Warum Deutschland die höchsten Flutschäden in Europa drohen

10.7.2026 – Die direkten Schäden, die im vergangenen Vierteljahrhundert durch die Elementargefahr entstanden sind, summieren sich europaweit auf 226 Milliarden Euro. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuell veröffentlichte Analyse. Demnach fällt die Schadensumme hierzulande durch „die hohe Konzentration wirtschaftlicher Werte in gefährdeten Regionen“ höher aus als in allen anderen europäischen Ländern.

Allianz Trade, Marke der Euler Hermes Deutschland Niederlassung der Euler Hermes SA, hat Zahlen zu möglichen Schäden durch Hochwasser in der Zukunft veröffentlicht. Laut der Studie „Europe under water“ (PDF; 1,8 MB) würde eine schwere Flut Deutschland auf Dreijahressicht einen zwölfstelligen Eurobetrag an Wirtschaftsleistung kosten.

„Ein Hochwasser ist zwar zunächst ein lokaler Schock, die ökonomischen Folgewirkungen erfassen jedoch die gesamte Volkswirtschaft“, erklärt Milo Bogaerts, CEO von Allianz Trade in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

„Neben den direkten und sichtbaren Schäden sind es vor allem die wirtschaftlichen Reaktionen wie ausbleibende Investitionen, geringere Einkommen und schwächeres Wachstum, die die Kosten von Flutereignissen in die Höhe treiben.“

Europaweit höchste Flutschäden in Deutschland

Die Analysten des international tätigen Kreditversicherers haben ermittelt, dass sich teure Hochwasser nicht nur hierzulande häufen. Europaweit lagen die Flutschäden in den fünf Jahren zwischen 2020 und 2025 bereits rund 40 Prozent über dem Wert im gesamten Jahrzehnt von 2000 bis 2009.

Sogar 184 Prozent sind es hingegen in Deutschland, wo zwischen 2000 und 2025 die im Vergleich aller europäischen Länder höchsten aufsummierten Hochwasserschäden zu verzeichnen waren.

Mit 69 Milliarden Euro (78,1 Milliarden US-Dollar) liegt Deutschland deutlich vor Italien und Spanien. Europaweit summieren sich die wirtschaftlichen Flutschäden seit 2000 auf 226 Milliarden Euro.

Hochwasser bremst Investitionen und Wachstum

Ursache für die besonders hohen Flutschäden hierzulande sind nach Angaben der Studienautoren nicht nur einzelne Extremereignisse wie die vor fünf Jahren vom Starkregen „Bernd“ ausgelöste Flutkatastrophe im Ahrtal (VersicherungsJournal 16.11.2021). Entscheidend für die hohe Schadensumme sei „auch die hohe Konzentration wirtschaftlicher Werte in gefährdeten Regionen“.

Demnach beeinflusst ein schweres Hochwasser besonders negativ die Investitionen von Unternehmen. Auf 11,9 Prozent taxieren die Analysten den Rückgang der Bruttoanlageinvestitionen in den Jahren bis 2030, falls es im kommenden Jahr eine schwere Flut in Deutschland gäbe.

Das entspräche einem Verlust von rund 83,6 Milliarden Euro. Damit verzeichnet Deutschland auch hinsichtlich ausbleibender Investitionen den höchsten absoluten Ausfall aller untersuchten Länder.

Mehrkosten und Einkommensausfälle für Haushalte

Für das deutsche Bruttoinlandsprodukt modellieren die Studienautoren insgesamt einen Rückgang um rund 0,7 Prozent beziehungsweise 108 Milliarden Euro. Denn neben direkten Sachschäden und verzögerten Investitionen komme es zu Produktionsunterbrechungen und gestörten Lieferketten.

Außerdem sorge die „weggespülte“ Kaufkraft für eine schwächere Konsumnachfrage der Verbraucher. Neben den Unternehmen geraten nämlich auch die privaten Haushalte unter finanziellen Druck. Reparaturkosten, Einkommensausfälle und steigende Lebenshaltungskosten belasten ihre verfügbaren Realeinkommen der Studie zufolge auf Dreijahressicht um rund 4,1 Prozent.

„Fluten treffen private Haushalte besonders stark“, sagt Hazem Krichene, Senior-Klimaökonom der Allianz SE. „Zum einen natürlich, weil das eigene Zuhause betroffen und teilweise die Existenz gefährdet ist. Zum anderen aber auch finanziell und über viele Jahre.“

Umsetzung konkreter Schutzmaßnahmen zu langsam

Milo Bogaerts (Bild: Allianz Trade)
Milo Bogaerts (Bild: Allianz Trade)

Entsprechend gehe auch der private Konsum zurück, so Krichene weiter. Für Deutschland führe ein schweres Flutereignis demnach zu einem aufsummierten Konsumverlust von rund 44 Milliarden Euro. Gleichzeitig steige das Preisniveau leicht um zusätzliche 0,5 Prozentpunkte an. Denn die beschädigte Infrastruktur und Lieferkettenengpässe schränken das Angebot von Waren und Dienstleistungen ein.

Laut Bogaerts wurden die Rahmenbedingungen in Deutschland zwar bereits verbessert. Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 wurden in Deutschland Frühwarnsysteme ausgebaut, das Klimaanpassungsgesetz verabschiedet und Hochwassergefahrenkarten überarbeitet (2.7.2026).

Dennoch gebe es „weiterhin erhebliche Defizite bei der Umsetzung konkreter Schutzmaßnahmen“. Ein Beispiel sei das nationale Hochwasserschutzprogramm: Von den seit 2013 geplanten Maßnahmen im Umfang von knapp sieben Milliarden Euro sind bislang lediglich rund 500 Millionen tatsächlich abgeflossen. „Zentrale Hindernisse sind vor allem langwierige Genehmigungsverfahren sowie die komplexe Aufgabenverteilung zwischen Bund, Ländern und Kommunen.“

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