16.3.2026 – Während Versicherungskonzerne in ihren Geschäftsberichten mit ESG-Initiativen glänzen, herrscht an der Basis – in den Agenturen und Maklerbüros – oft noch ohrenbetäubende Stille. Mit der neuen EU-Richtlinie EmpCo werden die wenigen Initiativen der Versicherer und Makler ab diesem Herbst rechtlich fragwürdig. Eigene Logos und individuell abgestimmte Kriterien für Zertifikate werden zum rechtlichen und wirtschaftlichen Risiko. Ein Gastbeitrag von Christian Metten, Geschäftsführer von Reimagine 2050.
Die Versicherungsbranche ist im Kern eine nachhaltige Idee: Sie schützt Existenzen und bewahrt vor dem finanziellen Ruin durch unvorhergesehene Schäden. Doch wenn es um die eigene Aufstellung geht, agiert der Vertrieb erstaunlich zögerlich.

Ein Blick auf die Zahlen verdeutlicht das Problem: Laut Statistik der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) gibt es in Deutschland exakt 178.791 registrierte Versicherungsvermittler, darunter knapp 47.000 unabhängige Makler (Stand: Januar 2026).
Wie viele davon ihren eigenen CO2-Fußabdruck kennen und reduzieren? Branchenschätzungen und Studien legen nahe: Es sind deutlich unter ein Prozent. So zeigte etwa eine Untersuchung von Asscompact, dass sich in der Vergangenheit gerade einmal 2,9 Prozent der Vermittler zu Fachberatern für nachhaltiges Versicherungswesen zertifizieren ließen.
Auch eine Studie der Pricewaterhousecoopers GmbH (PWC) aus dem Jahr 2025 belegt: ESG wird an der Basis meist nur als regulatorische Abfragepflicht verstanden, nicht als Konzept für den eigenen Betrieb. Dabei liegen die Argumente für glaubwürdige Maßnahmen längst auf dem Tisch – und der betriebswirtschaftliche Nutzen ist einfach kalkulierbar.
Spätestens mit der CSRD der EU wird Nachhaltigkeit bei den meisten Unternehmen ankommen. Auch wenn Vermittlerbetriebe nicht direkt berichtspflichtig sind, gibt es bereits heute Rückfragen und Ausschreibungsinhalte von Firmenkunden an deren „Versicherungszulieferer“ bezüglich deren CO2-Emissionen. Laut PWC bereiten sich über 70 Prozent der berichtspflichtigen Unternehmen darauf vor, ESG-Daten von ihren Dienstleistern einzufordern.
Ein Makler, der seine Klimabilanz kennt, wird vom Verkäufer zum strategischen Partner auf Augenhöhe. Zudem wird in der gewerblichen Sachversicherung die kompetente Beratung zur Schadenverhütung (zum Beispiel durch klimaresiliente Bauweisen) zum zentralen Qualitätsmerkmal. Wer selbst nachweislich nachhaltig wirtschaftet, berät bei Klima-Risiken ungleich authentischer.
Neben dem Gewerbegeschäft ist die Absicherung junger Familien für Vermittler häufig attraktiv. Diese Zielgruppe, primär Millennials und Gen Z, verknüpft die langfristige finanzielle eigene Absicherung und die Versorgung ihrer Kinder zunehmend mit der Zukunftsfähigkeit und den Werten des Anbieters.
Eine aktuelle Studie der Horváth AG zum Kundenverhalten in der Assekuranz belegt, dass 31 Prozent der Kunden eine hohe Wechselbereitschaft aufweisen, wenn der Versicherer nicht ESG-konform agiert. Auch Untersuchungen der Swiss Life Deutschland-Gruppe bestätigen den Wunsch junger Generationen nach nachhaltig ausgerichteter Vorsorge.
Agiert der Versicherungsvertrieb aber sichtbar gegensätzlich, entsteht ein Authentizitätsproblem. Nachhaltigkeit auf Vermittlerebene ist bei dieser Zielgruppe kein reines Marketingthema mehr, sondern hilft für einen glaubwürdigen Beratungsansatz.
Die Überalterung der Branche ist bekannt, der Kampf um junge Talente hart. Für die neue Generation ist ein glaubwürdiges Nachhaltigkeitskonzept heute ein härterer Recruiting-Faktor als der klassische Dienstwagen. Der „Gen Z and Millennial Survey“ der Unternehmensberatung Deloitte zeigt, dass für über 50 Prozent der jungen Talente die Sinnhaftigkeit (Purpose) ausschlaggebend für die Jobwahl ist.
Der „Recruiting Report“ des Jobportals Stepstone untermauert dies für den DACH-Raum: 76 Prozent der Befragten geben an, dass Nachhaltigkeit ein wichtiges Thema bei der Arbeitgeberwahl ist. Finden Bewerber auf der Agentur- oder Makler-Website nur Floskeln, bewerben sie sich erst gar nicht.
Oft fehlt der Mut zur Umsetzung, weil zentrale Vorgaben der Versicherer ausbleiben. Dabei sind Maßnahmen greifbar und wirtschaftlich lukrativ – zwei Beispiele:
Warum kommunizieren Vermittler ihre kleinen Schritte oft nicht? Die Angst vor dem Vorwurf des „Greenwashings“ lähmt. Zu Recht, denn die Spielregeln ändern sich gerade radikal.
Die EU-Richtlinie EmpCo (Empowering Consumers for the Green Transition), die Verbraucher vor irreführender Werbung schützen soll, wurde in Deutschland in das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb überführt und tritt am 27. September 2026 in Kraft.
Die Konsequenz: Vage Werbeaussagen wie „klimaneutral“, die sich rein auf den Kauf von CO2-Zertifikaten (Kompensation) stützen, oder unbelegte Behauptungen wie „umweltfreundliche Agentur“ werden unzulässig und abmahnfähig.
Wenn schwammige Werbeaussagen im September vom Markt verschwinden, gehört die Bühne denjenigen, die echte Beweise liefern. Der einzige zukunftssichere Ansatz ist kompromisslose Transparenz. Der erste glaubwürdige Schritt ist eine Klimabilanz (Corporate Carbon Footprint) für das eigene Unternehmen – egal, wie klein der Betrieb ist.
Es geht nicht um sofortige Perfektion. Es geht darum, den Ist-Zustand ehrlich zu messen, transparent zu kommunizieren und sich nachvollziehbar auf den Weg der Reduktion zu machen. Wer seinen CO2-Fußabdruck kennt und sichtbare Maßnahmen umsetzt, schließt Greenwashing systematisch aus.
Der Autor ist Geschäftsführer der Reimagine 2050 GmbH und war zuvor mehrere Jahre in leitender Position bei einem europäischen Versicherer beschäftigt. Sein Unternehmen berät KMU in Fragen der Nachhaltigkeit wie Berichtspflichten sowie in der betrieblichen Umsetzung von ESG-Anforderungen.
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