Swiss Re: Einkommensströme statt nur Sachschäden absichern

25.9.2015 (€) – Der Swiss Re-Geschäftsbereich Corporate Solutions zielt mit seinem bislang vor allem auf Großkonzerne ausgerichteten Erstversicherungs-Angebot „Growth-surance“ zunehmend auch auf kleinere Industriekunden. Tony Buckle, der CEO Europe, Middle East & Africa, und Kuno Linder, Country Manager Germany, erläutern im VersicherungsJournal-Interview die Hintergründe dieser Strategie und die Idee dieses Konzeptes.

VersicherungsJournal: Herr Buckle, Herr Linder, beim jüngsten Industrie-Versicherungs-Kongress des DVS Deutscher Versicherungs-Schutzverband e.V. in München (VersicherungsJournal 11.9.2015) hat die Swiss Re ihr neues Konzept „Growth-surance“ stark in den Vordergrund gerückt. Seit wann gibt es das und was ist konkret darunter zu verstehen?

Tony Buckle (Bild: Müller)
Tony Buckle (Bild: Müller)

Buckle: Früher haben wir als Geschäftsbereich Corporate Solutions der Swiss Re hauptsächlich Mitversicherungen und Layer-Deckungen angeboten. Schon seit rund vier Jahren gehen wir nun zunehmend in den Erstversicherungs-Bereich.

Es handelt sich also nicht um etwas ganz Neues. Wir präsentieren uns damit jetzt jedoch verstärkt am Markt, zumal wir zugleich unsere Zielgruppe verbreitern wollen. Dafür bauen wir gerade unsere Struktur aus und bereiten uns darauf vor, ab Oktober auch in die Führung nationaler Programme zu gehen.

VersicherungsJournal: Wer ist die Zielgruppe?

Buckle: Bislang war dieses Konzept stark auf die großen, global tätigen Konzerne ausgerichtet. Aber das ändert sich gerade in Richtung Mittelstand.

VersicherungsJournal: Was heißt das beispielsweise in Umsatzgrößen oder Mitarbeiterzahlen der potenziellen Versicherungsnehmer?

Linder: Das beginnt derzeit ab etwa 200 Millionen Euro Jahresumsatz. Ist der Umsatz tiefer, sind wir aber durchaus in der Lage, über Facilities dem Makler zur Seite zu stehen.

Kuno Linder (Bild: Müller)
Kuno Linder (Bild: Müller)

Wir werden dies – auch hier ganz schweizerisch solide – jedoch allmählich tun und zunächst in vier Ländern, darunter Großbritannien und Deutschland, sowie uns zunächst auf die Bereiche Haftpflicht- und Sachversicherungen konzentrieren. In Deutschland sind wir jedoch heute schon in der Lage, Luftfahrtdeckungen auch in Führung anzubieten.

Daneben haben wir mit großem Erfolg unsere Angebotspalette um Surety-Versicherungen erweitert. Das Team sitzt in Frankfurt.

Der Bereich „Growth-surance“ ist jedoch auf große Unternehmen fokussiert. Denn da bieten wir ja eben keine Standardprodukte an, sondern Konzepte und Lösungen, die das Wachstum und die Einkommensströme unserer Kunden absichern.

VersicherungsJournal: Was bedeutet das konkret?

Linder: Nehmen wir als ein Beispiel die Hersteller von Aufzügen und Rolltreppen. Aufgrund der Wettbewerbssituation in diesem Markt verdienen sie kaum noch am Verkauf ihrer Produkte, wohl aber an deren laufender Wartung.

Fällt in der Zukunft – aus welchem Grund auch immer, denn es muss sich keineswegs immer um einen Sachschaden als Auslöser handeln – dieser Einkommensstrom aus den Wartungsverträgen weg, kann sich bei diesen Unternehmen ein Bilanzproblem ergeben, weil damit ihre ursprüngliche Kalkulation zusammenbricht.

Ähnliches gilt für Hersteller von Flugzeug-Triebwerken und für andere Branchen wie alternative Energien, den Landwirtschafts- oder Tourismussektor oder den gesamten Veranstaltungsbereich.

Solche Cash-flow-Risiken sichern wir mit „Growth-surance“ – zugeschnitten auf den individuellen Fall wie auf den „Risikoappetit“ des jeweiligen Kunden – sowohl durch klassische Versicherungslösungen wie durch alternative Formen des Risikotransfers ab. Um das tun zu können, müssen wir uns zusammen mit den Maklern und den Kunden die Risikosituation natürlich in jedem Einzelfall sehr genau ansehen.

Buckle: Deshalb gehört zu unserer Strategie ebenfalls, auch räumlich näher an die Kunden heranzugehen. Das spiegelt sich im Ausbau der lokalen Präsenz des Swiss Re-Geschäftsbereichs Corporate Solutions wider.

Noch vor fünf Jahren waren wir im Wesentlichen nur an unseren Hauptsitzen Zürich und London präsent. Inzwischen sind wir mit Niederlassungen von Madrid über Mailand und Paris bis Kopenhagen vor Ort – und eben auch in München und Frankfurt.

VersicherungsJournal: Viele der Branchen, die sie als Zielgruppe für „Growth-surance“ aufgezählt haben, sind von Ihren Wettbewerbern inzwischen ebenfalls mit speziellen Offerten ins Visier genommen worden. Was hebt das Angebot der Swiss Re Corporate davon ab?

Buckle: Wir können im Gegensatz zu vielen anderen insbesondere auf die große Expertise zurückgreifen, die wir aus dem Rückversicherungs-Bereich angesammelt haben. Aber meiner Meinung nach ist es durchaus gut, dass sich die Branche hier insgesamt bewegt, denn wir müssen unsere Industrie wegen der sich verändernden Versicherungsnachfrage wieder relevanter machen – weg von der reinen Commodity.

Viele unserer Kunden sind allein aufgrund ihrer schieren Größe problemlos selbst in der Lage, klassische Risiken wie einen Feuerschaden weitgehend selbst zu tragen. Aufgrund steuerlicher oder gesellschafts-rechtlicher Rahmenbedingungen ist es jedoch sehr häufig trotzdem nötig, die dafür notwendigen Rückstellungen auszulagern.

Sie erwarten daher entsprechende innovative Angebote der Assekuranz, zumal die von solchen Unternehmen früher in solchen Fällen oft eingesetzten firmeneigenen Captives unter Solvency II schwieriger werden. Und solche Offerten können durch mehr Wettbewerb nur befördert werden.

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