20.2.2017 (€) – „Das Flottengeschäft ist die Zukunft der Mobilität“, glaubt Harald Seliger, Leiter Kraftfahrt Vertrag bei der R+V Allgemeinen Versicherung AG. Diese zentrale Aussage wurde auf eine Fachveranstaltung in Köln von vielen Experten geteilt. Es würde künftig immer weniger Menschen geben, die ihr Fahrzeug selbst versicherten, weil sie ein Car-Sharing-Unternehmen nutzen würden. Gleichzeitig würde eine vernetzte Technik Fahrzeuge deutlich sicherer machen und beispielsweise das gekoppelte und sichere Kolonnenfahren auf der Autobahn ermöglichen.
Die Versicherung von Fuhrparks war eines der Themen auf der BF21-Jahrestagung Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus letzte Woche in Köln.

- Johannes-Jörg Rüger (Bild: Schmidt-Kasparek)
Nach Einschätzung von Dr. Johannes-Jörg Rüger, President Sales and Systems Engineering Commercial Vehicle an Offroad Business bei der Robert Bosch GmbH könnten Assistenzsysteme im Auto 90 Prozent der menschlichen Fehler vermeiden.
Das sei oft auch wirtschaftlich sinnvoll. So könnten durch ein automatisches Fahren im Konvoi die Unternehmen rund zehn Prozent Treibstoff sparen.
Zudem würde die Zeit während des „Platoonings“ nicht mehr als Arbeitszeit angerechnet. Damit würde sich die Arbeitszeit der Fahrer verlängern.
„Was im Nutzfahrzeuggeschäft Geld bringt, wird gemacht“, so Rüger. Trotzdem schätzt er, dass diese Art der Lkw-Kolonnen professionell erst ab dem Jahre 2025 auf deutschen Autobahnen anzutreffen ist.

- Technische Hilfen zur Unfallvermeidung bei Lkw (Quelle: Bosch)
Mobilitätsguthaben statt eigenes Auto
Das eigene Auto könnte künftig durch ein Guthaben für Mobilität ersetzt werden. Statt besitzen, heißt die neue Zauberformel: Nutzen, wenn nötig. Eine solche Vision stellte Philip Kneissler, Geschäftsführer der Belmoto GmbH, vor.
„Vor allem Firmen können ihren Mitarbeitern künftig ein Konto für beispielsweise 800 Euro einrichten, das beliebig im eigenen Carpool, für Flüge oder Urlaub eingesetzt werden kann“, erläuterte Kneissler. Damit gäbe es für die Mitarbeiter eine deutlich höhere Flexibilität und die Dienstwagenflotte könnte deutlich reduziert und effektiver genutzt werden.
Doch gerade neue Mobilitätskonzepte treffen derzeit noch auf wenig Akzeptanz. „Es fällt vielen Menschen noch schwer, ihr typisches Verhalten, etwa die tägliche Fahrt mit dem Auto von und zum Büro, nur einmal testweise zu verändern“, erläuterte Kneissler.
Car-Pooling einfach
Auch beim klassischen Flottenverwalter, dem Fuhrparkleiter, gebe es wenig Akzeptanz für visionäre Ideen. Ganz anders sähe es aus, wenn der Personalleiter angesprochen werde. Kneissler: „Der sieht die Perspektive darin, neuen Mitarbeitern attraktive Sozialleistungen zu bieten, um sie möglichst eng an die Firma zu binden.“
Daher seien solche neuen Mobilitätsideen vor allem für Unternehmen interessant, die im harten Wettbewerb um hochqualifizierte Kräfte stehen und eine hohe Fluktuation verzeichnen. Car-Pooling sei über App und Kreditkarte leicht anwendbar. Mitarbeiter könnten mit einem Bonusmodell zum neuen Mobilitätsystem motiviert werden.
Gleichzeitig sollte der Arbeitgeber deutlich machen, dass man jederzeit zum klassischen Dienstwagen zurückkehren kann. Noch ist die Nachfrage nach einem Mobilitätskonto sehr verhalten. Ein Münchener Pharmakonzern habe von 1.000 Mitarbeitern erst rund 100 für diese Idee gewinnen können. Doch die Mobilität vor allem von jungen Menschen verändert sich.
Deutlich mehr Flottenverträge
Das zeigt sich auch daran, dass das Flottengeschäft boomt. Im vergangen Jahr stieg die Zahl der Flottenversicherungs-Verträge um 3,5 Prozent auf 4,8 Millionen, während der gesamte Kfz-Markt nur ein Vertragsplus von 2,1 Prozent verzeichnen konnte. Auch die Prämieneinnahmen von 3,4 Milliarden Euro stiegen mit 3,5 Prozent um einen Prozentpunkt besser als im Kfz-Gesamtmarkt.
Ich gehe davon aus, dass es Flotten mit einer Combined Ratio von 110 bis 120 Prozent gibt.
Harald Seliger, Leiter Kraftfahrt Vertrag, R+V Allgemeinen Versicherung AG
Trotzdem sind die Flottenversicherer nicht zufrieden. „Unsere Schadenkosten-Quote ist nach wie vor miserabel“, sagte Thomas Winkler, Chief Underwriter Kraftfahrt bei der Gothaer Allgemeine Versicherung AG. Aktuell liegt die Combined Ratio bei 106 Prozent. Damit erreichen viele Anbieter keine schwarzen Zahlen.
„Ich gehe davon aus, dass es Flotten mit einer Combined Ratio von 110 bis 120 Prozent gibt“, sagte Harald Seliger, Leiter Kraftfahrt Vertrag bei der R+V Allgemeinen Versicherung AG, bei der Vorstellung von Branchenzahlen. Für 2017 prognostizierte Seliger für die Schadenkosten-Quote höchstens eine Verbesserung um einen Prozentpunkt.

