25.1.2017 (€) – Dr. Marc Surminski, Chefredakteur der Zeitschrift für Versicherungswesen, blickt als ausgewiesener Branchenkenner auch Anfang dieses Jahres wieder in die Versicherungszukunft. Dabei hat er wieder überraschende Antworten auf die Frage gefunden, worauf sich die Assekuranz und die Vermittler im Laufe des Jahres einstellen müssen. Sein nicht ganz ernst gemeinter, gleichwohl bedenkenswerter Ausblick findet sich in voller Länge im aktuellen Heft 2/2017.
Auch in diesem Jahr haben viele Leser wieder den Wunsch nach einer knappen Vorschau auf die wichtigsten Ereignisse des neuen Jahres geäußert, weil das nicht wenigen für ihre tägliche Arbeit hilfreich erscheint.
Vorsorglich wird an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die folgende Jahresvorschau möglicherweise in dem einen oder anderen Punkt nicht vollständig mit den Ereignissen des Jahres übereinstimmen wird.
Februar
Die Management-Krise bei der Allianz spitzt sich zu. Allmählich werden die Vorstände knapp, denn auch 2017 wechseln wieder zahlreiche hochrangige Führungskräfte zur Konkurrenz. Vor allem der Brain-Drain in Richtung Düsseldorf reißt nicht ab.
Um die Not zu lindern, ordnet Konzern-Chef Oliver Bäte an, dass künftig auch Nachwuchsführungskräfte ohne McKinsey-Karriere in den Vorstand der Allianz gelangen können. Darüber wird aber nach Angaben des Versicherers immer nur im Einzelfall entschieden, denn auch eine moderne Diversity-Kultur hat natürliche Grenzen.
März
Die deutschen Kfz-Versicherer wollen den Autoherstellern Paroli bieten und neue Geschäftsfelder außerhalb der klassischen Versicherungsdeckung erobern. Die beiden Marktführer Allianz und Huk-Coburg waren bereits 2016 als Gebrauchtwagenhändler aktiv geworden.
Kontinuierlich ziehen jetzt andere Versicherer mit entsprechenden Konzepten nach: Die VHV etwa eröffnet die erste eigene Autowaschstraße in Hannover. Zur Eröffnung seift Till Schweiger die Autos aller weiblichen VHV-Kunden kostenlos ein.
Die Axa lässt einen Monster-Truck durch Deutschland fahren, der die Autos ausgewählter Kunden schrottet, damit der Versicherer dann seine gute Schadenabwicklung erlebbar machen kann.
April
Künstliche Intelligenz ist weiter auf dem Vormarsch – auch in der Versicherungsbranche, wo natürliche Intelligenz schon seit etlichen Jahren zurückgeht. Auch der gesunde Menschenverstand, früher bis weit in die Vorstände hinein verbreitet und durchaus ein Erfolgsfaktor der Branche, war zuletzt eher rückläufig. Schwarmintelligenz, von Beratern als Alternative ins Spiel gebracht, erweist sich nach Tests bei großen Innendiensten als kein ebenbürtiger Ersatz.
Mittlerweile werden bei einigen Gesellschaften schon Presseanfragen und Weihnachtsgrüße über Chat-Bots abgewickelt. Im Markt halten sich zudem Gerüchte, dass die CEOs von drei großen Aktiengesellschaften nicht mehr real sind.
Juni
Lange Zeit hat man der deutschen Versicherungswirtschaft vorgeworfen, dass sie zu wenig innovationsfreudig sei. In 2017 straft sie nun alle Kritiker Lügen und erhöht ihre Innovations-Geschwindigkeit erheblich. In keinem anderen Land Europas werden mittlerweile Investorengelder schneller verbrannt als im deutschen Insurtech-Markt, ergibt eine Studie des bekannten Trendberatungs-Unternehmens „Next Big Thing“.
Das zeigt, wie viel kreatives Potenzial es auch hierzulande in diesem Bereich gibt. Während 2015 und 2016 vor allem Geld für Online-Makler vernichtet wurde, steht 2017 ganz im Zeichen eines neuen Trends: der teure Aufbau echter digitaler Versicherer. Die Experten von Digital-Hype-Watch sind zuversichtlich, dass bis Ende des Jahres die erste Investition in dreistelliger Millionenhöhe abgeschrieben werden kann.
Das Jahr 2017 bringt auch einige überraschende Personalien. Michael Heinz wird als Nachfolger von Gerhard Billen Staatssekretär im Verbraucherschutz-Ministerium. Schon in seiner Zeit als Präsident des BVK hatte er sich stets als erster Verbraucherschützer der Versicherungsbranche gefühlt.
