Warnstreiks: 10.000 Angestellte legten die Arbeit nieder

20.6.2017 (€) – Die Vereinte Dienstleistungs-Gewerkschaft (Verdi) rief zum Streik auf und schätzungsweise 10.000 Angestellte folgten. In Mannheim legten über 60 Prozent der Beschäftigten die Arbeit nieder. Während sich in München nur ein Bruchteil aller Arbeitnehmer am Streik beteiligte, verdoppelte sich die Teilnehmerzahl in Bremen und Niedersachen im Vergleich zu Mitte Mai.

Am Montag wurde bundesweit die Versicherungsbranche bestreikt. Die angestellten Innen- und Außendienstmitarbeiter der privaten Versicherungswirtschaft wurden von der Vereinten Dienstleistungs-Gewerkschaft (Verdi) dazu aufgerufen, die Arbeit niederzulegen (VersicherungsJournal 16.6.2017).

Dies waren die zweiten Streiks der Branche in diesem Jahr (VersicherungsJournal 24.5.2017), nachdem die dritten Tarifverhandlungen Anfang Juni gescheitert waren. Bereits zu diesem Zeitpunkt hatte der Arbeitnehmer-Verhandlungsführer weitere und „verschärfte Streikmaßnahmen“ angekündigt (VersicherungsJournal 6.6.2017).

Kleiner Bezirk zeigt sich kämpferisch

In Mannheim nahmen 250 Innendienstler der Axa Versicherungs-AG und der Ergo Gruppe an den Streiks teil, erzählte Gewerkschaftssekretärin Katja Bronner vom Gewerkschaftsbezirk Rhein-Neckar auf Nachfrage des VersicherungsJournals.

Prozentual verweigerten demnach 62,5 Prozent der Mannheimer Versicherungs-Angestellten die Arbeit. „Wir sind ein kleiner Bezirk mit 400 Beschäftigten“, erläuterte Bronner weiter. Gerade diese kleineren Geschäftsstellen wären die ersten, die Sanktionen und Einsparungen zu spüren bekämen.

Auf der Kundgebung in der drittgrößten Stadt in Baden-Württemberg waren 120 Streikende anwesend, der Rest sei direkt zu Hause geblieben. „Die Stimmung war gut und kämpferisch. Alle Teilnehmer haben mir versichert, sie würden wieder streiken, wenn es notwendig ist“, erklärte die Gewerkschaftssekretärin.

Streiks in Mannheim (Bild: Katja Bronner)
In Mannheim streikten 250 von 400 Angestellten, 120 kamen zur Kundgebung
(Bild: Bronner)

Verdi München ist enttäuscht

In Bayern wurde „italienisch“ gestreikt, erzählte Bezirksfachsekretär Gregor Völkl auf Nachfrage der Redaktion. Das bedeutet ohne Kundgebung und ohne Demonstration. „Vor der Allianz wurden zusätzlich Streikposten eingerichtet, um die Kollegen noch vor der Arbeit von einer Teilnahme zu überzeugen.“

Hier wurden unter anderem die Allianz-Versicherungen, die Württembergische Versicherungsgruppe, die Ergo, die Axa, der Generali Konzern, die Versicherungskammer Bayern, die Munich Re AG, die Huk-Coburg-Versicherungen und die Alte-Leipziger-Versicherungen bestreikt.

Völkl schätzte, dass sowohl in München als auch in Nürnberg mindestens 600 Arbeitnehmer dem Aufruf zum Streik gefolgt seien. Als größter Versicherungsstandort Deutschlands hat München 30.000 Beschäftigte im Versicherungswesen. „Ich persönlich bin von der geringen Teilnahme schon etwas enttäuscht“, sagte der Bezirksfachsekretär im Telefonat mit dem VersicherungsJournal.

Streikposten Allianz (Bild: Gregor Voelkl)
Streikposten vor dem Allianz-Gebäude in München (Bild: Völkl)

Aufklärungsarbeit notwendig

Völkl vermutet, dass die geringe Teilnehmerzahl daraus resultieren könnte, dass die Angestellten in München womöglich besser verdienen als der Durchschnitt und deshalb zufriedener seien. „Viele wissen aber auch nicht, dass sie auch streiken dürfen, obwohl sie nicht gewerkschaftlich organisiert sind, oder kennen nicht alle Vorteile für die Beschäftigten, die Verdi erkämpfen will.“

In der Region, so meint Völkl, sei noch einige Aufklärungsarbeit seitens der Gewerkschaften notwendig. „Doch als ich hörte, dass deutschlandweit rund 10.000 Arbeitnehmer gestreikt haben, war das im Ganzen ein erfolgreicher Streiktag“, resümierte er.

Bremen und Niedersachsen verdoppelten Streikteilnehmerzahl

Mit 650 Streikteilnehmern in Hannover konnten die Gewerkschaften aus Bremen und Niedersachsen die Zahl der Arbeitsniederleger im Vergleich zu Ende Mai mehr als verdoppeln, berichtete Susanne Hylla, Gewerkschaftssekretärin des Verdi-Bezirks Bremen-Nordniedersachsen, auf Nachfrage des VersicherungsJournals.

Aus dem Stadtstaat reisten Angestellte der Öffentlichen Versicherung Bremen (ÖVB), der Allianz sowie angestellte Außendienstmitarbeiter der Generali in die Niedersächsische Landeshauptstadt.

Streikende vor dem Allianz-Gebäude in Hannover (Bild: Ina Niemerg)
Streikende vor dem Allianz-Gebäude in Hannover (Bild: Ina Niemerg)

Dort gab es drei Kundgebungen, bei der die Stimmung eindeutig gewesen sei: „Die Angestellten lassen sich das nicht mehr gefallen“, so Hylla. „Das war ein eindeutiges Warnsignal an die Arbeitgeber, ihre Beschäftigten endlich ernst zu nehmen.“ Sie ist sich zudem sicher, dass es – falls es zu weiteren Streiks käme – noch mehr Teilnehmer werden würden.

Das fordert Verdi für die Angestellten

Verdi fordert für die Beschäftigten im privaten Versicherungsgewerbe eine Erhöhung der Einkommen einschließlich aller Zulagen um 4,5 Prozent und 50 Euro mehr für die Auszubildenden in jedem Ausbildungsjahr.

Die Arbeitgeberseite hätte in der dritten Verhandlungsrunde ihr ursprüngliches Angebot nur geringfügig nachgebessert, meint die Gewerkschaft. Die angebotenen Gehaltssteigerungen beliefen sich über einen Zeitraum von drei Jahren auf Erhöhungen von durchschnittlich 1,1 Prozent pro Jahr. Bisher gibt es noch keinen neuen Verhandlungstermin.

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