BDVM: Schadenregulierung könnte viel schneller sein

12.10.2018 – Der Bundesverband Deutscher Versicherungsmakler hat die Regulierungspraxis der Versicherer, bei der die Kunden unnötig in Bedrängnis gebracht würden, kritisiert. Für schwere Risiken würden die Prämien steigen und manche Branchen bekämen pauschal gar keine Deckung mehr, trotz individueller Vorsorge. Der bisherige Vize Yorck Hillegaart soll die Verbandsführung von Dr. Georg Bräuchle übernehmen.

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Schäden in der Gewerbe- und Industrieversicherung werden zu langsam reguliert. Die Schäden könnten im Schnitt um rund 40 Prozent schneller reguliert werden. Mit verzögerter Regulierung versuchen die Assekuranzen wirtschaftlichen Druck auf die betroffenen Unternehmen auszuüben.

Das hat der Bundesverband Deutscher Versicherungsmakler e.V. (BDVM) festgestellt. „Heute trauen sich viele Sachbearbeiter einfach nicht mehr, den Schaden zum Abschluss zu bringen“, sagte BDVM-Vizepräsident Yorck Hillegaart, geschäftsführender Gesellschafter der Funk Versicherungsmakler GmbH, am Donnerstag in Hamburg vor Journalisten.

Die Anwälte der Versicherer nutzen systematisch aus, dass der Geschädigte beweisen muss, nicht grob fahrlässig gehandelt zu haben.

Dr. Hans-Georg Jenssen, geschäftsführender Vorstand des BDVM

Verzögerte Regulierung hat dramatische Folgen

Hans-Georg Jenssen (Bild: Schmidt-Kasparek)
Hans-Georg Jenssen (Bild: Schmidt-Kasparek)

Die angestellten Regulierer hätten Angst, Fehler zu machen. Sie würden daher die Fälle immer öfter vorab nochmals von der internen Revision oder von externen Anwälten überprüfen lassen. Für die geschädigten Unternehmen kann das dramatische Folgen haben. Wird nicht zügig reguliert, geraten vor allem Mittelständler bei größeren Schäden schnell in wirtschaftliche Schwierigkeiten.

Gleichzeitig kritisierte der BDVM, dass die Assekuranzen und spezialisierte Anwälte die grobe Fahrlässigkeit immer wieder benutzen würden, um für sich einen vorteilhaften Vergleich zu erzielen. Mit dem Vorwurf der groben Fahrlässigkeit würden die Versicherer gleichzeitig nur noch eine geringe Entschädigungsquote in Aussicht stellen.

„Die Anwälte der Versicherer nutzen systematisch aus, dass der Geschädigte beweisen muss, nicht grob fahrlässig gehandelt zu haben“, sagte Dr. Hans-Georg Jenssen, geschäftsführender Vorstand des BDVM. Gleichzeitig würden bei vielen Versicherer im Schadenbereich Personal abgebaut. „Statt 30 Schäden müssen manche Regulierer 150 Schäden in der gleichen Zeit erledigen“, so Hillegaart.

Auch das würde die Qualität der Schadenbearbeitung negativ beeinflussen. Insgesamt glaubt der Hillegaart aber, dass viele Versicherer derzeit einen Bewusstseinswandel durchmachen würden und die Bedeutung einer fairen Schadenabwicklung für das Image der Branche wieder einen höheren Stellenwert einräumten.

Für schwere Risiken fordern die Versicherer teilweise bis zu 20 Prozent mehr Prämie.

Dr. Georg Bräuchle, Präsident des BDVM

Trendwende im Industriegeschäft

Georg Bräuchle (Bild: Schmidt-Kasparek)
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In Teilen des Industriegeschäfts sieht der BDVM eine dramatische Trendwende. „Für schwere Risiken fordern die Versicherer teilweise bis zu 20 Prozent mehr Prämie“, sagte BDVM-Präsident Dr. Georg Bräuchle, zugleich Geschäftsführer der Marsh GmbH. Ausgelöst würden die Preiserhöhungen von der HDI Versicherung. Betroffen seien die Sparten Gebäude, Feuer, Naturgefahren und Betriebsunterbrechung.

Durchschnittliche und leichte Risiken wären bisher von der Preiswelle noch nicht betroffen. Gleichzeitig würden die Versicherer bestimmte Branchen pauschal nicht mehr versichern.

Betroffen wären in der Sachversicherung beispielsweise die Branchen Holz, Kunststoff und Recycling. In der Haftpflicht gäbe es solche Zeichnungs-Verweigerungen unter anderem bei Pharma und Medizinprodukten.

