Versicherungsbranche im Digitalisierungsfieber

1.6.2017 (€) – Informationstechnologie bestimmt immer mehr das Handeln und Denken in der Versicherungsbranche. Die Versicherer sind doppelt gefordert. Sie müssen Altsysteme für neue Anbindungen fit machen und kundenfreundliche digitale Strategien entwickeln, um nicht vom Kunden abgeschnitten zu werden.

Der digitale Wandel in der deutschen Versicherungswirtschaft läuft auf Hochtouren. Dabei gründen immer mehr Versicherer operative Einheiten, sogenannte Insurlabs, die digitale Serviceangebote entwickeln sollen. Dies zeigte sich gestern am zweiten Tag des MCC-Kongresses „Insurance Today and Tomorrow – Die Assekuranz zwischen antiker und digitaler Welt“ in Köln.

Andreas Nolte (Bild: Schmidt-Kasparek)
Andreas Nolte (Bild: Schmidt-Kasparek)

So betreibt die Allianz Deutschland AG zwei „agile“ Trainingscenter in München und Stuttgart. Hier sollen Kundenprobleme mit digitalen Mitteln gelöst werden.

„Früher dauerten IT-Projekte bis zu drei Jahre – und das Ergebnis war ungewiss. „Heute müssen Projekte in 100 Tagen weitgehend Praxisreife erlangen“, erläuterte Andreas Nolte, Chief Information Officer der Allianz.

Kein Telefon oder E-Mail

Möglich sei dies nur, wenn neue Anwendungen regelmäßig alle zwei Wochen von Verbrauchern oder dem Außendienst hinsichtlich ihrer Funktionalität geprüft würden.

Hohe Produktivität will die Allianz in ihren Insurlabs damit erzielen, dass die Teams während der Arbeitszeit weder telefonieren noch E-Mails bearbeiten müssen.

Nolte. „Zudem endet jeder Arbeitstag pünktlich um 18.00 Uhr, um Überarbeitungen zu vermeiden.“ Ziel der Versicherer ist es zudem, ihre Backend-Systeme so zu erneuern, dass neue Kunden-Apps problemlos angebunden werden können.

„Wir haben schon 20 Millionen Verträge umgestellt, müssen dies aber für 40 Millionen Verträge machen“, so Nolte. Trotzdem gilt die Allianz bereits als Speerspitze der Innovation. So hat das Unternehmen mit der IT-Erneuerung der Basissysteme schon 2006 angefangen.

Schwierige Balance

Demgegenüber hat der Talanx-Konzern noch deutlich mehr „Hausaufgaben“ zu machen. „Wir arbeiten derzeit an der schwierigen Balance zwischen notwendiger Renovierung und marktnaher Digitalisierung“, erläuterte Vorstandsmitglied Dr. Jan Wicke auf der Tagung.

In einer digitalen Roadmap sollen Projekt bevorzugt werden, die deutlich Kundenbedürfnisse befriedigen. So müssten Vermittler digital stark unterstützt werden, wenn sie am Markt noch eine Chance haben wollen.

Da sich die meisten Kunden erst einmal im Internet informieren würden, müssten die Vermittler im Internet „stattfinden“. Gleichzeitig stehen die Versicherer aber vor dem Problem, dass Insellösungen durch Insurlabs die Kultur des Gesamtunternehmens kaum beeinflussen.

„Doch die Transformation muss im Kern des Unternehmens stattfinden“, sagte der Allianz-Manager Nolte. Daher müsse die Geschäftsführung des Unternehmens die neue Art des Arbeitens mittragen.

Einen Schaden will keiner

Vor allem positive Ergebnisse würden hier helfen. Ein solches hat – gegen viele Widerstände in der Öffentlichkeit – die Generali Deutschland AG mit der Einführung der Gesundheits-App Vitality (VersicherungsJournal 24.6.2016) erzielt.

„Die App ist ein Gamechanger mit dem innovativen, ganzheitlichen Ansatz, den Kunden zu einem gesundheitsbewussten Leben zu motivieren“, sagte COO Rainer Sommer. Während bei Beitrag und Deckung die Interessen zwischen Kunden und Versicherern immer gegensätzlich seien, gelte dies nicht für den Schaden.

„Niemand möchte vor einen Baum fahren oder krank werden“, so Sommer. Daher sei Vitality ideal geeignet, den Kunden zu erreichen. Derzeit nehmen rund 9.000 Kunden, die eine Berufsunfähigkeits- oder Risikolebens-Versicherung abgeschlossen haben, an dem Programm aktiv teil. Zudem würden es rund 1.000 Vermittler nutzen. Sommer: „Nur wer von dem Programm überzeugt ist und selbst für die Gesundheit joggt, kann überzeugend verkaufen.“

Nach Erkenntnis der Generali sinkt die Schadenquote um 30 Prozent, wenn Menschen gesünder leben. Zudem sinke auch die Stornoquote um bis zu 15 Prozent, weil die Kunden mehr Kontakt zum Versicherer hätten. Sommer: „Hinter unserem Programm stehen somit harte wirtschaftliche Überlegungen.“

App übersetzt Fahrzeugschein

Das gilt auch für das Telematik-Angebot der Generali in der Autoversicherung. Es wurde aber schon jetzt, kurz nach dem Start, einem Relauch unterzogen und soll im Spätsommer erneut auf den Markt kommen. „Da ist nichts schiefgelaufen, aber unsere Erfahrungen sind andere als in Italien. Daher werden wir das Erlernte nun neu umsetzen“, so Sommer.

Großen Erfolg verspricht sich hingegen Michael Littig, Vorstand der Teckpro AG, von einem App-System, das Dokumente wie den Fahrzeugschein auf Basis eines Smartphone-Fotos in Versicherungsdaten übersetzen kann. „Die App für die Autoversicherung wird schon in allen Geschäftsstellen der Versicherungskammer Bayern eingesetzt“, so Littig am Rand der Konferenz.

Aktuell sei man mit 30 Prozent aller Versicherer im Gespräch. Auch ein Maklerpool werde das System von Teckpro einsetzen, um damit den Insurtechs Konkurrenz zu machen. Der Maklerpool wolle die App allen Vermittler an die Hand geben. Deren Kunden können dann ganz schnell über Fotos sämtliche Versicherungsdokumente übermitteln. Natürlich können auch Fremdverträge so digitalisiert werden, was ein hohes Verkaufspotenzial eröffnen könnte.

Produkt auf Basis von Blockchain-Technologie

Sehr geheimnisvoll gibt sich noch die IBM Deutschland GmbH. Noch im Sommer soll ein Versicherungsprodukt auf den Markt kommen, dass auf Blockchain-Technologie basiert. „Damit können zwei Partner in einer Cloud Dokumente sicher zertifizieren“, sagte Jürgen Huschens, Industry Technical Leader & CTO Insurance bei IBM.

Weitere Details dürfe der Techniker aber nicht verraten. Er stellte aber eine Medizinplattform vor, bei der Kranke automatisch über ihr Smartphone an die richtige Dosierung ihrer Medikamente erinnert werden. „Solche Plattformen könnten auch Versicherer betreiben“, sagte der IBM-Experte.

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