Jeder dritte Rechtsschutz-Anbieter wird vom Markt verschwinden

19.5.2017 – Der Rechtsschutz-Versicherung stehen harte Zeiten bevor. Massenverfahren, geringere Vertriebsleistungen und hohe Schadenquoten belasten die Branche. Die Zeichen für eine starke Marktbereinigung mehren sich. Der Kontakt zum Endkunden, der eine Rechtsdienstleistung sucht, wird durch die Digitalisierung deutlich verändert. Statt „ewigem“ Rechtsschutz per Versicherung wird künftig Rechtsschutzservice „ad hoc“ abgerufen werden, so der Tenor auf einer Fachveranstaltung.

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Prämiensteigerungen und Verträge mit schlechtem Verlauf führen aktuell zu einer Kündigungswelle bei Rechtsschutz-Versicherungen. „Teilweise haben einzelne Versicherer Schadenquoten von bis zu 180 Prozent“, sagte Andreas Heinsen, Vorstand der Örag Rechtsschutz-Versicherung AG gestern auf der MCC-Fachkonferenz „Rechtsschutz-Versicherung 2017”.

Zahlreiche Versicherer würden schlecht verlaufende Verträge aufgeben. Gleichzeitig rechnet Heinsen damit, dass viele Kunden wegen höherer Beiträge auch selbst aus Rechtsschutzpolicen aussteigen werden.

Andreas Heinsen (Bild: Schmidt-Kasparek)
Andreas Heinsen (Bild: Schmidt-Kasparek)

So entfiel der Löwenanteil der aktuellen Beitragssteigerungen auf Prämienerhöhungen. 2016 hatten die Versicherer 3,8 Milliarden Euro an Beiträgen eingenommen, 5,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig stagniert die Zahl der Verträge seit drei Jahren bei 22,4 Millionen.

Trotzdem rechnet der Örag-Vorstand mit schwierigen Zeiten für die Branche. „Ich schätze, dass im Jahre 2020 rund ein Drittel der heutigen Rechtsschutzversicherer nicht mehr selbst am Markt aktiv ist“, sagte Heinsen.

Ein Drittel Marktbereinigung

Entweder würden die Unternehmen das Geschäft ganz einstellen oder nur noch an andere Gesellschaften Verträge vermitteln. Hohe Schadenquoten hätten sich viele Rechtsschutzversicherer über das Direktgeschäft in die Bücher geholt. So hätten vor allem Verträge, die aus Vergleichsportalen kämen, sehr schlechte Schadenverläufe.

„Das liegt daran, dass Kunden, die beispielsweise im Mietbereich oder im Beruf künftig Probleme erwarten, aktiv im Internet nach Rechtsschutz suchen.“ Dann könnten sie nach der Wartezeit, wenn der Vermieter oder der Arbeitgeber kündigt, kostenfrei streiten. Viel besser sei die Schadenquote, wenn Vermittler ihre Kunden anlassfrei beraten würden.

Große Probleme bereiten der Branche sogenannte „Zweckabschlüsse“. Dabei schließen Kunden, die künftig beispielsweise einem Bank-, Bauspar- oder Versicherungsvertrag widersprechen wollen, eine Rechtsschutz-Versicherung ab. Die Zahl der Kunden, die so handeln, hätte sich durch die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs durch eine ganze Anzahl von Entscheidungen zum Widerrufsrecht deutlich erhöht.

Zweckabschlüsse verhindern

Der Widerspruch würde dann erst nach Ablauf der Wartezeit eingelegt. Vielfach würden solche Verträge von Vermittler oder Makler „beraten“. Anwälte wären hier weniger aktiv. Versicherer versuchen nun, Zweckabschlüsse durch Ausschlüsse in den Bedingungen zu verhindern.

Nach Einschätzung von Joachim Cornelius-Winkler, Fachanwalt für Versicherungsrecht, müsste die streitauslösende Willenserklärung in den Bedingungen konkret benannt werden. Für Tatbestände wie Widerruf, Anfechtung und Kündigung von Verträgen könnte dann die Wartezeit auf ein Jahr verlängert werden. Eine solche Regelung sei transparent.

Große Veränderungen gibt es bei Rechtsdienstleistungen, die im Internet immer stärker automatisiert werden. So bieten Legaltechs – wie FragRobin AG, Advocado GmbH oder Financialright GmbH („myRight“) – ganz neue Geschäftsmodelle an.

Kooperationspartner der Versicherer

Diese Dienstleister versuchen, mit einfachem Rechtsrat oder Einschätzung der Erfolgsaussichten für einen Rechtsstreit Kunden zu gewinnen. Sie zielen auf die rund 70 Prozent der Deutschen, die laut einer Studie des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) nicht zum Anwalt gehen, weil sie das Kostenrisiko scheuen.

So erfasst FragRobin.de den rechtlichen Sachverhalt per Falldarstellung des Kunden, prüft die Plausibilität und entscheidet dann, ob es eine Erfolgsaussicht gibt. Umstritten ist, ob die Legaltechs gegen das Rechtsberatungsgesetz verstoßen. Sind Kunden nicht rechtsschutzversichert, arbeiten die Unternehmen auf Basis einer Erfolgshonorierung von rund 30 Prozent.

95 Prozent aller Kunden kommen bei FragRobin.de von Fremdseiten – wie Focus, Tagespiegel oder Facebook. Solche Dienstleister könnten Kooperationspartner der Rechtsschutzversicherer werden. „Statt 100 Euro müssen wir künftig 110 Euro Beitrag nehmen und zehn Euro in den Service investieren“, so Örag-Vorstandes Heinsen.

Wer drei Jahre keinen Kontakt mehr zu seinem Kunden habe, müsse damit rechnen, ihn zu verlieren. Versicherer, die jetzt nicht in mehr Service investieren würden, würden bald vom Markt verschwinden. Der Örag-Chef kündigte für sein Haus ein neues Service-Produkt für junge Leute an.

Leserbriefe zum Artikel:

+Wilfried Hartmann - Kunden werden in sinnlose Prozesse getrieben. mehr ...

Rainer Weckbacher - Deckungszusage zu diesem Klageweg? mehr ...

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Bausparen · Digitalisierung · Rechtsschutz · Social Media
 
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