12.5.2011 (€) – Der Bundesverband Erneuerbarerer Energie e.V. (BEE) hatte Ende vergangenen Jahres bei der Versicherungsforen Leipzig GmbH eine Studie in Auftrag gegeben, um die reellen Kosten einer Haftpflichtversicherung für Atomkraftwerke zu ermitteln. Real sind die Risiken, die aus dem Betrieb eines Atomkraftwerks (AKW) resultieren, nicht versicherbar. Ein Super-GAU könnte der Studie zufolge über sechs Billionen Euro kosten.
Atomkraft-Risiken werden nicht vollumfänglich versichert. Dadurch würden die wahren Kosten der Atomkraft ausgeblendet, kritisierte BEE-Geschäftsführer Björn Klusmann vor der Presse in Berlin. Deshalb seien viele Vergleiche zu den Kosten der erneuerbaren Energien unfair.
„Als wir die Studie im Dezember vergangenen Jahres bei den Versicherungsforen in Auftrag gegeben haben, hätte niemand für möglich gehalten, dass die berechneten Szenarien mit den Ereignissen in Fukushima so schnell brutale Wirklichkeit werden“, sagte Klusmann. Diese Erkenntnis sei ein triftiges Argument mehr, jetzt zügig den Ausstieg aus der Atomkraft zu vollziehen und konsequent auf 100 Prozent Erneuerbare Energien umzusteigen.
Potenzielle Schadenhöhe bei 6,09 Billionen Euro
-

- Markus Rosenbaum (Bild: Brüss)
Der Studie zufolge könnte sich bei einem Super-Gau in einem der 17 deutschen AKWs ein Maximalschaden (inklusive Sicherheitszuschlag) von 6,090 Billionen Euro ergeben, wie Geschäftsführer Markus Rosenbaum erläuterte.
Im vergangenen Jahr lag das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland, das die Summe aller erzeugten Waren und Dienstleistungen ausdrückt, nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes bei 2,498 Billionen Euro. Ein solches Unglück könnte folglich die 2,4-fache Wirtschaftsleistung der Bundesrepublik kosten.
Bei den Grundannahmen stützen sich die Versicherungs-Wissenschaftler auf vorhandene Analysen über mögliche Schadenvolumina. So wird etwa das Schadenmaß tödlicher Krebsfälle in einer Spanne zwischen 80,5 Milliarden Euro und 7,5 Billionen Euro sowie das nicht-tödlicher Krebsfälle mit 74,5 Milliarden Euro und 1,23 Billionen Euro angegeben. Zudem wurden unter anderem Kosten für Evakuierung und Umsiedlung sowie Wachstumsverluste der geräumten Zone berücksichtigt.
Atomstrom müsste vier Euro je kWh teurer sein
Unterstellt wird in der Studie eine unbegrenzte Haftungshöhe. Um eine Deckungssumme von 6,09 Billionen Euro aufbauen zu können, müsste beispielsweise für ein AKW bei einer Laufzeit von 50 Jahren eine Jahresprämie von 72 Milliarden Euro geleistet werden. Über eine Laufzeit von nur noch zehn Jahren wären es unvorstellbare 556,2 Milliarden Euro jährlich.
Wenn man alle 17 AKWs als Kollektiv versichern würde, würde sich ein Preisaufschlag je Kilowattstunde (kWh) von 0,51 Euro bei 50-jähriger Laufzeit ergeben. Bei zehnjähriger Absicherung würde sich der Strompreis um 3,96 Euro je kWh verteuern.
Praktisch seien nukleare Katastrophenfälle nicht versicherbar, sagte Rosenbaum. Die Größe des Risikokollektivs sei zu klein, der zu erwartende Maximalschaden extrem hoch und die Wahrscheinlichkeit kaum abschätzbar.
Letztlich muss der Bund für Schäden einstehen
-

- Dirk Harbrücker (Bild: Brüss)
Über die tatsächliche Absicherung informierte der Geschäftsführer der Deutsche Kernreaktor-Versicherungsgemeinschaft (DKVG), Dirk Harbrücker. Für eine unbegrenzte Haftung treten danach Versicherungen im Volumen von rund 256 Millionen Euro ein. Und in einem weiteren Volumen von 2,244 Milliarden Euro für jedes Schadenereignis haben sich die vier in Deutschland tätigen Kernkraftwerks-Betreiber gegenseitig Garantien gegeben.
Die von den Kernkraftwerks-Betreibern für die 17 AKWs zu leistenden Versicherungsprämien liegen bei unter 20 Millionen Euro im Jahr, wie Harbrücker erläuterte. Der Gesetzgeber habe die Rahmenbedingungen so gesetzt.
Die Bundesregierung würde eine Vereinheitlichung des Atomhaftungsrechts innerhalb der Europäischen Union begrüßen, wie aus einer Antwort auf eine Kleine Anfrage von Bündnis 90/Die Grünen hervorgeht (Bundestagsdrucksache 17/3371). Die Fraktion hatte wissen wollen, wie die Haftung bei einem AKW-Unfall in einem Nachbarland aussehen würde.




