14.6.2017 (€) – Erschwernisse im Marktzugang und regulatorische Zersplitterung in Folge nationalistischer und protektionistischer Tendenzen, negative Effekte einer zurückkehrenden Inflation für die Versicherer, Risiken der „Cloud“, Wassermangel, unterschätzte Infektionskrankheiten: Das sind laut der neuen „Sonar“-Studie von Swiss Re sechs Risiken, die sich in absehbarer Zeit verwirklichen könnten – und besonders große Auswirkungen zeitigen würden.
Jährlich identifiziert die Swiss Re Ltd. in einer „Sonar“-Studie potenzielle Risiken, die sich in Zukunft entwickeln oder verändern könnten. In der am Dienstag veröffentlichten Ausgabe 2017 listet der Rückversicherer 20 solcher Risiken auf, die „schwer zu quantifizieren sind, bisweilen noch nicht vollständig verstanden werden und Branche wie Gesellschaft potenziell beeinflussen“, wie Swiss Re sagt.
Die Risikoliste ist wie gewohnt in zweierlei Hinsicht gegliedert: nach dem zeitlichen Horizont des möglichen Eintritts (null bis drei Jahre oder mehr als drei Jahre) und nach der Schwere der Folgen (groß, mittel, gering).
Sechs Risiken mit großem „Impact“
Sechs Risiken heben die Studienautoren als jene mit den größten möglichen Auswirkungen hervor. Vier davon könnten bereits relativ kurzfristig, in einem Zeitrahmen von bis zu drei Jahren, eintreten.
| Potenzielles Risiko | Beschreibung und mögliche Folgen | Zeitrahmen und Auswirkungsgrad |
|---|---|---|
| Basierend auf der „Sonar“-Studie der Swiss Re | ||
| Begrenzter Marktzugang – „Schutz des eigenen Gärtchens“ | Bei einer Zunahme nationalistischer und protektionistischer Tendenzen könnte der Marktzugang für alle Wirtschaftszweige schwieriger werden, die Versicherungsbranche eingeschlossen. „Die Kontrolle der Kapitalflüsse und die Förderung des Protektionismus über Regulierung könnte letztlich die Geschäftsmodelle der internationalen Unternehmen gefährden.“ Auf lange Sicht würden verminderte Diversifikationseffekte Versicherungen verteuern. | 0–3 Jahre hoch |
| Insellösungen – regulatorische Fragmentierung | Dieses Risiko hängt mit dem zuvor genannten zusammen. Eine abnehmende Lust an internationaler Koordinierung und Standardisierung würde zu einer regulatorischen Zersplitterung führen. Die Folgen: Risiken lassen sich weniger effizient „poolen“, die Kosten für die Implementierung regional unterschiedlicher Vorschriften steigen. Auch könnte die Fähigkeit der Versicherer leiden, „die Wirtschaftsaktivität zu unterstützen und stabilisierend auf die Finanzmärkte zu wirken“. | 0–3 Jahre hoch |
| Rückkehr der Inflation und ihre Folgen für die Versicherungs-Wirtschaft | Nach Jahren mit niedrigen Inflationsraten und Deflationsbefürchtungen seien „da und dort Zeichen eines Preisanstiegs [zu erkennen]“, konstatiert der Rückversicherer. „Inflation kann die Rentabilität von Versicherungs-Unternehmen beeinträchtigen, vor allem die langfristigen Verbindlichkeiten (Lebensversicherung, Krankenversicherung). Sie kann sich überdies nachteilig auf die Vermögensverwaltung auswirken.“ | 0–3 Jahre hoch |
| Cloud-Risikokumulierung | Daten werden in immer größerem Umfang in der „Cloud“ gespeichert – praktisch, aber, so die Swiss-Re-Analyse, auch mit Gefahren verbunden. „So steigt auch die Zahl der Risiken und die Möglichkeit, dass sich ein ‚perfekter Sturm‘ bildet, beispielsweise durch einen Cyber-Angriff oder einen Ausfall des Stromnetzes.“ Unter anderem wären Betriebsunterbrechung und Haftung für Datenverlust und Datenschutzverletzungen denkbare Konsequenzen. | 0–3 Jahre hoch |
| Wachsende Wasserknappheit | „Der Südwesten der USA leidet unter akutem Wassermangel. Auch in anderen Regionen ist das Wasser bereits heute knapp. In Zukunft werden noch mehr Regionen rund um den Globus von Wasserknappheit betroffen sein; etwa Südeuropa, der Mittelmeerraum, Afrika sowie Teile Asiens und Lateinamerikas.“ Die Studie sieht ein Spektrum an Risiken, das von großräumigen Bränden über (Produktions-) Einschränkungen in der Energie- und Landwirtschaft bis hin zu Massenmigration, humanitären Krisen und regionalen oder zwischenstaatlichen Konflikten reicht. | > 3 Jahre hoch |
| Erreger auf dem Vormarsch – unterschätzte Infektionskrankheiten | Es sei nicht die Frage, ob eine neue tödliche Infektionskrankheit auftreten wird, sondern wann – und wie gut die Gesellschaft darauf vorbereitet ist, damit umzugehen. „In einem Extremszenario sind Epidemien oder Pandemien von zentraler Relevanz für Anbieter von Lebens- und Krankenversicherungen als auch für die Finanzmärkte“, heißt es von Swiss Re. | > 3 Jahre hoch |
„Proaktive und vorbeugende Risikomanagementkultur schaffen“
„Zukünftige Risiken zu ignorieren ist keine Option, weder für die politischen Entscheidungsträger, die Versicherungsindustrie noch für die Gesellschaft als Ganzes“, kommentiert Patrick Raaflaub, Group Chief Risk Officer von Swiss Re die Studie. „Je früher wir uns an diese Veränderungen anpassen, desto besser sind wir vorbereitet.“
Der Wissensaustausch über einen „proaktiven Risikodialog, der die Interessengruppen miteinbezieht“, könne dazu beitragen, im Versicherungssektor eine „proaktive und vorbeugende Risikomanagementkultur“ zu schaffen, die ein diszipliniertes Eingehen von Risiken ermögliche. „Dies ist ein wichtiger Schritt, um die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft insgesamt zu stärken.“
Die Studie „Swiss Re Sonar – New emerging risk insights“ kann in englischer Sprache auf der Website von Swiss Re gelesen oder als PDF-Dokument heruntergeladen werden.




