Raus aus der Komfortzone: Wie man aus der Erkenntnis ins Umsetzen kommt

1.7.2026 – Was man ändern sollte, ist meist bekannt. Dennoch fällt es schwierig, alte Gewohnheiten und damit auch Kontrolle abzugeben. Zudem liegt einem der kurzfristige Nutzen, der mit einem „weitermachen wie bisher“ verbunden ist, näher als der langfristige Nutzen durch Veränderung. Hier braucht es Zeit, Disziplin und Frustrationstoleranz, aber keinen Perfektionismus.

Jeder kennt das: Im Seminar oder bei einem Coaching wird klar, was man anders, besser machen könnte. Oder beim Lesen eines Buches oder eines Artikels findet man eine Idee, die man gerne umsetzen würde. Egal, was es ist: Aufgaben konsequenter delegieren. Schwierige Gespräche früher führen. Meetings klarer strukturieren.

Oft passiert dann – nichts! Kommt die Gelegenheit zur Umsetzung, ist sie längst vergessen. Oder: Man macht es zwei, drei Mal und dann schleifen sich die alten Gewohnheiten wieder ein. Drei Gründe machen den Weg von der Einsicht zur Umsetzung so schwer.

Erstens: Wissen verändert kein Verhalten

Besonders unter Zeitdruck und Stress greift unser Gehirn auf vertraute Muster zurück: „Das habe ich selbst schneller erledigt.“ Derartige Routinen haben sich über Jahre entwickelt, haben sich auch irgendwann mal bewährt und funktionieren automatisch.

Bildlich gesprochen: In unserem Gehirn gibt es breite Autobahnen (Verhaltensmuster) und bei Regen (Stress) rutschen wir in die Spurrillen und kommen nicht mehr raus. Das Gehirn funktioniert so, weil es Energie sparen will.

Zweitens: Veränderungen bedeuten mehr Unsicherheit

Wer Aufgaben delegiert, gibt Kontrolle ab. Und womöglich auch noch an einen „unpassenden“ Mitarbeiter. Die schreien angeblich alle nach mehr Verantwortung. Doch viele werden kleinlaut, wenn sie dann tatsächlich selbst entscheiden und handeln sollen.

Wer sich verändert, verlässt also seine Komfortzone. Der Verstand mag überzeugt sein, aber die Emotionen laufen Amok: „Was, wenn mein Mitarbeiter das nicht gut macht, dann bekomme ich das wieder von meinem Chef ab.“ Also neigen wir dazu, eher auf das Altbewährte zurückzugreifen.

Drittens: Diskrepanz zwischen kurzfristigem und langfristigem Nutzen

Gerade wer neue Verhaltensweisen ausprobieren möchte, muss erstmal mehr Aufwand betreiben. Es scheint deshalb effizienter, Dinge selbst und nach den eigenen Vorstellungen zu erledigen. Denn delegiere ich die Aufgabe, muss ich den Auftrag erklären und dann die ersten Male auch besprechen. Das dauert viel länger.

Kurzfristig spare ich also Zeit. Dass das aber mittelfristig Energie, Motivation und Entwicklungsmöglichkeiten im Team kostet, wird gerade in Stresssituationen nicht gesehen.

Es braucht Zeit, Disziplin und Frustrationstoleranz

Die Hürden für Veränderungen sind also relativ hoch. Hinzukommt, dass wir von unglaublich vielen Informationsquellen umgeben sind, die uns alle erzählen, was alles noch für uns gut wäre. Wir sehen deshalb oft den Wald vor lauter Bäumen nicht. Spricht: Haben so viele gute Ideen im Kopf, dass wir uns nicht für eine entscheiden können. Oder für alle gleichzeitig. Oder wir wechseln zu schnell von einer Idee zur anderen. Und alles bleibt beim Alten.

Verhaltensweisen, die wir jahrelang eingeübt haben, lassen sich nicht in wenigen Tagen ändern. Es braucht Zeit, Disziplin und Frustrationstoleranz.

Ändern Sie immer nur eine Sache gleichzeitig

Sie haben ein tolles Buch gelesen oder kommen aus einem inspirierenden Workshop wieder: Der Kopf ist voller Ideen. Setzen Sie sich in aller Ruhe hin, schreiben Sie eine Liste mit allen Ideen auf und entscheiden Sie, welche Idee Sie momentan am meisten anspricht. Experten empfehlen zudem, mit dem Umsetzen innerhalb von 72 Stunden anzufangen, sonst geht höchstwahrscheinlich die Motivation verloren.

