Marktbereinigung bei Insurtechs hat begonnen

12.9.2017 – Können digitale Geschäftsmodelle die etablierten Anbieter nachhaltig unter Druck setzen? Dieser Frage gingen Ende vergangener Woche in München die Teilnehmer des „GVNW Symposiums 2017“ nach. Große Konzerne setzen mittlerweile auf Zusammenarbeit mit den neuen Playern, meinten die Diskussionsteilnehmer. In der Industrieversicherung sei die Gründerwelle bisher nicht angekommen.

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Versicherer und Versicherungsnehmer diskutierten auf dem „GVNW Symposium 2017“ des Gesamtverbandes der versicherungsnehmenden Wirtschaft e.V. (GVNW, vormals DVS Deutscher Versicherungs-Schutzverband e.V.) Ende vergangener Woche in München die Entwicklung auf den internationalen Versicherungsmärkten (VersicherungsJournal 11.9.2017).

Ein Schwerpunktthema der Veranstaltung lag auf digitalen Geschäftsmodellen, mit denen Insurtechs auf den Versicherungsmarkt drängen. Welche Bedeutung haben sie für die Industrieversicherung und mit welchen Trends rechnet die Branche?

Makler besonders betroffen

Nikolai Dördrechter (Bild: Winkel)
Nikolai Dördrechter (Bild: Winkel)

„Im Vertrieb sind Insurtechs am aktivsten“, stellte Dr. Nikolai Dördrechter vom Zweitmarktportal Policen Direkt Versicherungs-Vermittlung GmbH fest. Diese seien besonders für Makler eine Gefahr, zumal dort der Altersdurchschnitt relativ hoch und damit die Affinität zu neuen Technologien recht niedrig sei, warnte Dördrechter.

Gleichzeitig führe der hohe Wettbewerb bei Online-Maklern auch schon zu Marktbereinigung bei diesen selbst. „In der Branche heißt es, Knip wurde notverkauft, da nicht rentabel“, stellte Dördrechter fest. Im Juni sorgte die plötzliche Fusion des Versicherungs-Start-ups Knip AG mit der niederländische Komparu B.V., einem Softwareanbieter für Vergleichsportale (VersicherungsJournal 3.7.2017), für Ernüchterung im Markt. Potenzial für weitere Insurtechs gebe es vor allem im B2B-Maklergeschäft.

Versicherungsprodukte dagegen sind für Insurtechs wegen der hohen Regulierungshürden ein schwieriges Terrain. Hier sind vor allem Start-ups mit dem Serviceversprechen „von versichert zu geschützt“ aktiv.

Digitale Newcomer versuchen, neue Kundensegmente anzusprechen, indem sie Deckungen mit Servicebausteinen ergänzen. Wenig Erfolgsaussichten sieht Dördrechter bei On-Demand-Insurance, also situativen Versicherungsdeckungen im deutschen Markt: „Für den Verbraucher kann ich kaum Nutzen erkennen“.

Versicherung ist eine der wenigen großen Branchen, die noch keinen weltweit agierenden Tech-Player hat.

Benno von Buchwaldt, Geschäftsführer der Liimex GmbH

Trend geht zu Kooperation statt Konfrontation

In der Branche zeichnet sich mehr Zusammenarbeit zwischen etablierten Unternehmen und Start-ups ab. Einige Versicherer haben Start-ups gekauft oder gegründet.

Auch bei den unabhängigen Insurtechs geht der Trend zu mehr Professionalisierung. Immer häufiger sind dort Experten aus der Versicherungsbranche tätig. Hauptschwäche vieler Insurtechs zu Beginn der Gründerwelle waren vor allem mangelhafte Vertriebskonzepte.

Die Versicherungsbranche ist ein Nachzügler in der Digitalisierung. Das liegt vor allem an der Komplexität, vielen manuellen Prozessen, lokalen Geschäftsmodellen, wenig Standardisierung über Produkte und Märkte hinweg und Auflagen der Regulierungsbehörden.

„Versicherung ist eine der wenigen großen Branchen, die noch keinen weltweit agierenden Tech-Player hat“, konstatiert Benno von Buchwaldt, Geschäftsführer vom Gewerbemakler Liimex GmbH. Buchwaldt sieht drei mögliche Erfolgsmodelle für Insurtechs: Massen-, Volumen- oder Nischengeschäft. Liimex selbst ist ein Nischenanbieter für kleine und mittlere Unternehmen.

Daten und Modelle sind digitalisierbar, Underwriting und Consulting nicht.

Leander Metzger, Berkshire Hathaway Specialty Insurance

Digitalisierung nicht alles in der Industrieversicherung

Eigentlich sollte Industrieversicherung nach Meinung der Teilnehmer ein lohnendes Ziel für ambitionierte Tech-Unternehmer sein: starke Margen, großes Volumen und relativ gute Datenverfügbarkeit. Buchwaldt sieht Innovations-Möglichkeiten in der Modularisierung von Produkten, meinte aber: „Insurtechs werden kurzfristig keine Rolle im Industrie-Versicherungsgeschäft spielen“.

Leander Metzger, zuständig für Sach, TV und Risk Engineering in Nord- und Mitteleuropa bei Berkshire Hathaway Specialty Insurance (BHSI), plädierte dafür, über Digitalisierung nicht die Qualifikation der Mitarbeiter zu vergessen: „Daten und Modelle sind digitalisierbar, Underwriting und Consulting nicht“.

Bei den großen Maklerhäusern sieht Thomas Olaynig, Deputy Chief Market Officer der Marsh GmbH Hausaufgaben vor allem bei der Digitalisierung von Daten, um sie optimal auswerten zu können.

Martin Winkel

Der Autor ist Diplom-Kaufmann und Journalist. Als Publizist hat er sich auf die Thematik Captives spezialisiert.

 
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