Smart Home ist mehr als ein Hype

26.1.2017 (€) – Die Vernetzung von Haustechnik, Haushaltsgeräten, aber auch Unterhaltungselektronik in Wohnhäusern (Smart Home) könnte ein Zukunftsfeld der Assekuranz sein. Auf einer Fachkonferenz wurden die Möglichkeiten und der Rahmen diskutiert.

Für Dr. Karsten Eichmann, Chef des Gothaer-Konzerns ist „Smart Home ein absolut relevantes Thema“. Für 16 Projekte habe sein Haus die Pilotierungen abgeschlossen, sagte er gestern auf dem SZ-Versicherungstag 2017. Als Hindernis für diese Technik sieht er zurzeit noch den Datenschutz.

Karsten Eichmann (Bild: Lier)
Karsten Eichmann (Bild: Lier)

In Kooperation mit Geräteherstellern und bestimmten Service-Dienstleistern wolle man den Kunden, die Schutz und Sicherheit suchen, Smart-Home-Lösungen anbieten. Mit diesen Lösungen könne man dauerhaft am Kunden sein, wenn es gelinge die „Touchpoints“ zu besetzen.

Auch in der Krankenversicherung gibt es zunehmend Bestrebungen, enger am Kunden zu sein, wie sich in einer Podiumsdiskussion auf der Fachveranstaltung zeigte (VersicherungsJournal 26.1.2017).

Hindernis Datenschutz

Die Smart-Home-Lösungen müssten Sorgenfreiheit und Sicherheit bieten und dürften nicht zu kompliziert sein, so Eichmann.

Dabei liege der Gewinn nicht im Verkauf der Geräte („das sind Commodities wie Sensoren, die man inzwischen schon im Baumarkt bekommt“), sondern im Datenschatz, so der Gothaer-Chef.

Mit Smart Home könne man also den Kunden besser kennen lernen – etwa wann er für welche Leistung am besten anzusprechen sei oder welche Risiken er habe. Dafür werde es auf Sicht auch Rabatte für die Produkte oder Assistenzlösungen bei der Schadennachbearbeitung geben, so Eichmann.

In Sachen künstlicher Intelligenz hätten die Versicherer gegenüber den vier, fünf weltweiten Internetfirmen aber Wettbewerbsnachteile. „Wegen der Datenschutz-Anforderungen gibt es kein ‚level playing field‘ [Anmerkung Red.: gleiche Wettbewerbsbedingungen]“, kritisierte Eichmann. „Wie lange halten wir das aus mit unserem Datenschutz?“

Versicherer nicht Nummer eins

Bei gewerblichen Kunden, Kommunen und auch Schulen sei man mit Smart Home bereits „ganz weit vorne, nicht aber beim Privatkunden“, berichtete Martin Fleischer, Vorstand der Bavaria Direkt, der Online-Marke der Versicherungskammer Bayern.

Martin Fleischer (Bild: Lier)
Martin Fleischer (Bild: Lier)

Der Privatkunde suche mit Smart Home Komfort und Prestige „und als Feigenblatt Einsparungen“ – und somit nicht nach einer Versicherungslösung.

„Wir müssen es schaffen, dass er mit Smart Home auch Sicherheit und Versicherung verbindet – von der Prävention bis zur Behebung des Schadens“, so Fleischer.

Dass die Kunden dem Datenschutz der Versicherer vertrauten, sieht Fleischer als eine große Chance für dieses Geschäft und die Branche. Denn das Geschäft, das jetzt vor allem mit Sensoren für Leckagen und Rauchmelder verbunden werde, wachse dank der technischen Entwicklung exponentiell.

Risiken bleiben

Fleischer sieht „1.000 Spielarten – etwa im Bereich der Pflege“. Dort könnten Sensoren beispielsweise das Wohlbefinden älterer Menschen kontrollieren und so dafür sorgen, dass Pflegebedürftige länger zu Hause bleiben können.

Für Kooperationspartner seien die Versicherer interessant, weil sie den Kundenzugang hätten. Smart Home beseitige aber nicht alle Risiken: So nehme das Cyberrisiko infolge des Technikeinsatzes zu, und bestimmte Risiken wie Überschwemmung und Sturm seien mit Smart Home auch nicht zu beseitigen.

Der Rauchmelder verhindere auch nicht den Brand, sondern rette das Leben. Der Ausgleich dieser Risiken im Kollektiv sei aber ureigene Aufgabe von Versicherern.

Nicht allein

Norbert Verweyen (Bild: Lier)
Norbert Verweyen (Bild: Lier)

Smart Home ist auch anderen Branchen wichtig, wie sich auf der Fachveranstaltung weiter zeigte. „Wir halten es wichtig für die Kundenbindung und versuchen, in die Dienste zu kommen“, sagte Dr. Norbert Verweyen, Vorstand der RWE-Tochter Innogy SE.

Haupttreiber sei für Innogy nicht das Energiemanagement, sondern Sicherheit und Komfort. „Wir wollen in diesen Massenmarkt und experimentieren mit einer Reihe von Versicherern. Wir verfolgen verschiedene Ansätze und haben noch keine Blaupause, wie man die Kunden erreicht.“

Die Hardware dieser Lösungen koste rund 1.000 bis 2.000 Euro für ein Einfamilienhaus – und die Preise gäben weiter nach.

Den Datenschutz hält Verweyen für „nicht so exotisch“. Mit der Zustimmung des Kunden habe man „extrem gute Möglichkeiten, etwas anzufangen“. Wichtig sei es jetzt, dass die Versicherer kooperierten.

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