26.8.2025 (€) – Die Bundesregierung streitet über eine mögliche Reform der Rentenversicherung. Dabei geht der Riss mitten durch die Parteien: Während die Junge Union die Rente mit 70 fordert, lehnt Nordrhein-Westfalens Sozialminister Karl-Josef Laumann (CDU) eine solche Erhöhung des Renteneintrittsalters ab. Die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer warnt vor einem möglichen Kollaps der Sozialsysteme, wenn Reformen ausbleiben.
Die gesetzliche Rente muss nach Ansicht der Regierungskoalition reformiert werden – aber wie, und wer zahlt dafür? Anfang August billigte das Bundeskabinett einen Gesetzentwurf, der das Rentenniveau bis 2031 bei 48 Prozent sichern und die Mütterrente für Kinder vor 1992 ausweiten soll (VersicherungsJournal 7.6.2025).
Laut Referentenentwurf des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales verursacht die Reform Mehrkosten von 14,9 Milliarden Euro im Jahr 2030, die bis 2040 auf 20 Milliarden Euro steigen.
Eine grundlegende Reform der Rentenversicherung, die langfristig Kosten senken könnte, fehlt bislang. Die schwarz-rote Koalition hat diese auf die lange Bank geschoben – eine Kommission soll laut Koalitionsvertrag Konzepte für eine umfassende Rentenreform erarbeiten.
Die Sozialversicherungen sind nicht zukunftsfest. (…) Wenn die Regierung nichts tut, wird der Kollaps unweigerlich kommen.
Professorin Dr. Monika Schnitzer, Sachverständigenrat
Wirtschaftsweise mahnt Reformen an

- Monika Schnitzer (Bild: Uwe Voelkner)
In einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) warnte am Montag Professorin Dr. Dr. Monika Schnitzer, Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, die Bundesregierung vor zu langer Untätigkeit.
Schnitzer räumte ein, dass der Fokus der Regierung zunächst auf außenpolitischen Themen gelegen habe – etwa dem Ukrainekrieg und Trumps Zollpolitik. Bei Wirtschaftsthemen „hat sie einiges in Aussicht gestellt und ist auch schon einiges angegangen, der große Wurf fehlt aber noch“, sagte die Ökonomin dem RND.
Bestimmte Themen würden dauern, weshalb sie der Regierung noch ein bisschen Schonzeit zugestehen würde. „Dann aber muss sie die versprochenen Reformen wirklich auf den Weg bringen“, mahnt Schnitzer.
Die Sozialversicherungen müssten einen Schwerpunkt bilden, denn „die sind nicht zukunftsfest. Das Verhältnis von Jung zu Alt verschlechtert sich immer weiter und die Baby-Boomer gehen jetzt erst in Rente“, sagt die 63-Jährige. Es werde immer schwieriger, die Rentenzahlungen aus den Beiträgen der Arbeitenden zu finanzieren. „Wenn die Regierung nichts tut, wird der Kollaps unweigerlich kommen.“
Viele haben ein Sparbuch oder eine Lebensversicherung und damit Produkte, die wenig Rendite abwerfen.
Monika Schnitzer
Lieber Aktienmarkt als Lebensversicherung
Einen Baustein für ein stabiles Rentensystem sieht Schnitzer in mehr Eigenvorsorge: „Dass Menschen selbst sparen, und das auch am Kapitalmarkt, sollte ein Baustein sein, um das Rentensystem zu stabilisieren.
„Wer spart, sollte aber auch richtig sparen. Viele haben ein Sparbuch oder eine Lebensversicherung und damit Produkte, die wenig Rendite abwerfen. Der Aktienmarkt ist über die letzten Jahrzehnte immer der Markt gewesen, wo die Renditen deutlich höher waren“, so Schnitzer. Um das Vertrauen in die Aktienmärkte zu erhöhen, sei mehr Finanzbildung notwendig, an der es aktuell noch fehle.
Haltelinie kostet mehr als 500 Milliarden Euro
Ähnlich äußerte sich Professor Dr. Axel Börsch-Supan, Direktor am Munich Center for the Economics of Aging (MEA), in einem Interview mit der Wirtschaftswoche-Redaktion. „Die Haltelinie bei der Rente festzuschreiben, wird bis 2045 mehr als 500 Milliarden Euro kosten“, warnt der Wirtschaftswissenschaftler.
„Man muss wohl zähneknirschend erkennen, dass die Koalition sich an der Rentenfrage nicht zerstreiten will – selbst wenn das heißt, den größten Unsinn zu produzieren“, so Börsch-Supan. Und weiter: „Wir können nicht alle länger leben und kürzer arbeiten. Das hält die Rentenversicherung nicht durch.“
Die Haltelinie gehe zulasten der Jüngeren und würde vor allem „die Gutbetuchten“ begünstigen, mahnte er mit Blick auf die SPD, die sich besonders vehement für die 48-Prozent-Grenze ausspricht.
Die Bundesregierung ist bei der Frage einer möglichen Rentenreform gespalten. Vor allem aus der Union kommen Forderungen nach einer längeren Lebensarbeitszeit, während die SPD dies bislang ablehnt (20.6.2025).
Die Rente mit 70 ist eine mögliche Lösung […]. Ich weiß aber auch, dass man dafür eine gesellschaftliche Mehrheit braucht.
Pascal Reddig, CDU/CSU Bundestagsfraktion
Rente ab 70 „unumgänglich“
Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU) sprach sich Anfang des Monats in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung dafür aus, die Regelaltersgrenze auch über 2031 hinaus anzuheben. Eine Rente ab 70 sei angesichts des demografischen Wandels „unumgänglich“.