Individueller Schutz spielt keine Rolle mehr

„Dabei spielt es keine Rolle mehr, wie gut ein Unternehmen individuell geschützt ist“, kritisierte Bräuchle. Höhere Prämien könne man den Kunden mit exponierten Risiken erklären, eine generelle Verweigerung des Schutzes hingegen nicht mehr. Auch bei Cyberpolicen zeichnet sich laut dem BVDM eine Trendwende ab.

„Die Versicherer sind mit Kapazitäten vorsichtiger“, so Bräuchle. Kapazitäten bis 500 Millionen Euro könnten derzeit nur noch unter Zuhilfenahme des englischen Marktes ermöglicht werden. Zudem rechnet der Maklerverband damit, dass die derzeit noch sehr niedrigen Prämien für Cyberschutz in der nächsten Zeit signifikant steigen würden.

Schwierigkeiten könnten sich für den britischen Versicherer Lloyd's durch den Brexit ergeben. Das Geschäftsmodell mit der Gründung einer Niederlassung in Belgien sei – zumindest bei der italienischen Aufsicht – umstritten. Hier werde die belgische Lloyd´s als Rückversicherer bewertet.

Zudem würde das Geschäftsmodell, bei dem die Risiken weiterhin vom Mutterhaus in London geprüft werden, wahrscheinlich höhere Kosten mit sich bringen. Daher schätzt der BDVM, dass der britische Versicherer an Bedeutung verlieren wird.

Die Versicherer nehmen sich mehr, obwohl sie fast nichts mehr garantieren.

Oliver Fellmann, Vorstandsmitglied BDVM

Verwaltungskosten der Versicherer gestiegen

Oliver Fellmann (Bild: Schmidt-Kasparek)
Oliver Fellmann (Bild: Schmidt-Kasparek)

Scharfe Kritik äußerte der BDVM-Vorstand Oliver Fellmann, gleichzeitig Geschäftsführer der M.A.R.K. Versicherungsmakler-Gesellschaft mbH, an deutschen Lebensversicherungen. Die Verwaltungskosten seien trotz höherem Risiko für die Kunden sogar noch gestiegen, wenn man die verwaltungsarmen Einmalbeiträge herausrechne.

„Die Versicherer nehmen sich mehr, obwohl sie fast nichts mehr garantieren“, kritisierte Fellmann. Hier sei die Versicherungswirtschaft in der Verantwortung, einen größeren Beitrag zur Entlastung der Kunden zu leisten.

Gleiches gelte für feste Rentenfaktoren bei Vertragsabschluss. Sie seien aus dem Markt verschwunden. Die Kunden wollten aber Sicherheit. Hier müsse die Branche wieder nachlegen. Vor allem die Diskussion über den Run-off großer Lebensversicherer habe zu einem massiven Vertrauensverlust in der Bevölkerung geführt.

Keine Klage gegen Provisionsdeckel

„Zudem erlebt heute die Elterngeneration, dass sich die Versprechungen der Versicherer nicht erfüllt haben, denn die versprochenen Leistungen wurden massiv abgesenkt.“ Daher wird sich der BDVM gegen eine Provisionsbegrenzung für Lebensversicherungen auch nicht rechtlich wehren, um neues Vertrauen aufzubauen.

Er ist sich sicher, dass im Frühjahr ein „vernünftiger“ Entwurf für die Provisionsbegrenzung von der Regierung vorgelegt wird. Dabei müsse nach Vertriebswegen differenziert werden. Mit 1,5 oder 2,5 Prozent der Beitragssumme kämen Versicherungsmakler schwerlich aus. Dann verschiebe sich das Geschäft zur Ausschließlichkeit.

York Hillegaart (Bild: Schmidt-Kasparek)
York Hillegaart (Bild: Schmidt-Kasparek)

„Das ausgerechnet der Sachverwalter der Kunden so Geschäft verliert, würden wir für einen Treppenwitz halten“, so Jenssen.

Der Berufsverband der Makler schlägt daher eine „Buckellösung“ vor bei der die Provisionen erst bei Verträgen mit höheren Summen sinken. So werde besser berücksichtigt, dass jeder Vertrag eine Grundkostenlast habe.

Neuer Präsident

Der 62-jährige Bräuchle hat angekündigt, seine Berufstätigkeit Ende November zu beenden. Deshalb gibt er auch sein Präsidentenamt beim BDVM ab.

Ab dem 16. November soll der ebenso alte Hillegaart den Verband bis zu den nächsten Vorstandswahlen im November 2019 führen.

 
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