- GDV Ergebnisse Flotten (Bild: R+V)
Prämienqualität steigt
Derzeit steige die „Prämienqualität deutlich. Es gibt also immer mehr Kfz-Flotten, die nach Einschätzung der Assekuranzen Gewinn abwerfen. Ein Grund sei wie im privaten Kfz-Markt eine sinkende Schadenhäufigkeit. Damit verlaufen laut Seliger mittlerweile wieder 50 Prozent aller Flotten „gut“.
Dieser Wert war aber auch schon 2014 erreicht worden. Im Umkehrschluss sind aber immer noch rund die Hälfte aller Flotten defizitär. Probleme bereitet den deutschen Flottenversicherungen vor allem die Tarifierung der Risiken. Sie basiert weiterhin im Wesentlichen auf den Daten der einzelnen Flotte.
„Wir schauen drei bis fünf Jahr in die Vergangenheit und versuchen dann, durch unser Erfahrungswissen die richtige Prämie zu ermitteln“, sagte Experte Winkler. Doch Flotten seien nicht statisch. Fahrer, Fahrzeuge und Einsatzzwecke seien einem starken Wechsel unterworfen.
Durch Selbsttragungsmodelle fallen ganze Schadenarten weg
Schwierigkeiten bereitet den Versicherern zudem der Trend zu sogenannten Selbsttragungsmodellen.
Übernimmt der Kunde durch eine hohe Selbstbeteiligung einen Teil des Risikos, würden ganze Schadenarten, wie Glasschäden, plötzlich wegfallen und könnten nicht mehr für die Kalkulation genutzt werden.
Erfolgreich sind laut Seliger Modelle, bei denen Unfälle, ähnlich wie ein Schadenfreiheits-Rabattsystem in der privaten Kfz-Versicherung, über einen Malus und eine Prämienerhöhung direkt an den Mitarbeiter weitergereicht werden.
Wir verhandeln über einen Preis, wissen aber nicht, welche Prämie risikotechnisch die richtige wäre.
Thomas Winkler, Gothaer Allgemeine Versicherung AG
Flottentarif gefordert
Als ein Grund für unzureichende Preise wird genannt, dass es für das Flottengeschäft bis heute keinen von der Branche kalkulierten Tarif gibt. Diesen forderte Winkler nun ganz ausdrücklich. „Wir verhandeln über einen Preis, wissen aber nicht, welche Prämie risikotechnisch die richtige wäre“, so Winkler.
„Pro Jahr müssten wir bei jeder Flotte zwei bis drei Prozent als laufende Kostenerhöhung mitnehmen können“, erläuterte Seliger. In der Praxis wird eine solche Regelung aber bisher nicht akzeptiert.
Mit einem vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) auf Basis spezieller Flottenrisikofaktoren kalkulierten Tarif, würde das Geschäft für Versicherungen und Vermittler deutlich einfacher.
Das bestätigen viele der vor Ort befindlichen Versicherungsmakler. Allgemein herrscht jedoch eine große Skepsis, ob der GDV sich dem kostenaufwändigen Projekt Flottentarifkalkulation stellen will. Vielleicht wird ein solcher Tarif erst Realität, wenn tatsächlich, wie von vielen Experten vermutet, das Flottengeschäft dem Privatgeschäft den Rang abgelaufen hat.