Und nehmen Sie nicht gleich die Idee, mit der Sie Ihr gesamtes Versicherungsbüro auf den Kopf stellen, sondern eine kleine Aufgabe, die Sie wirklich umsetzen. Realisierung motiviert übrigens: Wer viele kleine Dinge umsetzt, ermutigt und befähigt sich selbst. Oder wie Willens-Titan Oliver Kahn sagt: Der Wille funktioniert wie ein Muskel. Also sollte man ihn trainieren.

Beispielsweise möchten Sie öfter Aufgaben delegieren. Nehmen Sie sich vor, in den nächsten zwei Wochen jeden Tag mindestens eine Aufgabe bewusst an einen Mitarbeiter zu übertragen. Nehmen Sie sich jeweils die Zeit, die Aufgabe und die Zielsetzung zu besprechen.

Stellen Sie fest, wie Mitarbeiter die Aufgabe gelöst haben. Seien Sie offen, wenn es kreative und bessere Lösungen gibt. Greifen Sie ein, wenn es notwendig ist. Und lassen Sie die Aufgabe dann tatsächlich los. Wichtig: Erst wenn dieses Verhalten Ihnen zur Gewohnheit geworden ist, und das dauert in der Regel drei Monate, nehmen Sie sich das nächste Umsetzungsvorhaben vor.

Verbinden Sie neue Gewohnheiten mit bestehenden Routinen

Neue Verhaltensweisen bleiben leichter bestehen, wenn sie mit einer bereits vorhandenen Routine verbunden werden. Dadurch müssen Sie nicht jedes Mal neu daran denken.

Sie haben beispielsweise einen wöchentlichen Jour fixe für alle Mitarbeiter. Dann stellen Sie sich vor dem Meeting jedes Mal die Frage: „Welche Aufgabe kann ich heute an mein Team abgeben?“

Sie können sich das erleichtern, wenn Sie die Frage gleich in den Termin eintragen. So ploppt die Frage gleichzeitig mit dem Termin hoch und Delegation nach und nach zu einem Bestandteil Ihres Führungsalltags. Ihnen muss nicht jedes Mal etwas einfallen. Aber Sie müssen jedes Mal darüber nachdenken!

Bewahren Sie sich Frustrationstoleranz

Bei aller Konsequenz, die Ihnen vielleicht eigen ist: Veränderung verläuft selten geradlinig. Rückfälle in alte Muster gehören dazu. Spätestens in stressigen Zeiten „verlangt“ das Gehirn nach Energieeinsparungen – und Sie sind eher bereit, gewisse Dinge wieder selbst zu erledigen. Das ist menschlich.

Wichtig ist jetzt, nicht aus lauter Frustration alles neu Erworbene über den Haufen zu werfen. Das klingt nach Strafe und zurück zum Anfang. Das mag sich in dem Moment tatsächlich so anfühlen („Ich schaff‘s einfach nicht“). Aber es stimmt de facto nicht, denn eine Zeit lang ist Ihnen gelungen, zu delegieren.

Wenn derartige Gefühle die Führung übernehmen wollen, machen Sie einen Realitätscheck: Es fühlt sich so an, dass ich es nicht schaffe, aber stimmt das wirklich?

Nicht in alte Gewohnheiten zurückrutschen

Es geht nicht darum perfekt, zu werden, sondern um die Bereitschaft, über das eigene Verhalten regelmäßig nachzudenken und daraus zu lernen: „Ah, kein Wunder, der eine Mitarbeiter ist im Urlaub, die andere ist krank und im Büro herrscht hoher Arbeitsdruck.“

Und weiter: „Natürlich nehme ich wieder Aufgaben in die Hand, die eigentlich nicht mehr meine sein sollten. Okay. Offensichtlich müssen wir die Vertretung künftig besser organisieren. Und einen kleinen Teil der Aufgaben muss ich in derartigen Situationen auch wirklich erledigen.“

So rutschen Sie nicht in die „Spurrille“ der alten Gewohnheit, Aufgaben selbst zu erledigen, sondern entscheiden sich bewusst: In dieser Situation ist es gut und notwendig.

Jens Gieseler

Der Autor ist freier Kommunikationsberater und Journalist.

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