15.9.2026 – Mit dem Kabinettsbeschluss zur Frühstartrente ist ein Produkt auf dem Weg, das für die gesamte Vorsorgebranche eine attraktive Zielgruppe erschließt: Kinder ab sechs Jahren und ihre Eltern. Große Anbieter können mit Reichweite und standardisierten Prozessen punkten – selbstständige Makler mit persönlicher Betreuung und Kundennähe.
Zum 1. Januar 2027 soll das Gesetz zur Frühstartrente in Kraft treten. Der Plan: Zehn Euro im Monat, zwölf Jahre lang, machen am Ende 1.440 Euro Staatszuschuss pro Kind. Aus dieser Summe sollen laut Modellrechnung bis zur Rente rund 53.000 Euro werden; vorausgesetzt, die Eltern zahlen selbst weiter ein und der Kapitalmarkt spielt mit (VersicherungsJournal Archiv).
Mit dem Kabinettsbeschluss zur Frühstartrente ist ein Produkt auf dem Weg, das für die gesamte Vorsorgebranche eine attraktive Zielgruppe erschließt: Kinder ab sechs Jahren und ihre Eltern. Für Versicherungsmakler ist das sowohl eine Chance als auch eine Herausforderung, die sich nicht von selbst löst.
Ein Produkt, das eng geschnürt ist
Gefördert werden ausschließlich zertifizierte Standarddepot-Verträge mit einem Effektivkostendeckel von einem Prozent. Bis zur Volljährigkeit des Kindes dürfen keine Abschluss- und Vertriebskosten anfallen.
Das bedeutet: Wer die Frühstartrente vermittelt, verdient daran zunächst nichts. Genau das macht sie für Fintechs und Direktbanken interessant, die auf Masse und Automatisierung setzen können, für klassische Makler dagegen zur betriebswirtschaftlichen Zwickmühle.
Hinzu kommt ein zweiter Streitpunkt, der die Branche seit Wochen beschäftigt: der geplante Verzicht auf eine Beratungspflicht. Nach dem Referentenentwurf soll die allgemeine Beratungspflicht aus § 6 VVG für Standarddepot-Verträge ausgesetzt werden. Auch dann, wenn ein Versicherungsmantel dahintersteht. Der Gesetzgeber will damit einen vollständig digitalen Abschluss ermöglichen.
Kritik aus den Vermittlerverbänden
Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) begrüßt diesen Kurs ausdrücklich, weil er den Vertrieb vereinfacht. Die Vermittlerverbände sehen das naturgemäß anders.
Norman Wirth, Vorstand des AfW – Bundesverband Finanzdienstleistung e.V., spricht von einem „ordnungspolitischen Systembruch“ und beklagt, ein solcher Eingriff werde „über eine verschachtelte Verweisungskette“ im Vorbeigehen geregelt (26.3.2026).
Michael H. Heinz, Präsident des Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute e.V. (BVK), formuliert es grundsätzlicher: „Eine staatliche Standardlösung für alle ist nicht der richtige Weg.“ Beide Verbände stützen damit im Kern die These: Wo der Gesetzgeber Beratung für verzichtbar erklärt, muss sie sich als Vermittler erst recht beweisen.
Reichweite gegen Vertrauen
Die großen Versicherer und die Direktanbieter haben in diesem Rennen einen strukturellen Vorteil. Sie können Frühstartrenten-Verträge über Apps, Vergleichsportale und Bankfilialen in der Fläche ausrollen, ohne dass ein Versicherungsvermittler je persönlich involviert ist. Für ein Produkt mit zehn Euro Fördersumme im Monat rechnet sich das, für einen Makler mit Bürokosten und Zeitaufwand pro Beratungsgespräch eher nicht.
Was Makler dagegensetzen können, ist Tiefe: Eltern, die sich erstmals mit Kapitalmarktprodukten für ihr Kind beschäftigen, haben in aller Regel Fragen, die ein Onlineformular nicht beantwortet: Was passiert, wenn ich die Zuzahlung mal aussetzen will? Wie unterscheidet sich das Depot vom bestehenden Bausparvertrag der Großeltern? Lohnt sich parallel noch eine private Rentenversicherung? Genau hier liegt die Einstiegschance für unabhängige Vermittler.
Der AfW hat diesen Punkt in seiner Stellungnahme selbst benannt, wenn auch als Warnung: Unabhängige Vermittler könnten über die Frühstartrente frühen Kontakt zu einer jungen Generation aufbauen, „den sie sonst nur schwer bekommen“ – vorausgesetzt, aus dem Erstkontakt wird tatsächlich eine Beratungsbeziehung.
Der Verband befürchtet, dass der Gesetzentwurf genau diese Chance verspielt, weil er die Beratung aus dem Produkt herausdefiniert. Für Makler heißt das im Umkehrschluss: Sie müssen sie von sich aus wieder hineinholen.
Was aus dem Zuschuss ein Geschäftsmodell macht
An der Frühstartrente selbst wird kaum ein Makler verdienen. Ihr Wert liegt woanders: als Türöffner zu einer Familie, mit der über Jahrzehnte eine Kundenbeziehung wachsen kann. Wer das Depot einrichtet, sitzt beim nächsten Gespräch über Berufsunfähigkeitsschutz, Immobilienfinanzierung oder die eigene Altersabsicherung der Eltern schon mit am Tisch – vorausgesetzt, das Erstgespräch hat Eindruck hinterlassen.
Dafür braucht es drei Dinge.
- Erstens eine klare, undramatische Sprache: Eltern ohne Finanzhintergrund wollen verstehen, nicht mit Fachjargon beeindruckt werden.
- Zweitens Ehrlichkeit über die Grenzen des Produkts. Wer verschweigt, dass zehn Euro staatlicher Zuschuss allein keine Altersvorsorge sind, verspielt Vertrauen, sobald die Eltern sich selbst informieren und nachrechnen.
- Drittens ein Angebot, das über den einmaligen Vertragsabschluss hinausreicht: regelmäßige, kurze Check-ins, etwa wenn das Kind in die Schule kommt oder die Familie umzieht.
Die Frühstartrente wird also nicht entscheiden, ob unabhängige Makler gegen die großen Vertriebe bestehen. Entscheidend ist, was sie aus dem ersten Kontakt machen. Ein Produkt ohne Provision ist kein Geschäft. Ein Gespräch, aus dem eine langfristige Mandantenbeziehung entsteht, schon.




