterblichkeits-Verhältnisse der gesamten Bevölkerung für diesen Zeitraum. Dadurch zeigt sich im Ergebnis, wie viele (weitere) Lebensjahre eine Person vor sich hätte, wenn sie ein Leben lang den Sterblichkeits-Verhältnissen des Betrachtungszeitraums ausgesetzt wäre.

Aus Periodensterbetafeln können laut Destatis keine Annahmen darüber abgeleitet werden, wie sich die Sterblichkeits-Verhältnisse in Zukunft verändern werden.

Kohortensterbetafel: Längsschnitts-Betrachtung

Hierfür gibt es sogenannten Kohortensterbetafeln (VersicherungsJournal 26.6.2017). Dabei handelt es sich um eine Längsschnittbetrachtung.

„Für die Berechnung von Kohortensterbetafeln werden die Sterbefälle und die Bevölkerungszahlen eines Geburtsjahrgangs über die Zeit hinweg betrachtet. Kohortensterbetafeln sind als Modellrechnung anzusehen, weil einerseits bei älteren Geburtsjahrgängen Datenlücken geschlossen und Gebietsveränderungen berücksichtigt werden müssen“, so das Statistische Bundesamt.

Anderseits seien Schätzungen zur Sterblichkeit der Geburtsjahrgänge notwendig, deren Angehörige noch leben. Mit den Kohortensterbetafeln könne dann jedoch der Frage nachgegangen werden, welche durchschnittliche Lebenserwartung einzelne Geburtsjahrgänge unter Berücksichtigung der möglichen künftigen Entwicklung der Sterblichkeit erreichen könnten.

Das Statistische Bundesamt weist explizit darauf hin, dass beide Arten von Sterbetafeln stets Durchschnittswerte beinhalten. Die individuellen Überlebensperspektiven könnten je nach Lebensverhältnissen, Lebensführung, Beruf, gesundheitlicher Verfassung und weiteren Faktoren „ganz erheblich“ von den Durchschnittswerten abweichen.

Deutlicher Rückgang

Im Vergleich zur Sterbetafel 2018/2020 (12.7.2021) sank die Lebenserwartung für neugeborene Jungen um etwa 0,4 Jahre. Für neugeborene Mädchen verminderte sie sich um rund 0,2 Jahre.

In Relation zur Vor-Pandemiezeit (Sterbetafel 2017/2019; 30.9.2020) fiel die Reduzierung noch größer aus. Die rückläufige Entwicklung, die im Osten deutlich stärker als im Westen ausfiel, führen die Statistiker hauptsächlich auf „die außergewöhnlich hohen Sterbefallzahlen während der Coronawellen“ zurück (27.7.2022).

50-Jährige haben durchschnittlich noch etwa 30 Jahre vor sich

20-jährige Männer können nach der aktuellen Tafel statistisch gesehen damit rechnen, 79 Jahre alt zu werden. Für 50-jährige Herren liegt der Wert bei mehr als 80 Jahren, für 80-Jährige bei über 88 Jahren. 20-jährige Damen können statistisch gesehen damit rechnen, fast 84 Jahre alt zu werden. Für 50-jährige Frauen liegt der Wert bei 84,5 Jahren, für 80-Jährige bei weit über 89 Jahre.

Im Vergleich zur Sterbetafel 2000/2002 ist die (fernere) Lebenserwartung für männliche (weibliche) Neugeborene um gut drei (über zwei) Jahre gestiegen. Bei den 80-Jährigen ist es geschlechterunabhängig ein Jahr.

Statistische Lebenserwartung (Bild: Wichert)

Zur Entwicklung teilte das Amt mit: „Bis zur Sterbetafel 2006/2008 stieg die Lebenserwartung bei Geburt über Jahrzehnte hinweg im jährlichen Durchschnitt sehr kontinuierlich an – um rund 0,3 Jahre bei den Männern und um etwa 0,2 Jahre bei den Frauen.

Danach ist die Lebenserwartung bei Männern und Frauen jährlich um durchschnittlich etwa 0,1 Jahre angestiegen, bevor es im Zuge der Pandemie zu einer Stagnation beziehungsweise einem leichten Rückgang kam.“

Unterschiede in den Bundesländern

Deutliche Unterschiede zeigen sich auf der Ebene der einzelnen Bundesländer. So liegt die Lebenserwartung bei Geburt für einen Jungen in einer Spannbreite zwischen 76,2 Jahren in Sachsen-Anhalt sowie 79,8 Jahren in Baden-Württemberg.

Bei den Mädchen sind es statistisch gesehen minimal 82,3 Jahre im Saarland und maximal 84,3 Jahre in Baden-Württemberg, wie aus den jetzt vom Statistischen Bundesamt vorgelegten Daten weiter hervorgeht.

Lebenserwartung bei Geburt (Bild: Wichert)

Versicherer mit eigenen Sterbetafeln

Auch für die Versicherer sind Lebenserwartung und Sterbe-Wahrscheinlichkeit wichtige Größen für die Tarifkalkulation. Allerdings arbeitet die Versicherungswirtschaft nicht mit den Destatis-Daten. Hierzu hatte die Deutsche Aktuarvereinigung e.V. (DAV) vor einigen Jahren auf Anfrage erklärt, dass bei den DAV-Sterbetafeln grundsätzlich beachtet werden müsse, dass Versicherer bei Renten- oder Lebensversicherungs-Verträgen langfristige Garantien aussprechen würden.

Sie seien deshalb vom Gesetzgeber verpflichtet worden, die Versicherungstarife vorsichtig zu kalkulieren. „Aufgrund dieser Sicherheitszuschläge weichen die Daten der DAV zur Sterblichkeit der Versicherten nachweislich von den Zahlen der Bevölkerung, die durch das Statistische Bundesamt errechnet werden, ab“ (23.4.2015).

In der privaten Krankenversicherung werden die Sterbetafeln seit 2007 jährlich aktualisiert. „Da die Krankheitskosten in der Regel mit zunehmendem Alter steigen, kommt den Sterbe-Wahrscheinlichkeiten eine sehr hohe Bedeutung zu“, erläutert die Aktuarvereinigung in der Ausgabe 41 von „Aktuar Aktuell“, dem Verbandsorgan der DAV.

„Die PKV-Sterbetafeln berücksichtigen, dass die Lebenserwartung der Versicherten höher ist als in der Gesamtbevölkerung. Durch regelmäßige Aktualisierungen dieser Sterbetafeln werden sprunghafte Beitragsänderungen aufgrund steigender Lebenserwartung vermieden“, heißt es weiter.

 
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