Unternehmensnachfolge: Loslassen kann schwierig sein

24.7.2026 – Beim Übergang in den Ruhestand geht es für einen Unternehmer oft darum, seinen Betrieb zu einem angemessenen Wert zu verkaufen, aber auch, sich von seinem Lebenswerk zu verabschieden. Hilfreich ist hier ein schleichender Übergang, bei dem immer mehr Freiräume geschaffen und neue Perspektiven eröffnet werden.

Viele Versicherungsvermittler haben ein Unternehmen gegründet und ihr Leben lang aufgebaut. Sie kennen ihre Kunden oft seit Jahrzehnten, haben Familien über Generationen begleitet und waren zur Stelle, wenn Hilfe gebraucht wurde. Für sie ist der Beruf ein Teil der eigenen Persönlichkeit. Sie waren Vertrauensperson, Problemlöser und Kümmerer.

Lebenswerk zu einem angemessenen Wert verkaufen

Genau deshalb fällt die Agentur- beziehungsweise Maklernachfolge vielen schwerer, als sie zunächst erwartet haben.

Einerseits geht es um den wirtschaftlichen Aspekt: Zahlen, Verträge und Kaufpreis. Jeder möchte sein Lebenswerk zu einem angemessenen Wert verkaufen.

Zu den Überlegungen gehört auch, ob Kunden und Mitarbeiter dann in guten Händen sind. Wer jahrzehntelang Verantwortung getragen hat, möchte sicher sein, dass diese – oft als familiär gefühlte – Verantwortung in ähnlicher Weise ernst genommen wird (VersicherungsJournal Archiv).

Das ganz persönliche Loslassen des Unternehmens

Andererseits geht es auch um das ganz persönliche Loslassen des Unternehmens – während der Übergangszeit und danach. Die Übergangszeit kann unterschiedlich lang sein, je nachdem, ob das Unternehmen an einen Externen, einen Mitarbeiter oder ein Familienmitglied verkauft wird.

Im letzten Fall sollten sich Elternteil und Kinder auf ein Zieldatum innerhalb der kommenden drei bis fünf Jahre einigen. Das sorgt für Klarheit.

Es ist wichtig, diese Zeit zu strukturieren. Einerseits müssen aus den mitarbeitenden Kindern Unternehmer und Gestalter werden, die zunehmend die volle Verantwortung übernehmen – für Personalentscheidungen oder für die Unternehmensentwicklung, die immer mit Risiken verbunden ist. Je nach Ausbildung und bisherigem Werdegang sind fachliche Qualifikationen nachzuholen, oder es muss betriebswirtschaftliches und Managementwissen „gebimst“ werden.

Einen Coach zur Seite nehmen

Auch dem Inhaber steht eine Persönlichkeitsentwicklung bevor: Entscheidungen aus der Hand zu geben, als Leitwolf in die zweite Reihe zurückzutreten, anderes Denken zu akzeptieren und moderne Impulse für die Entwicklung des Unternehmens hinzunehmen, sind eine große Herausforderung für die ältere Generation.

Schließlich steckt deren Herzblut in dem Betrieb. Da diese Zeit des Wechsels sehr konflikthaft sein kann, ist es manchmal ratsam, sich einen Coach zur Seite nehmen. Dieser hilft den Älteren, Verantwortung loszulassen, und unterstützt die Jüngeren in ihrer Führungsrolle.

Schleichender Übergang kann sinnvoll sein

Vielen angehenden Ruheständlern schwebt die große Freiheit mit Reisen und Zeit für Hobbys vor den Augen. Doch ein wesentlicher Aspekt am Ende des Berufslebens ist vor allem für Unternehmer, dass sie viele Gestaltungsmöglichkeiten verlieren und damit viel Anerkennung und Bestätigung sowie die sozialen Kontakte.

Es kratzt erheblich am Selbstwert, wenn das Telefon nicht mehr klingelt, niemand mehr um Rat fragt und morgens kein Büro mehr auf mich wartet. Deshalb kann ein schleichender Übergang sinnvoll sein, etwa erst freitags nicht mehr zu arbeiten oder nur noch vormittags.

Da Versicherungsvermittler und ihre Kunden ein Vertrauensverhältnis haben, werden Kunden zudem lieber den „alten“ Unternehmer als die Jungspunde anrufen. Das ist eine Falle, denn durch die Hintertür wird so am „Alten“ festgehalten. An dieser Stelle benötigt es Klarheit, etwa indem der Kundenstamm klar getrennt wird und der scheidende Betreuer lernt, mit aller Freundlichkeit „Nein“ zu sagen und Anfragen an den Nachfolger weiterzuleiten.

Es ist wichtig, sich von dem Unternehmen zu verabschieden und bei aller Dankbarkeit für die berufliche Erfüllung und den Lebensunterhalt auch wirklich um diesen Verlust zu trauern.

Übergang in eine neue Lebensphase

Der schleichende Übergang hilft auch, den großen Freiraum schrittweise zu füllen. Denn ohne Aufgabe zu Hause zu sitzen, ist für jemanden, der sein Arbeitsleben lang etwas unternommen hat, vielleicht für ein paar Monate eine große Freude. Doch dann kommt die Unruhe und Unzufriedenheit.

Deshalb ist es wichtig, sich frühzeitig zu überlegen, wie man den neuen Lebensabschnitt gestaltet: sich oft mehr Zeit für die Familie und Enkel oder auch für Reisen zu nehmen. Ein altes Hobby wiederaufnehmen oder ein neues entdecken. Es kann auch sinnvoll sein, sich ehrenamtlich zu engagieren, etwa in Versicherungs- oder Unternehmerverbänden, um seine Erfahrungen an Jüngere weiterzugeben.

Loslassen bedeutet dann nicht, überflüssig zu werden, sondern eine Lebensphase bewusst abzuschließen und Platz für eine neue zu schaffen. Makler, die diesen Wandel annehmen, erleben die Unternehmensnachfolge weniger als Verlust, sondern als Übergang.

Jens Gieseler

Der Autor ist freier Kommunikationsberater und Journalist.

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