28.11.2012 (€) – Deutschlands größte Krankenkasse, die Barmer GEK, hat jetzt ihren Pflegereport 2012 vorgelegt, in dem erstmals anhand von Patientendaten die Gesamtkosten im Pflegefall untersucht wurden. Dabei zeigt sich, dass die als Teilkaskoversicherung angelegte gesetzliche Pflegeversicherung für etwa die Hälfte der Kosten aufkommt. Die andere Hälfte muss aus der privaten Tasche beigesteuert werden. Hier soll die staatlich geförderte Pflegezusatz-Versicherung vom kommenden Jahr an die Lücke zumindest zum Teil schließen. Die Autoren des Pflegereports lassen allerdings kein gutes Haar am sogenannten Pflege-Bahr.
Werden Frauen zum Pflegefall, fallen über die gesamte Pflege hinweg Kosten von durchschnittlich knapp 84.000 Euro an. An Eigenbeitrag haben sie im Schnitt 45.000 Euro aufzubringen. Bei Männern, die oftmals von ihren Frauen zu Hause gepflegt werden, ergeben sich Gesamtkosten von rund 42.000 Euro. Der aufzubringende Eigenanteil liegt bei etwa 21.000 Euro.
Dies präsentierte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Dr. Rolf-Ulrich Schlenker, als eines der zentralen Ergebnisse des gestern vor der Presse in Berlin vorgestellten „Pflegereports 2012“.
Pflegekosten zeigen enorme Schwankungsbreite
Datengrundlage waren die Kosten für rund 2.000 Versicherte ab 60 Jahre, die im Jahr 2000 erstmalig pflegebedürftig geworden waren. Dazu wurden die Ausgaben der Sozialen Pflegeversicherung in den Jahren 2000 bis 2011 summiert, erwartete Kosten bis 2024 wurden geschätzt.
Eine Betrachtung der Detailergebnisse zeigt bei Männern wie bei Frauen erhebliche Schwankungen bei den selbst aufzubringenden Kostenanteilen, wie Professor Dr. Heinz Rothgang vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen ausführte, der mit seinem Autorenteam die Analyse des Zahlenmaterials durchgeführt hat.
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- Heinz Rothgang (Bild: Brüss)
Teilt man die Pflegebedürftigen nach Kosten gestaffelt in zehn gleiche Gruppen, dann zeigt sich, dass in der stationären Unterbringung (bis zum Tod) für die Hälfte der betroffenen Personen mit den geringsten Ausgaben weniger als 2.200 Euro aufzubringen sind. Bei dem Zehntel mit den höchsten Ausgaben steigt der Eigenanteil auf über 99.000 Euro.
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- Quelle: Barmer GEK Pflegereport 2012
In der ambulanten Pflege bleiben für die Hälfte der betroffenen Personen die Eigenanteile mit unter 2.000 Euro überschaubar. Im Zehntel mit den höchsten Aufwendungen steigt der Betrag je Fall auf über 18.000 Euro.
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- Quelle: Barmer GEK Pflegereport 2012
Versicherungslösung sinnvoll
Auf die Frage, ob denn eine persönliche Rücklagenbildung helfen würde, sagte Rothgang: „Grundsätzlich können Sie für die Pflege nicht sparen, weil die Unsicherheit so groß ist.“ Von daher wäre eine Versicherungslösung durchaus sinnvoll.
Grundsätzlich können Sie für die Pflege nicht sparen, weil die Unsicherheit so groß ist.
Professor Dr. Heinz Rothgang, Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen
Die Zahl der Pflegebedürftigen wird den Angaben zufolge zwar insgesamt zunehmen, die Zunahme fällt aber im Zeitablauf geringer aus. Beträgt der Anstieg derzeit etwa drei Prozent, dürfte dieser in 20 Jahren nur noch bei 0,5 Prozent liegen.
Pflege-Bahr wenig hilfreich und falsch angelegt
Dem von der Dienstleistungs-Gewerkschaft Verdi vorgelegten Vorschlag einer Pflegevollversicherung (VersicherungsJournal 16.11.2012) erteilten Schlenker und Rothgang ebenso eine Absage wie dem Pflege-Bahr. Klare Alternativen zeigten sie indes nicht auf.
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- Rolf-Ulrich Schlenker (Bild: Brüss)
Schlenker sagte: „Der Pflege-Bahr wäre schon der richtige Ansatz, aber die Förderung ist viel, viel zu gering.“ Der staatliche Zuschuss wird im Jahr 60 Euro betragen. „Ich möchte im Moment davon abraten, den Pflege-Bahr abzuschließen“, sagte Rothgang mit dem Hinweis, dass eine ganze Reihe von Fragen ungeklärt sei.
Für beide ist der Pflege-Bahr eher etwas für Besserverdienende. „Bürger mit niedrigem Einkommen können sich solche Verträge auch mit einer Bahr-Förderung nicht leisten“, sagte Schlenker, der sich für eine obligatorische Zusatzversicherung mit Sozialkomponente aussprach.
Der Pflege-Bahr wäre schon der richtige Ansatz, aber die Förderung ist viel, viel zu gering.
Dr. Rolf-Ulrich Schlenker, stellvertretender Vorsitzender der Barmer GEK
„Ohne ein Obligatorium ist davon auszugehen, dass auch langfristig nur eine Minderheit der Bundesbürger eine freiwillige Zusatzversicherung abschließt“, wird im Pflegereport festgestellt. Selbst wenn es rund 1,7 Millionen Pflege-Bahr-Verträge geben sollte (die Zahl lässt sich aus der erwarteten Zuschusshöhe ableiten), würde nur eine Minderheit profitieren. Für die große Mehrheit gebe es keine Lösung der Finanzierungsprobleme.





