Online-Selbsttest verschafft bessere Risikowahrnehmung

23.3.2021 (€) – Ihre persönlichen Risiken schätzen viele Menschen falsch ein. Nun wurde ein Risiko-Selbsttest, der auf einer wissenschaftlichen Studie basiert, ins Netz gestellt. Verbraucher können damit auch checken, ob ihr Versicherungsschutz sinnvoll, übertrieben oder an einigen Stellen lückenhaft ist. Das Tool kann zudem Vermittlern bei der Beratung nützlich sein.

Exponentielles Wachstum spielt in der Corona-Pandemie eine besondere Rolle. Denn werden mehr als ein Mensch durch einen Infizierten angesteckt, ist die Pandemie wieder auf dem Vormarsch. Am 20. März 2021 lag der Reproduktionswert, auch R-Wert genannt, laut dem Robert-Koch-Institut bei 1,18. Das bedeutet, dass 100 Infizierte 118 weitere Menschen anstecken.

„Der Umgang mit großen Zahlen und exponentiellen Trends entzieht sich aber weitgehend dem menschlichen Vorstellungsvermögen“, sagt Professor Horst Müller-Peters vom Institut für Versicherungswesen an der Technischen Hochschule Köln.

Diese Erkenntnis kann jetzt jeder selbst testen. Der Wissenschaftler hat gemeinsam mit Professorin Dr. Nadine Gatzert, die an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Versicherungswirtschaft und Risikomanagement unterrichtet, den Selbsttest „Kenne-Dein-Risiko“ entwickelt.

Risikoeinschätzung beeinflusst Vorsorge

Unter anderem wird im Test gefragt, wie sich die Nutzerzahl einer App im Verlauf von fünf Jahren entwickelt, wenn jeden Monat zu den aktuell 20 Personen 20 Prozent hinzukommen. „61 Prozent unterschätzen den korrekten Wert“, stellt Wissenschaftler Müller-Peters fest. Denn die Zahl der Nutzer liegt dann deutlich über einer Million.

Wer seine Risiken unrealistisch einschätzt, ist auch schnell vollkommen falsch versichert. Denn er trifft wohlmöglich Vorsorge für Ereignisse, deren Eintreten statistisch unwahrscheinlich ist. Ganz alltägliche Risiken dagegen, die zu unserem normalen Leben sozusagen dazugehören, bleiben ungeschützt.

Häufige Ereignisse unterschätzt

Wie schwierig die reale Einschätzung von Risiken ist, zeigt der Eigentest, bei dem lediglich bei 14 von 30 Fragen die Antwort korrekt war. Das ist aber nach Aussage der Wissenschaftler noch besser als der Durchschnitt der Bevölkerung, der nämlich nur 9,5 richtige Antworten schafft.

Der Selbsttest geht auf die Studie „Todsicher: Die Wahrnehmung und Fehlwahrnehmung von Alltagsrisiken in der Öffentlichkeit“ zurück, die schon 2016 veröffentlicht wurde. Die Daten für den Selbsttest wurden aber 2020 aktualisiert.

Vor allem die Wahrscheinlichkeit „medienwirksamer“ Ereignisse, wie Terroranschläge, wird deutlich überschätzt. Häufige Ereignisse werden von der Bevölkerung hingegen oft unterschätzt. Das gilt etwa für Sachschäden, Eigentumsdelikte oder Brand- und Leitungswasserschäden.

Viel zu gering schätzen die Menschen zudem die Gefahr ein, als Kläger oder Angeklagter vor dem Kadi zu landen. Gleichzeitig wird auch das Risiko einer Berufsunfähigkeit häufig unterschätzt. Insgesamt werden 40 Prozent der Erwerbstätigen vor Erreichung des Rentenalters berufsunfähig. Mehr als die Hälfte der Frauen unterschätzt die eigene Lebenserwartung.

Persönliche Betroffenheit entscheidend

„Dabei zeigt sich aber, dass die persönliche Betroffenheit sich sehr stark auf die realistische Einschätzung auswirkt. Das Risiko rückt dann deutlich stärker ins Bewusstsein“, erläutert Müller-Peters. Dafür ist der Selbsttest ein interessantes Vehikel. Die 30 Fragen lassen sich in rund fünf Minuten beantworten. Praktisch ist, dass der Tester nach jeder Frage sofort ein Ergebnis erhält. Die richtige Antwort wird immer mit Fakten und Quellen belegt.

Persönliche Daten werden zudem nicht abgefragt. Trotzdem ist es etwas peinlich, dass ausgerechnet der Website „Kenne-Dein-Risiko“ ein Sicherheitszertifikat fehlt und sie somit „als nicht sicher“ angezeigt wird. Das wollen die Wissenschaftler nach einem Hinweis des VersicherungsJournals nun aber schnell ändern.

Zudem sind sie laut Müller-Peters damit einverstanden, wenn etwa ein Versicherungsmakler auf die Seite verlinkt. „Mit dem Selbsttest wollen wir ja auf spielerische Weise zur Aufklärung und damit auch zu rationalerer Risikoeinschätzung und intelligenterem Absichern beitragen“, sagt Müller-Peters.

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