23.2.2016 (€) – Auf den Geschäftszyklus mit fünf guten und fünf schlechten Jahren können sich die Autoversicherer offensichtlich nicht mehr verlassen: Nach nur zwei guten Jahren dürfte das Ergebnis 2016 sich bereits wieder der Null-Linie nähern. Marco Morawetz von der General Reinsurance AG und Andreas Kelb von der E+S Rückversicherung AG zeigten auf einer Fachkonferenz die Probleme und Entwicklungen auf.
„Es gibt keinen Raum für weitere Beitragsabsenkungen in der Kraftfahrtsparte“, sagte Andreas Kelb, Bereichsleiter des Zentralbereichs Deutschland der E+S Rückversicherung AG, auf einer Fachkonferenz in Köln.

- Andreas Kelb (Bild: Lier)
Von den Tarifmaßnahmen der eigenen Zedenten sei man zum Teil enttäuscht gewesen, weil „sie aggressiver agierten, als wir erwartet haben“.
Schäden nehmen zu
Aktuell sei der Markt noch auf einem technisch auskömmlichen Niveau, so Kelb. Die Durchschnittsbeiträge erhöhen sich seiner Einschätzung nach 2016 in der Kraftfahrt-Haftpflicht (KH) und in Teilkasko um jeweils ein Prozent und in Vollkasko um zwei Prozent.
Marco Morawetz, der das Consulting des Rückversicherers General Reinsurance AG leitet, schätzt den Zuwachs für Vollkasko ähnlich hoch ein, rechnet für KH und Teilkasko aber nur mit einem Plus von 0,5 Prozent.
Auf der Basis von 600.000 Risiken im Nafi-Überblick fiel die durchschnittliche Prämieneinnahme zum 1. Januar 2016 im Neu- und Ersatzgeschäft um 0,5 Prozent, so Morawetz. In KH stagnierten die Beiträge, während sie in Vollkasko um ein Prozent und in Teilkasko um 1,5 Prozent zurückgingen.
Knapp unter 100 Prozent
Problematisch ist die Schadenlage: Bei einer unveränderten Schadenfrequenz geht Kelb davon aus, dass die Schadendurchschnitte 2016 um zwei Prozent steigen. Mit Blick auf die erwarteten höheren Schadenbedarfe und das Ausbleiben von satten Zinserträgen aufgrund der Kapitalmarktlage erwartet Kelb, dass die Autoversicherer 2016 nur noch „die Null-Linie touchieren oder es zu einer schwarzen Null“ schaffen.
Die Regel, dass sich der Zyklus in der Automobilversicherung aus fünf guten und fünf schlechten Jahren zusammensetze, scheine nicht mehr zu stimmen, so Kelb. Auch Marco Morawitz schätzt, dass der Zyklus in der Autoversicherung seinen Zenit bereits überschritten hat.
Nach dem ersten Gewinnjahr 2014 nach sechs verlustreichen Jahren sei die Ergebnissituation 2015 nach bisher vorliegenden Daten zwar noch positiv, aber geschmälert gewesen. Für 2016 geht er auf Basis der Anfalljahre nur noch von einem versicherungs-technischen Überschuss von 1,2 Prozent aus – damit dürfte sich die Combined Ratio um 99 Prozent bewegen.
Große Preisunterschiede
Morawetz betonte, dass es nach wie vor im konservativen und konventionellen Pricing – also ohne Telematik-Tarife – sehr große Unterschiede zwischen den Anbietern gebe. „Die Spreizung liegt zwischen plus minus 40 Prozent. Zu beobachten ist, dass die Günstigen noch günstiger und die Teuren noch teurer werden“, so Morawetz. Kleinere Anbieter senkten eher die Preise als größere.
Auch die Aufteilung der Kundensegmente mit systematischen Verlusten sei sehr stabil: Seinen Berechnungen zufolge erreicht der versicherungstechnische Verlust bei jungen Fahrern (unbegleitet, 18 Jahre, Schadenfreiheitsklasse elf bis 25) knapp 50 Prozent, bei den Über-80-Jährigen sind es gut 40 Prozent.
Die Unternehmen gingen sehr unterschiedlich bei der Versicherung von jungen Fahrern um. Er beobachte Zuschläge von 40 und 45 Prozent bis 200 Prozent. Bei den jungen Fahrern (18 Jahre) mit begleitetem Fahren lägen die Zuschlägen zwischen 20 bis 160 Prozent.
Für begleitetes Fahren eines 17-Jährigen würden einige Anbieter gar keinen Zuschlag verlangen – andere setzten die Prämie so wie bei unbegleiteten 18-Jährigen.
Eltern im eigenen Vertrag

- Marco Morawetz (Bild: Lier)
Auch wenn das Thema Altersdiskriminierung in der Presse auftauche, würden die Senioren in der Praxis doch weitaus weniger diskriminiert als jüngere Fahrer.
Morawetz stellt fest, dass ältere Fahrer Zuschläge vermeiden können, wenn sie – auch ohne Teil einer Wohngemeinschaft zu sein – in den Vertrag ihrer Kinder eingeschlossen werden.
Wie in den Vergangenheit, kritisierte Morawetz, dass der Rabattschutz nicht immer risikogerecht bepreist wird. Das sei „Teufelswerk“. Marktweit würden 20 bis 25 Prozent Zuschlag abverlangt, notwendig seien aber mindestens 30 Prozent.
Problematisch sei, dass sich das Defizit durch die Nichtzurück-Stufungen über einen langen Zeitraum erstrecke und durch die große Beliebtheit bei den Kunden immer mehr Fahrer in dieses System kämen. „Damit stellt sich dann irgendwann die Frage, ob die Schadenfreiheitsklassen noch richtig sind“, so Morawetz.