Der GDV sucht sich nach dem Ende der Amtszeit von Alexander Erdland erstmals einen hauptberuflichen Präsidenten aus der Politik. Die Wahl fällt auf den bisherigen CDU-Fraktionschef Volker Kauder. Wer eine große Koalition in Berlin zusammenhalten kann, kann auch den GDV repräsentieren.
Juli
Unbemerkt von der Öffentlichkeit und auch der eigenen Belegschaft gründet die Ergo einen neuen Lebens- und Krankenversicherer auf der grünen Wiese. Die Neugründungen sollen keinerlei Berührungspunkte mit den Altunternehmen und ihrer überlasteten IT haben, deshalb werden sie in der ersten Zeit geheim gehalten.
Dabei hilft, dass die neuen Unternehmen zunächst keine Namen bekommen, um die Ausschließlichkeit der Ergo nicht zu verunsichern. Weil sie volldigital organisiert sind, brauchen sie auch keine Mitarbeiter. Produkte gibt es vorerst auch nicht, um sich in unsicheren Zinszeiten keine zusätzlichen Lasten aufzubürden und die Arbeitsabläufe nicht unnötig zu verkomplizieren.
Falls ein Antrag käme, könnte er komplett automatisch verarbeitet werden. Die Neugründungen werden mit dem renommierten Think-Twice-Award der Arbeitsgemeinschaft für theoretische Assekuranz (ATA) ausgezeichnet.
September
Der PKV-Verband feiert im September ein besonderes Jubiläumsfest: Unter dem Motto „15 Jahre Bürgerversicherung – Totgesagte leben länger“ geht es dabei kurz vor der Bundestagswahl so hoch her wie selten im gesundheitspolitischen Berlin.
Als Festredner hat man nämlich Prof. Dr. Karl Lauterbach engagiert, um den Zusammenhalt der PKV zu stärken. Er lässt sich in einem Sarg auf die Bühne bringen und hält im Sitzen eine Abschiedsrede auf die private Krankenvollversicherung. Im Publikum verbreitet er Angst und Schrecken, weil er auch die neuesten Umfragewerte für eine rot-rotgrüne Koalition mitgebracht hat.
Oktober
Die deutschen Versicherer sind das ganze Jahr über fieberhaft auf der Suche nach digitaler Kreativität. Ende Oktober werden sie fündig. In einem Inkubator am Stadtrand von Köln gelingt es, einen echten Gamechanger zu entwickeln.
Er ist sowohl als Disruptor als auch als Accelerator einsetzbar (allerdings nur bis 190 km/h). Er kann zudem autonom auf eine Customer Journey geschickt werden und sogar den Touch-Point der Kundenschnittstelle anfassen.
Das ist aber doch etwas zu viel für den kleinen digitalen Kerl. Bei einer Testvorführung pinkelt er dem Head of Customer Centricity der Axa ans Bein, und auch ansonsten laufen seine Algorithmen noch nicht so richtig rund. Daher lassen ihn gutmeinende Insurtechies im Lab lieber erst mal Schach gegen Watson üben, gut gesichert durch eine Blockchain.
Dezember
Die Chinesen kaufen sich verstärkt in den deutschen Versicherungsmarkt ein. Zunächst investieren Finanzmagnaten und Staatsfonds vor allem in Run-off-Bestände, weil die Preise für die Klassik-Policen mit ihren milliardenschweren Kapitalanlagen so niedrig sind, manchmal bekommt man sogar noch Geld dazu. Dann wagen sie sich auch an die Übernahme ganzer Unternehmen.
Beliebt sind vor allem private Krankenversicherer, weil deren Geschäftsmodell auf Langfristigkeit angelegt ist, was die chinesischen Investoren grundsätzlich schätzen. Auch hier profitieren sie von niedrigen Preisen; manche Gesellschaften werden für einen symbolischen Euro abgegeben. Die Bundesregierung erhebt keine Einwände wegen eines drohenden Know-how-Transfers.
Als Ende des Jahres schließlich die Ergo für einen niedrigen einstelligen Milliardenbetrag an ein Shanghaier Finanzkonglomerat geht, sind die Chinesen endgültig in der Mitte des Marktes angekommen. Ob es ihnen dort gefällt, muss sich zeigen. In München können sie ihr Glück jedenfalls kaum fassen.
Dr. Marc Surminski, Chefredakteur der Zeitschrift für Versicherungswesen
Der vollständige Ausblick kann in der aktuellen Ausgabe 2/2017 der Zeitschrift für Versicherungswesen nachgelesen werden.




