15.6.2017 (€) – Für die Arag-Gruppe lief das Geschäftsjahr 2016 dann doch besser als noch im Dezember erwartet. Der Verkauf der Arag Leben dürfte bald vollzogen sein. In der Bilanzpressekonferenz ging es zudem um die Solvenzquoten der Gruppe, Digitalisierungsprojekte und die Schadenfälle „VW-Abgas-Skandal“ sowie „fehlerhafte Widerrufsbelehrung bei Hypotheken“.
Für die Arag-Gruppe lief es 2016 besser als zu Jahresende erwartet (VersicherungsJournal 16.12.2016). Konzernweit stiegen die Bruttobeiträge um 4,4 Prozent auf 1,73 Milliarden Euro. Dabei nahmen die Beiträge in Deutschland entgegen dem Markttrend um 2,9 Prozent auf 1,13 Milliarden Euro zu.

- Paul-Otto Faßbender (Bild: Lier)
Und auch der heimische Rechtsschutz ist nun nach eigenem Bekunden nachhaltig auf den Wachstumskurs zurückgekehrt: Diese Sparte wuchs um 6,6 Prozent auf 308,9 Millionen Euro, berichtete Vorstandschef und Mehrheitseigner Dr. Paul-Otto Faßbender gestern in der Bilanzpressekonferenz.
Leben drückt noch
Infolge einer geringeren Kostenquote von 32,0 (Vorjahr: 32,5) Prozent sank die Combined Ratio auf 91,5 (92,3) Prozent und war damit anderthalb Prozentpunkte besser als erwartet.
Das heimische Rechtsschutzgeschäft ist allerdings noch defizitär mit einem versicherungs-technischen Verlust von 6,0 Millionen Euro nach negativen 22,4 Millionen Euro 2015.
Das Kapitalanlageergebnis erhöhte sich 2016 um 13,7 Prozent auf 240 Millionen Euro, wozu auch das Wachstum der Kapitalanlagen um fast sechs Prozent auf knapp 6,5 Milliarden Euro beitrug. Das Ergebnis der normalen Geschäftstätigkeit legte um mehr als 30 Prozent auf 87,0 Millionen Euro zu. Der Jahresüberschuss von 43 (29,2) Millionen Euro dient der Stärkung des Eigenkapitals.
Die Obergesellschaft Arag SE kam zum Jahresende 2016 auf eine Bedeckungsquote mit Solvenzkapital von 316 Prozent. In der Gruppe – der SFCR-Gruppenbericht wird am 1. Juli veröffentlicht – werde die Bedeckungsquote „deutlich klar“ über 200 Prozent mit Übergangsmaßnahmen liegen; ohne diese sollen es immer noch mehr als 150 Prozent sein.
Vollzug noch im Juni
Gedrückt wird die Quote durch den im Verkaufsprozess befindlichen Lebensversicherer, der selbst ohne jede Übergangsmaßnahmen auf eine Bedeckung von 43 Prozent kommt.

- Werner Nicoll (Bild: Lier)
Die Arag Leben soll an die Frankfurter Leben-Gruppe verkauft werden (VersicherungsJournal 23.9.2016). Weiteres Kapital habe man der Arag Leben nicht zugeschossen, so Vorstand Werner Nicoll.
Zur Haftung der Gruppe für den Lebensversicherer, verwies er darauf, dass die Kunden mit der Arag Leben Verträge geschlossen hätten und hier ja nun ein ganzes Unternehmen und nicht nur ein Bestand verkauft werde.
„Die Maßnahmen und Prozesse laufen so, wie sie sollten, so dass wir optimistisch sind, bei einer entsprechenden Genehmigung durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungs-Aufsicht (Bafin) zügig den Verkauf der Arag Leben abzuschließen“, sagte er. Er rechnet noch für Juni mit dem Votum der Aufsicht.
Stärkung durch Leben-Verkauf
Die Neuaufstellung des Konzerns durch den Verkauf des Lebensversicherungs-Geschäftes werde die Arag „klar stärken“. Der Wegfall von rund 214 Millionen Euro Leben-Prämie werde bis spätestens 2020 aufgeholt sein.
„Wir haben unsere Hausaufgaben erledigt und eine gute, belastbare Lösung geliefert, die in den Auswirkungen den Konzern bereits mittelfristig stärken wird“, so Faßbender.
Ohne Leben werde sich die Gruppensolvabilität „signifikant verbessern“. Wichtig sei, dass man dann die strategische Freiheit wieder erlangt habe und investieren könne – in Digitalisierungsprojekte oder möglicherweise auch Zukäufe von Rechtsschutzbeständen.
Video-Chats, Apps und Chatbots
Die Digitalisierung will Faßbender „strategisch aktiv für sich nutzen“. Als eher mittelständischer Versicherer könne man strukturelle Wettbewerbsnachteile gegenüber Großkonzernen durch Agilität wettmachen.
Schon jetzt zähle man 217.000 Online-Kunden; das sind elf Prozent des Gesamtkundenbestandes in Deutschland – vorwiegend in der Sachversicherung. „Großes Potenzial“ sieht Faßbender in der vor allem in der Zusatzversicherung aktiven Krankenversicherungs-Gesellschaft. „Das haben wir noch nicht einmal annähernd aktiviert“.
Im Bereich der Krankenversicherung bietet man seit März den Kunden eine ärztliche Konsultation über Video-Chats. Ende Mai wurde eine Gesundheits-App eingeführt, welche die Kunden selbst zur persönlichen elektronischen Gesundheitsakte erweitern können (VersicherungsJournal 3.3.2017, 8.6.2017). In der Reiseversicherung berate man via Chatbot – einem automatisierten, regelbasierten Sprachdialog. „Wir testen damit zunächst, wie der Verbraucher darauf reagiert“, so Faßbender.
Keine Versicherung
In den Benelux-Staaten und Frankreich will man den Kunden über eine „Legaltech-Einheit“ online juristische Dienstleistungen verkaufen. Dabei wird es sich nicht um eine Versicherungslösung handeln, sondern um ein Bezahlmodell für den Rat und die Dienste angestellter Rechtsanwälte.
Im ersten Halbjahr 2017 wuchs die Gruppe um voraussichtlich drei Prozent auf 937,5 Millionen Euro Beitrag; ohne das Lebensversicherungs-Geschäft hätte das Plus fünf Prozent betragen. Der heimische Rechtschutz legte um 5,1 Prozent zu.
Sorgen machen den Düsseldorfern die Schadenfälle aus dem VW-Abgasskandal und die Prozesse um die fehlerhaften Widerrufsbelehrungen bei Immobiliendarlehen. „Wir lehnen den Deckungsschutz nicht mehr wegen mangelnder Erfolgsaussichten ab. Nach über einem Jahr sollten die Mängel durch Nachbesserung behoben sein“, so Vorstand Hanno Petersen. Bisher waren die Zusagen verweigert worden, weil der Verkäufer immer erst das Recht auf Nachbesserung hat.
Es gebe bereits 1.040 Deckungszusagen für VW-Kunden in Deutschland und weitere 400 in Europa. „Täglich kommen fünf weitere hinzu“, so Petersen. Er rechnet mit insgesamt 2.000 Fällen, die den Rechtsschutzversicherer zwischen sechs und 15 Millionen Euro kosten werden. Bei den fehlerhaften Widerrufsbelehrungen der Banken habe man inzwischen 7.000 Deckungszusagen erteilt. Gerechnet wird hier mit einem Schaden von 20 Millionen Euro.