- Pascal Reddig (Bild: Tobias Koch)
Ihr pflichtet Pascal Reddig bei, Vorsitzender der Jungen Gruppe der Unionsfraktion im Bundestag. Man müsse sich „darauf einstellen, länger zu arbeiten“, sagte er am Montag im Interview mit Die Welt. Dazu gehöre auch, „dass wir uns von einigen nicht unbedingt erforderlichen, aber teuren Vorzügen unseres Rentensystems (…) verabschieden“.
„Die Rente mit 70 ist eine mögliche Lösung, das sagen viele Ökonomen und Rentenexperten. Ich weiß aber auch, dass man dafür eine gesellschaftliche Mehrheit braucht und eine Einigung zwischen den Koalitionspartnern. Ein Kompromiss wäre daher, das Renteneintrittsalter an die steigende Lebenserwartung zu knüpfen“, so Reddig.
Reddig plädiert zudem für höhere Abschläge bei Frühverrentungen und fordert, „dass die Rente mit 63 in ihrer heutigen Form faktisch abgeschafft wird“. Die Welle der Frühverrentungen müsse gestoppt werden. Rentensteigerungen sollen zukünftig nicht mehr an die Lohnentwicklung gekoppelt werden, sondern an die Inflation. Experten erwarten, dass die Renten dann langsamer steigen.
SPD bevorzugt österreichisches Modell
Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) hatte zwar bereits im Juli dem ZDF-Morgenmagazin gesagt, sie sei „für alles offen", nachdem sie sich zuvor vehement gegen ein höheres Rentenalter ausgesprochen hatte.
Sie ergänzte jedoch, dass sie gleichzeitig dafür sei, dass künftig auch Abgeordnete, Beamte und Selbstständige in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen, wie es aktuell in Österreich gehandhabt werde. Die Pläne der Union für ein höheres Rentenalter bezeichnete sie als „reine Rentenkürzung“ und unzureichend.
Es regt mich schon auf, wenn […] Leute […] sagen, wir bräuchten die Rente mit 70, die aber selbst noch mit 35 studieren.
Karl-Josef Laumann, CDU
Deutschland habe bereits hohes Renteneintrittsalter

- Karl-Josef Laumann
(Bild: Olaf Konsinsky, CC BY-SA 3.0)
Aber Widerstand gegen ein höheres Renteneintrittsalter kommt auch aus Reihen der CDU. Karl-Josef Laumann, Sozialminister von Nordrhein-Westfalen, kritisiert den Vorstoß von Reddig scharf.
Er könne nicht erkennen, dass es in Deutschland übertrieben hohe Renten gebe, sagte Laumann am Montag der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Es gebe nicht viele Länder in Europa mit einem höheren Renteneintrittsalter als Deutschland.
„Es regt mich schon auf, wenn ich Leute aus den politischen Jugendverbänden erlebe, die sagen, wir bräuchten die Rente mit 70, die aber selbst noch mit 35 studieren“, so Laumann.
Wichtig sei es vielmehr, denjenigen, die schon in jungen Jahren gearbeitet haben, die Chance zu geben, früher aus dem Berufsleben rauszukommen.
Ich erwarte von allen Verantwortlichen mehr Fantasie als einfach nur Leistungskürzungen für die Arbeitnehmer.
Lars Klingbeil, Vizekanzler
Bundeskanzler Merz bereitet Bürger auf soziale Einschnitte vor
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat am Samstag auf dem Parteitag der CDU Niedersachsen in Osnabrück die Bürger auf mögliche Einschnitte in der Sozialversicherung eingestimmt – blieb dabei aber vage. Demnach brauche es eine grundsätzliche Neuausrichtung der Sozialpolitik.
„Ich werde mich durch Worte wie Sozialabbau und Kahlschlag und was da alles kommt nicht irritieren lassen“, sagte Merz. Der Sozialstaat, wie man ihn heute kenne, sei „mit dem, was wir volkswirtschaftlich leisten, nicht mehr finanzierbar“. Er kündigte harte Verhandlungen mit der SPD über Sozialreformen an.
Auch SPD-Chef und Vizekanzler Lars Klingbeil betonte die Notwendigkeit von Veränderungen. „Wir brauchen Strukturreformen, um die Beiträge dauerhaft stabil zu halten“, sagte er den Funke-Medien. Zugleich warnte er vor einseitigen Schritten: „Dabei erwarte ich von allen Verantwortlichen mehr Fantasie als einfach nur Leistungskürzungen für die Arbeitnehmer.“




